0
Dr. Jens Prager ist Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer OWL. - © Jörg Dieckmann
Dr. Jens Prager ist Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer OWL. | © Jörg Dieckmann

„Gute Zeit, um Handwerker zu bestellen“

Jens Prager von der Handwerkskammer OWL erklärt im Interview, dass die meisten Handwerksbetriebe weiter für ihre Kunden da sind, und warum die Wartezeit auf einen Handwerker derzeit durchaus kürzer sein kann.

Monika Dütmeyer
08.04.2020 | Stand 07.04.2020, 17:02 Uhr

Seit dem 22. März sind einige Handwerksbetriebe – zunächst bis zum 20. April – vom Land NRW geschlossen worden. Welche Dienstleistungen können in Anspruch genommen werden und auf welche Dienstleistungen müssen die Menschen im Moment verzichten?
JENS PRAGER:
Fast alle Handwerksbetriebe sind auch während der Corona-Krise für ihre Kunden im Einsatz. Die Betriebe aus den Bau- und Ausbauhandwerken beispielsweise führen ihre Aufträge weiterhin aus und nehmen auch neue Aufträge entgegen. Auch Kraftfahrzeug- und Zweiradwerkstätten bieten ihren Service an. Die Nahrungsmittelhandwerke, Bäcker, Konditoren und Fleischer, gewährleisten die Versorgung mit heimischen und hochwertigen Lebensmitteln, die alle unter Beachtung höchster Sicherheitsmaßnahmen gefertigt und verkauft werden. Einzig Friseuren und Kosmetikern ist die Ausübung ihres Handwerks aktuell untersagt, da ein Mindestabstand von 1,5 Metern zum Kunden nicht eingehalten werden kann.

Einige Gesundheitsbetriebe wie Hörakustiker, Optiker und orthopädische Schuhmacher dürfen unter Auflagen weiterarbeiten. Wie komme ich in diesen Tagen an einen Termin bei einem Gesundheitshandwerker des Vertrauens?
PRAGER:
Nach den aktuell gültigen Vorschriften des Landes dürfen die genannten Gewerke ihre Dienstleistungen sehr wohl erbringen – und tun dies in den allermeisten Fällen zum Wohl ihrer Kunden auch. Lediglich der Verkauf von nicht mit der Erbringung der handwerklichen Leistung verbundenen Waren ist untersagt. Beispielsweise hat mir der stellvertretende Obermeister der Augenoptiker-Innung, Dieter Großewinkelmann, berichtet, dass er in Gütersloh vormittags für einen Notdienst geöffnet hat. Dann repariert er beispielsweise zerbrochene Brillen. Sollte eine Bestimmung der Brillenstärke notwendig sein, legt er Schutzbekleidung an. Ähnliches gilt für andere Gesundheitshandwerker auch. Selbstverständlich beantworten alle Gesundheitshandwerker ihren Kunden auch telefonisch und digital Fragen.

Für alle, die weiterarbeiten, ist es geboten, einen Sicherheitsabstand von 1,5 Metern einzuhalten und weitere Vorkehrungen zum Infektionsschutz zu treffen. Welche sind das?
PRAGER:
Auf keinen Fall die Hand reichen, Abstand halten und sehr regelmäßig Händewaschen. Hygienevorschriften einhalten lautet das Gebot dieser Zeit. Die Handwerkskammer hat auf ihrer Internetseite Hinweise hierzu veröffentlicht. Von den Verbänden gibt es gewerkespezifische Hinweise. Alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Handwerksunternehmen, die auch nur leichte Krankheitssymptome aufweisen, werden nicht zu Kunden entsandt.

Nach einer Blitzumfrage der Handwerkskammer befürchtet jeder zweite Handwerksbetrieb in Ostwestfalen-Lippe Liquiditätsengpässe – heißt das, dass trotz der Schutzmaßnahmen viele Menschen Angst davor haben, sich Handwerker ins Haus zu holen?
PRAGER:
Vielen Kunden ist gar nicht klar, dass sie weiterhin Handwerker bestellen dürfen. Hier leisten wir offensiv Öffentlichkeitsarbeit. In den meisten Betrieben läuft die Arbeit weiter. Natürlich kommt es vor, dass Kunden einen Auftrag stornieren, weil sie Angst haben, sie könnten sich anstecken.

