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In seinem Element: SCP-Trainer Steffen Baumgart wird auch in der 1. Bundesliga an der Seitenlinie alles geben. - © Noah Wedel
In seinem Element: SCP-Trainer Steffen Baumgart wird auch in der 1. Bundesliga an der Seitenlinie alles geben. | © Noah Wedel

Vor dem Saisonstart Interview: SCP-Trainer Baumgart pfeift auf die Expertenmeinungen

Der Chefcoach über Prognosen, Saisonziele, Neuzugänge und die Erfüllung eines Traumes

Frank Beineke
15.08.2019 | Stand 15.08.2019, 13:43 Uhr

Paderborn. Der Countdown läuft. An diesem Samstag, 17. August, startet der SC Paderborn mit dem Gastspiel bei Bayer 04 Leverkusen (15.30 Uhr, BayArena) in die zweite Erstliga-Saison seiner Vereinsgeschichte. Glaubt man der Meinung der meisten so genannten Fußball-Experten, wird die Spielzeit für den SCP mit dem direkten Wiederabstieg enden. Was Paderborns Cheftrainer Steffen Baumgart von solchen Expertenmeinungen hält, was ihm Hoffnung macht und wie er die Neuzugänge bewertet, erklärt er im Interview mit nw.de. Herr Baumgart, der damalige SCP-Trainer André Breitenreiter hatte sein Team vor der Erstliga-Saison 2014/15 als „krassesten Außenseiter aller Zeiten" bezeichnet. Welcher Slogan fällt Ihnen denn zu Ihrem Team ein? Steffen Baumgart: Ich halte nichts von Slogans und auch nichts vom Außenseiter- und Favoriten-Gerede. Wir wissen, was in der Bundesliga auf uns zukommt und was alle denken. Aber krassester Außenseiter? Wir müssen uns nicht kleiner machen, als wir sind. Wir haben Großes erreicht und wollen nun in der Bundesliga bestehen. Dafür müssen wir in jedem Spiel an unsere Grenzen gehen. Das wird uns nicht immer gelingen. Aber wir wollen zeigen, dass wir dort hingehören. In fast jeder Saisonprognose wird der SCP aber als erster Absteiger gehandelt. Ärgert Sie das oder ist es eher ein Ansporn? Baumgart: Ich mache mir darüber keine Gedanken. Wer von den vermeintlichen Experten kennt denn schon meine Jungs? Klar kommt man schnell zu so einer Einschätzung, wenn man uns mit Bayern, Dortmund, Gladbach, Schalke oder Köln vergleicht. Der SCP hat halt eine kleinere Größe und einen kleineren Glanz. Aber wir haben jetzt die Möglichkeit, Bundesliga zu spielen. Und wir wollen uns das so lange wie möglich erhalten. Dann hoffe ich, dass wir nächstes Jahr wieder hier stehen und über die Bundesliga reden. Was macht Ihnen denn Hoffnung? Baumgart: Die tägliche Arbeit macht mir Hoffnung. Die Jungs marschieren, die Jungs entwickeln sich, die Jungs wollen. Wichtig ist, dass wir aus den neuen Situationen und den Fehlern, die wir machen werden, schnell lernen. Das wollen wir. Und das werden wir tun. "Alle erzählen uns, was nicht geht. Aber wir machen es einfach" Und gibt es auch die Hoffnung, dass der SC Paderborn die Gegner mit seiner extrem offensiven Spielweise überraschen kann? Baumgart: Nein. Das kann ich mir nicht vorstellen. Auch unser erster Gegner Leverkusen wird schon letztes Jahr auf uns aufmerksam geworden sein. Die haben sicher viele Spieler von uns gesehen. Da werden wir niemanden überraschen können. Wie groß ist denn die Zuversicht, dass die SCP-Spielidee auch in der 1. Liga zündet? Baumgart: Da sind wir genauso zuversichtlich, wie wir das vor einem Jahr waren. Da stellte sich nach dem Aufstieg in die 2. Liga die selbe Frage. Damals haben alle gesagt: Nein, so werden sie keinen Erfolg haben. Und jetzt sagen viele: In der Bundesliga geht das aber nicht. Viele prognostizieren uns wie vor einem Jahr lange Negativserien. Doch wann hatten wir die denn in der vergangenen Saison? Und so sind wir wieder beim Thema: Alle erzählen uns, was nicht geht. Wir sagen lieber: Wir machen das einfach mal. Was aus dem Machen entsteht, werden wir sehen. Die Zweifel vieler Experten werden sicher auch durch die Transferpolitik genährt. Fast alle Neuzugänge kommen aus unteren Ligen. Sind sie trotzdem mit den Verstärkungen zufrieden? Baumgart: Man sieht mir doch sicher die Zufriedenheit