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Clemens Tönnies steht nach einem rassistischen Zitat unter Druck. Die Konsequenzen jedoch dürften überschaubar bleiben. - © picture alliance / augenklick/firo Sportphoto
Clemens Tönnies steht nach einem rassistischen Zitat unter Druck. Die Konsequenzen jedoch dürften überschaubar bleiben. | © picture alliance / augenklick/firo Sportphoto

Meinung Rassistische Tönnies-Rede: Wenn das Unsagbare zur Normalität wird

Immer häufiger sorgen Politiker, Promis und Unternehmer mit rassistischen Sprüchen für Diskussionen. Meist bleibt das ohne harte Konsequenzen - wie auch im Fall Tönnies. Warum?

Matthias Schwarzer
05.08.2019 | Stand 06.08.2019, 09:19 Uhr

Bielefeld. Auch an Tag vier nach der rassistischen Rede von Clemens Tönnies beim Tag des Handwerks in Paderborn herrscht Fassungslosigkeit. Bei Fußballern, bei Schalke-Fans, bei Verbänden und Politikern. Der Druck auf den Fleischunternehmer und Schalke-Boss aus Rheda-Wiedenbrück wächst - und doch scheint der Fall gänzlich ohne Konsequenzen im Sande zu verlaufen. Ein Einzelfall? Mitnichten. Immer häufiger sorgen Politiker, Promis oder Unternehmer mit rassistischen Sprüchen, Witzen über Minderheiten und anderen Ausfällen für Diskussionen. Meist bleiben ihre Aussagen jedoch ohne Folgen. Warum ist das so? Der Diskurs verschiebt sich Um das Problem genauer zu beleuchten, werden wir uns (ob Sie wollen oder nicht) mit Donald Trump beschäftigen müssen. In einem geleakten Audio-Mitschnitt aus dem Jahre 2005 hatte sich der heutige US-Präsident derart verächtlich über Frauen geäußert, dass für Beobachter des politischen Systems völlig klar war: Das war's - Trump wird gehen müssen. Wie wir heute wissen, kam es anders. Und das Zitat "Grab them by the pussy" beschäftigt seither Politikwissenschaftler und politische Beobachter aus aller Welt. Aus Sicht von Experten markiert der Fall einen Wendepunkt in der politischen Kommunikation in den USA: Erstmals blieb ein unsäglicher Vorfall gänzlich ohne Folgen. Und was immer Trump in seiner Amtszeit noch von sich gab, verlief nach einer kurzen Empörungswelle stets im Sande. Ein Phänomen, das auch in Deutschland zum politischen Alltag geworden ist: Wenn Alexander Gauland den Nationalsozialismus als "Vogelschiss" bezeichnet, wenn Annegret Kramp-Karrenbauer über Transgender-Menschen spottet oder Horst Seehofer über abgeschobene Flüchtlinge witzelt, ist die Empörung stets groß. Konsequenzen für die politische Karriere haben diese Aussagen allerdings nicht. Das ist fast schon herrlich absurd, wenn man bedenkt, dass Politiker in den Neunzigerjahren noch wegen Einkaufswagen-Chip-Affären von ihrem Amt zurücktreten mussten. Die Grenze des Sagbaren Zurück zu Clemens Tönnies. Der ist zwar kein Rechtspopulist - nein, er ist nicht einmal Politiker. Aber vielleicht macht gerade dieser Umstand die Sache so schlimm. Die Verrohung der Sprache hat den sonst so weltoffenen Fußball erreicht - und sogar die Handwerker-Veranstaltung in der ostwestfälischen Provinz. Und es stellt sich die Frage: Hätte Clemens Tönnies das unsägliche Zitat vor zehn Jahren gebracht - was wäre dann passiert? Wissenschaftler gehen diesem Phänomen schon etwas länger nach. Sie sprechen von einer Verschiebung des sogenannten "Overton-Fensters" - eine Theorie des Politikwissenschaftlers Joseph