Führen auch die Schließungen von Schulen, Kitas, Betrieben, etc. zu Einbußen oder werden diese Zeiten auch genutzt, um Arbeiten in dieser Zeit in Ruhe durchführen zu können?
PRAGER:
Das hängt vom Gewerk ab. Wir wünschen uns von den Städten und Gemeinden, aber auch vom Land, dass gerade jetzt Handwerksleistungen durch die öffentliche Hand beauftragt werden. Denn aktuell stehen viele Kitas, Schulen und Hochschulen leer. Die Zeit wäre gerade dort ideal, um den Sanierungsstau jetzt zu beseitigen. Negative Folgen dieser Schließungen spüren gerade die Gebäudereiniger. Aber auch Bäcker und Fleischer, die im Regelfall die Einrichtungen mit handwerklich produzierten Nahrungsmitteln beliefern.

Viele Medienberichte drehten sich in der Vergangenheit um Wartezeiten, wenn es um Handwerksleistungen geht. Ist die Krise eine Chance, um schnell Handwerker zu bekommen?
PRAGER:
Ja, die Zeit ist gut, um eine Handwerkerin oder einen Handwerker zu bestellen. Gerade in den Bau- und Ausbauhandwerken gab es lange Wartezeiten. Diese könnten sich jetzt ein wenig verkürzen. Insgesamt sollten die Kunden gerade jetzt das Handwerk unterstützen – egal ob über einen konkreten Dienstleistungsauftrag oder den Einkauf beim handwerklichen Fachbetrieb.

Auch die Handwerksbetriebe können bei der Kammer die finanziellen Hilfen vom Staat und Land NRW beantragen. Wie wird dieses Angebot angenommen?
PRAGER:
Die Beantragung läuft in NRW nicht über die Kammern, sondern ausschließlich digital über die Bezirksregierungen. Wir als Handwerkskammer beraten unsere Mitgliedsbetriebe, und wir werden von den telefonischen Anfragen aktuell förmlich überrannt. Unsere Corona-Nothilfe-Hotline war deshalb auch an den beiden letzten Samstagen aktiv.

Glauben Sie, dass es auch Betriebe gibt, die sich womöglich aus Stolz oder aus Angst vor bürokratischen Hürden gar nicht melden?
PRAGER:
Das Antragsverfahren ist wirklich extrem schlank gehalten. Trotzdem sind einige der fördertechnischen Regelungen kompliziert und einige Betriebe haben Angst, diese Fragen falsch zu beantworten. Hier stehen wir mit unseren Betrieben gerne beratend zur Seite.

Handwerk ist in allen Ländern der Erde vertreten und wichtig – gibt es in anderen Ländern auch vergleichbare staatliche Hilfestellungen?
PRAGER:
Was in anderen Ländern passiert, hat für mich keine Priorität. Wichtig ist für mich nur, wie unsere Betriebe unterstützt werden können. Die derzeitigen Maßnahmen von Land und Bund begrüße ich daher sehr. Und das Zusammenspiel mit Bezirksregierung und Landesregierung funktioniert toll. Ob die Unterstützungsmaßnahmen am Ende ausreichen, werden wir später sehen. Wichtig ist jetzt, dass das Geld schnell und zügig bei den Betrieben ankommt.

In einer Krise zeigen Menschen oft ihr wahres Gesicht – auf Ihrer Homepage warnen Sie vor Betrügern, die Handwerksbetriebe gegen eine Gebühr von 150 Euro die sofortige Barauszahlung von Hilfen versprechen. Können Sie umgekehrt auch von menschlich Positivem berichten, das die Krise hervorbringt?
PRAGER:
Unsere Mitgliedsbetriebe kommen sehr offen auf uns zu. Viele Handwerkerinnen und Handwerker haben zunächst Redebedarf und schildern uns ihre Situation. Sie sind dankbar, dass ihnen so unkompliziert geholfen wird und dass sie eine Anlaufstelle haben. Einige sind auch erfindungsreich und nutzen die Krise, um sich zu positionieren. Konditoren backen Kuchen, die aussehen wie eine Rolle Toilettenpapier. Orthopädieschuhmachermeister fertigen Schutzmasken aus Plexiglasfolie, diese können zunächst die fehlenden FFP-2 und -3-Masken ersetzen. Andere bauen Schutzvorrichtungen für den Kassenbereich. 90 Handwerksbetriebe aus der Region haben sich vernetzt, um sich gegenseitig zu unterstützen, beispielsweise beim Materialaustausch. Das Handwerk in OWL hält eben zusammen.

Empfohlene Artikel

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.

Kommentar abschicken
realisiert durch evolver group