an. Klar würden wir gerade in der Breite des Kaders noch gerne den ein oder anderen dazubekommen. Und wir halten auch Augen und Ohren offen. Wenn sich auf der ein oder anderen Position die Möglichkeit ergibt, wird keiner Nein sagen. Aber es kann auch sein, dass nichts mehr passiert. Und auch dann wäre ich komplett zufrieden. Und wie haben sich die Neuzugänge bislang präsentiert? Baumgart: Ich bin auch da sehr zufrieden. Luca Kilian und Jan-Luca Rumpf sind beispielsweise zwei sehr junge Spieler, die sich prima entwickeln. Ich hätte keine Bauchschmerzen, wenn ich sie ins kalte Wasser schmeißen würde. Ein Rifet Kapic muss sich noch an das Tempo und unseren Fußball gewöhnen, zeigt aber immer mehr Frische und seine Pässe kommen immer besser. Streli Mamba macht vorne einen sehr guten Job, muss aber noch dazulernen. Das gilt auch für alle anderen. Ein Cauly Souza ist jemand, der immer von Anfang an spielen könnte. Doch einen Stammplatz hat bei uns sowieso kein Spieler. Gibt es dennoch Spieler, die nur sehr schwer zu ersetzen wären? Baumgart: Sebastian Schonlau war eigentlich in der Innenverteidigung fest eingeplant und hatte sehr gute Aussichten auf einen Stammplatz. Doch er könnte nun noch zwei Monate ausfallen. Sebastian Vasiliadis wäre sicher auch nur schwer zu ersetzen. Doch auch Vasi muss nun einen Tick zulegen. Er ist nun nicht mehr der unbedarfte Spieler, den keiner kennt, sondern ein zentraler Akteur bei uns. "Niemand hat eine höhere Erwartungshaltung als wir selbst" In den vergangenen drei Spielen gegen Bilbao, Lazio Rom und Rödinghausen gab’s bei insgesamt zehn kassierten Toren jedoch viel Kritik am Defensivverhalten. Ärgert es sie, wenn nach einem 3:3 gegen Bilbao fast nur über die drei Gegentreffer und nicht über die drei Torerfolge gesprochen wird? Baumgart: Es wird halt fast immer zu wenig über die Leistung, sondern nur über Ergebnisse gesprochen. Nach dem 2:4 gegen Lazio hat mir jemand gesagt, dass wir beim vierten Gegentor nicht gut gestanden haben. Das fand ich ganz witzig, denn zu dem Zeitpunkt spielten bei uns zwei 18-Jährige gegen einen Millionensturm. Beim DFB-Pokalspiel in Rödinghausen haben wir trotz der drei Gegentreffer eine gute zweite Halbzeit gespielt. Die Erwartungshaltung von außen ist jedoch letztlich nicht wichtig für uns. Entscheidend ist, dass wir Gas geben. Und das tun wir seit zwei Jahren. Ich glaube zudem, dass niemand eine höhere Erwartungshaltung hat als wir selbst. Hat denn die Vorbereitung ihre Erwartungen erfüllt? Baumgart: Zwischendurch hatten wir leider kleinere Verletzungen, die gestört haben. Aber grundsätzlich sind wir jetzt da, wo wir sein wollten. Ob wir gut auf die Bundesliga vorbereitet sind, werden wir am ersten oder zweiten Spieltag sehen. Vor dem ersten Spiel weiß man nie, wo man steht. Die Partie in Leverkusen wird am Samstag Ihr erstes Spiel als Erstliga-Trainer sein. Geht damit ein Traum in Erfüllung? Baumgart: Es geht durchaus ein Traum in Erfüllung, obwohl ich lange nicht an diese Möglichkeit gedacht hatte. Ich bin stolz, dass ich mir die Erfüllung dieses Traumes erarbeitet habe, denn mich hat keiner auf einen großen Stuhl gesetzt. Ich habe mich wirklich von unten nach oben hochgearbeitet und jede Liga mitgenommen, die es gibt. Ob ich auch ein Bundesliga-Trainer sein werde, wird sich zeigen. Da gehört mehr dazu als ein paar Spiele. Da gibt’s Kollegen, die viel mehr Erfolge und Erfahrung haben. Wären Sie vor dieser Saison bei einem sehr lukrativen Angebot eines ambitionierten Zweitligisten schwach geworden? Baumgart: Nein. Ich kann hier in der Bundesliga arbeiten. Das ist etwas, von dem jeder Trainer träumt. Und wenn man das auch noch selbst erreicht hat, wäre es verdammt schwierig, zu sagen: Nein, lass mal lieber. Ich will nicht. Und warum wird Steffen Baumgart auch in der Saison 2020/2021 einen Erstligisten trainieren? Baumgart: Ganz einfach, weil wir gemeinsam genügend Punkte holen.

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