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Viele Kinder können bei Motorengeräuschen gut schlafen: Einige Eltern betreiben darum das sogenannte Dream Driving. Sie fahren den Nachwuchs um den Block. - © Getty Images/iStockphoto
Viele Kinder können bei Motorengeräuschen gut schlafen: Einige Eltern betreiben darum das sogenannte Dream Driving. Sie fahren den Nachwuchs um den Block. | © Getty Images/iStockphoto

Ton-Design Der perfekte Auto-Sound

Mehr als 100 Geräusche werden für moderne Autos künstlich erzeugt, um das perfekte Fahrgefühl akustisch und emotional zu verstärken. Auch bei Elektro-Autos. Denn Autofahren ist mehr als nur Gas geben. Für viele Menschen ist es ein Lebensgefühl.

Tina Gallach
19.06.2020 | Stand 19.06.2020, 13:31 Uhr

Rrrroaaarrrr – der Fahrer drückt das Gaspedal, einmal, zweimal, dreimal. Der typische Sound des Sportwagens erklingt, lässt die Luft vibrieren. Bei Liebhabern dieser oder jener Marke löst er einen wohligen Schauer aus, der sich seinen Weg vom Nacken die Wirbelsäule abwärts sucht.

Rrrroaaarrrr – es ist mehr als nur ein Geräusch. Mehr als der typische Sound dieser Marke. Es ist ein akustisches Logo. Es ist Schall gewordene Emotionalisierung. Auch deswegen kaufen bestimmte Menschen bestimmte Marken und andere Menschen andere Marken. Solche, die mehr nach Brummbrumm klingen. Oder nach Rrrrrr-rrrrrr. Denn Autofahren ist für die meisten ein Lebensgefühl. Dabei muss für den Fahrer alles passen: Form, Farbe, Geruch, Haptik. Und eben auch der Sound.



TÖNE WECKEN EMOTIONEN

Geräusche können viel in uns auslösen. Der Hörsinn ist der erste Sinn, mit dem schon Ungeborene an der Welt außerhalb des Mutterbauches Anteil nehmen. Mittlerweile weiß man, dass Babys etwa ab der 24. Schwangerschaftswoche hören können. Sie hören die Stimme ihrer Mutter genau so wie ihren Herzschlag. „Vom dritten Trimester an können sie auch die Stimme des Vaters hören, wenn er mit normaler Lautstärke in der Nähe des Bauches der Mutter spricht", sagt Kenneth Gerhardt, Experte für Hörentwicklung bei Ungeborenen.

Zudem ist der Hörsinn das direkte Tor zu unseren Emotionen. Während wir unseren Augen nicht immer trauen können, sind die Ohren ein zuverlässiger Kompass. Herausgefunden hat das unter anderem Antje Gerdes, Psychologin an der Uni Mannheim. Sie hat erforscht, wie das Gehirn akustische Eindrücke verarbeitet. Dafür wurden Probanden emotionale Geräusche wie Lachen oder Weinen vorgespielt, und das Ergebnis mithilfe von Nahinfrarot-Spektroskopie sichtbar gemacht.

100 GERÄUSCHE FÜRS AUTO

Dabei zeigte sich, dass alle emotionalen Geräusche zu einer sehr hohen Aktivität in dem Bereich der Großhirnrinde geführt haben, in dem akustische Reize verarbeitet werden. Aus diesem Grund kann Musik zum Beispiel direkt auf unsere Emotionen wirken, uns zum Weinen bringen, selbstbewusster machen, beruhigen oder beim Sport antreiben.

Genau so funktioniert die Sache mit dem Motorensound – für manchen ja auch eine Art Musik. Trifft er den Nerv des Hörenden, kann das durchaus glücklich machen. Dafür arbeiten Sound-Designer an der richtigen Klang-Ästhetik: Bis zu 100 Geräusche werden für jedes Auto entwickelt, dafür sitzen die Experten in Studios vor großen Boxen an Schaltpulten mit vielen Reglern und schieben diese millimeterweise so lange in neue Positionen, bis die Gänsehautgarantie da ist. Was aber ist mit Elektro-Autos. Sie klingen statt nach Rrrroaaarrrr oder Brummbrumm schließlich eher nach einem angenehmen Surren.

INDIVIDUELLER KLANG

Auch dafür wird am Sound gefeilt. Auch bei E-Mobilen kümmern sich Klang-Designer darum, ein unverwechselbares Fahrgeräusch zu entwickeln. Zum einen sollen auch die Elektro-Marken individuell klingen. Zum anderen soll auch mit Strom statt Benzin im Auto das Fahrgefühl durch den passenden Klang unterstützt werden. Der Weg zum richtigen Elektro-Klang ist ähnlich wie beim Verbrenner: Ton-Ingenieure entwickeln, verwerfen und modifizieren so lange, bis sie den perfekten Sound gefunden haben. Emotion inklusive.

Das, was dabei gewollt ist – leise Geräusche beim Fahren – ist gleichzeitig die größte Herausforderung. Denn die geringe Lautstärke, mit der sich Elektroautos durch den Straßenverkehr pirschen können, kann gefährliche Situationen entstehen lassen. Darum musste in Sachen Lautstärke nachgerüstet werden: Angelo D’Angelico, Geräuschanalytiker aus Berlin, hat in Studien nachgewiesen, dass Elektroautos speziell beim Anfahren und Ausparken zu wenig wahrgenommen werden. Darum müssen Elektroautos seit dem 1. Juli 2019 per Gesetz bei niedrigen Geschwindigkeiten Warnsignale von sich geben. Ab 25 Kilometer pro Stunde sind dann die mechanischen Geräusche von Fahrtwind und rollenden Reifen laut genug.

BERUHIGENDE RUNDEN

Die eigentlich schöne geringe Lautstärke bringt aber noch etwas anderes mit sich: In Deutschland praktiziert laut Nissan mehr als die Hälfte der frisch gebackenen Eltern wenigstens einmal pro Woche das sogenannte Dream Driving: Den Nachwuchs im Auto um den Block kutschieren, damit der besser einschläft. 70 Prozent der Betroffenen vermuten, dass die Fahrzeugbewegungen das Kind in den Schlaf wiegen. Tatsächlich aber sind es überwiegend die beruhigenden Tonfrequenzen des Verbrennungsmotors.

Im Elektrozeitalter ist Dream Driving also schwieriger geworden – das vertraute Brummen fehlt. Darum hat man bei Nissan gemeinsam mit Sounddesigner und Schlafcoach Tom Middleton ein Einschlaflied entwickelt, das die beruhigenden Klangfrequenzen eines brummenden Verbrenners imitiert, um Kinder auf bewährte Weise in den Schlaf zu wiegen. Emotion statt Emission. Auch ohne lautes Rrrroaaarrrr.

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