P. Overton. Diese besagt, dass es zu gesellschaftspolitischen Themen Ansichten gibt, die die breite Mitte der Gesellschaft als akzeptabel und diskutabel betrachtet. Diese Aussagen und Ansichten bewegen sich in diesem sogenannten "Fenster". Überschreitet eine öffentliche Person dessen Rahmen, zum Beispiel durch eine besonders radikale These, so läuft sie Gefahr, ihren Posten zu verlieren. Die Forscher glauben, dass sich das Overton-Fenster mit dem Aufkommen des Rechtspopulismus deutlich verschiebt - auch deshalb, weil sich radikale Gruppen die Theorie ganz gezielt zunutze machen. Applaus statt Pfiffe im Publikum Auch die Reaktionen auf den Fall Tönnies passen in diese Theorie. Das Publikum beim Tag des Handwerks soll nicht gepfiffen, sondern sogar applaudiert haben. Während sich Fans des Vereins mit größter Enttäuschung äußern, fordert der Paderborner Bundestagsabgeordnete Carsten Linnemann (CDU) gegenüber Medien ein "Ende der Debatte" und kommentiert den Fall mit einem knappen "Jetzt ist auch mal gut". Wie man das halt so macht, bei einer "Lappalie". Reinhard Rauball, Präsident der DFL, zeigte sich "überrascht" davon, dass "Tönnies das passiert ist". Als habe es sich nicht um eine vorbereitete Rede sondern um einen zufälligen Ausrutscher gehandelt. Noch knapper reagiert Arminia Bielefeld zur Rede seines Sponsors. Dort heißt es nur: "Kein Kommentar". Eine klare Abgrenzung vom Gesagten? Fehlanzeige. Paderborner Vertreter von Kirche, Politik, Verwaltung und die Handwerkskammer schweigen lieber gänzlich nach dem Vorfall, statt deutlich Stellung zu beziehen. Vor ein paar Jahren noch wäre der Aufschrei möglicherweise größer gewesen, möglicherweise wäre Tönnies sogar aus eigenen Stücken von seinem Amt zurückgetreten - sofern er einen solchen Spruch denn überhaupt öffentlich auf einer Bühne präsentiert hätte. Denn auch das gehört zur Verschiebung des Overton-Fensters: Plötzlich wird das Unsagbare ganz einfach sagbar. Es gibt aber auch die gegenteilige Theorie: Möglicherweise wird die Gesellschaft einfach aufmerksamer, wenn es um Rassismus und die Diskriminierung von Minderheiten geht. Möglicherweise wäre Tönnies' Zitat vor einigen Jahre nicht einmal bemerkt worden. Was bleibt vom Tönnies-Eklat? Den Schaden tragen in jedem Fall die Opfer des unsäglichen Tönnies-Spruchs. Denn seine Aussage steht im Raum, sie wird viel diskutiert und zitiert, richtet jede Menge Schaden an - bleibt aber gänzlich ohne Folgen für seinen Urheber. Wie genau der Fall Tönnies ausgehen wird, weiß derzeit niemand. Der Schalker Ehrenrat will sich voraussichtlich am Dienstag (und damit ganze fünf Tage nach dem Ereignis) mit den umstrittenen Äußerungen seines Aufsichtsratsvorsitzenden befassen. Gut möglich, dass der Trubel um sein Zitat in einigen Tagen wieder abebbt und der Schalke-Boss gänzlich ohne Schäden davonkommen wird. Für viele Fans des Vereins dürfte dieser Umstand ein Schlag in die Magengegend sein. Der Blogger Hassan Talib Haji schrieb beispielsweise auf Twitter: "Mir geht das sehr nahe, weil ich Afrikaner bin und Schalke-Mitglied. Ich bin tieftraurig darüber, dass so etwas in unserem Klub ohne Konsequenzen bleibt, nur wegen einer fadenscheinigen Entschuldigung." Und die Befürchtung besteht, dass dies nicht der letzte Vorfall dieser Art bleiben wird.

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