Die Einkaufsstraße "La Rambla" in Barcelona wird von Touristen überflutet. - © dpa
Die Einkaufsstraße "La Rambla" in Barcelona wird von Touristen überflutet. | © dpa

Expedition EU Billigflüge und Kreuzfahrt-Boom: Barcelona wird von Touristen überrannt

Der Schifftourismus boomt, Flüge werden immer günstiger. Touristen-Metropolen profitieren zwar davon — doch der Massentourismus hat auch Schattenseiten. Das zeigt sich im völlig überrannten Barcelona.

Tom Sundermann
25.05.2019 | Stand 25.05.2019, 13:23 Uhr |
Matthias Schwarzer

Joris Gräßlin

Barcelona. Schon der Hinflug von Budapest nach Barcelona ist irgendwie anders. Touristen brüllen durchs Flugzeug, ordern einen Schnaps nach dem anderen. Der Flug in die spanische Metropole mutiert zum Saufgelage. Kein Wunder: Barcelona ist Partymetropole — aber auch für Sightseeing-Touristen aus ganz Europa ein absoluter Anziehungspunkt. Mehr als 10 Millionen Menschen kommen jedes Jahr, um die spanische Großstadt zu besuchen - Barcelona selbst hat nur 1,5 Millionen Einwohner. Die Stadt profitiert zwar vom Massentourismus, doch die Entwicklung hat auch Schattenseiten. „Overtourism" nennt Antoni Raja-i-Vich das Phänomen. Er lehrt Sozialwissenschaften in der spanischen Großstadt und hat an der Uni Barcelona an verschiedenen Tourismus-Projekten mitgewirkt. Wir treffen ihn auf der Expedition EU im historischen Casa de Convalescència der Universität. Draußen prasselt der Regen an die Fensterscheiben. Die meisten Touristen haben sich an diesem schmuddeligen Tag in die Cafés verzogen. An Sonnentagen allerdings sieht das anders aus. Verfolgen Sie unsere drei EU-Reporter live auf Instagram. „Einheimische sind gezwungen, die Stadt zu verlassen" „In der Haupturlaubszeit verstopfen Touristen die Straßen und Gehwege. Und sie überfluten die berühmte Einkaufsstraße ‚La Rambla‘ und die historischen Sehenswürdigkeiten der Stadt", erklärt Raja-i-Vich. Die schlimmste Auswirkung aber: „Unternehmen fokussieren sich immer mehr auf Touristen. Kleine Geschäfte für Einheimische müssen schließen. Leute vor Ort nennen Barcelona inzwischen „Zaracelona" - angelehnt an die spanische Modekette Zara, von der es allein in der Innenstadt gleich mehrere Filialen gibt. „Vor allem in der Innenstadt, dem gothischen Viertel oder dem Stadtviertel „El Raval" fühlen sich Einheimische unter den vielen Touristen inzwischen völlig fremd", erklärt der Experte. Allein im vergangenen Jahr gab es in ganz Barcelona 32 Millionen Übernachtungen. „Hier kriegt man kaum noch Wohnungen, da ein Großteil für Touristen über Airbnb vermietet wird. Die Mieten sind so in die Höhe geschossen, dass Einheimische gezwungen werden, die Stadt zu verlassen." Erste Anzeichen für den Übertourismus habe es bereits in den Neunzigerjahren gegeben. Schon damals habe es Konflikte zwischen Einheimischen und Touristen gegeben. Doch seit Flugreisen für billiges Geld zu haben sind, grenzenloser Reisefreiheit nichts mehr im Wege steht und Kreuzfahrten boomen, habe das Problem noch mal eine ganz andere Qualität angenommen. Der Podcast zur Expedition EU kann bei Spotify, Apple Podcasts und weiteren Portalen abonniert werden. Besoffene Touristen schlafen auf den Straßen Die Schiffe verpesten nicht nur die Luft in der spanischen Metropole — Touristen pilgern zu Tausenden von Bord direkt zu den touristischen Hotspots. Orte wie La Sagrada Família, Park Güell, oder die Kathedrale seien für Einheimische heute praktisch unbegehbar, sagt Raja-i-Vich. „So ein Kreuzfahrtschiff fasst 10.000 Passagiere. Sie können sich vorstellen, was dann hier los ist." Auch das Verhalten der Touristen sei ein großes Problem: Sie trinken zu viel, feiern und grölen bis tief in die Nacht, Anwohner halten den Lärm kaum aus. „Wenn man morgens durch die Straßen geht, liegen die Touristen auf der Straße und schlafen ihren Rausch aus." Gleiches gelte für die katalanische Küste, die seit ein paar Jahren verstärkt zum Ziel von Sauftouristen geworden ist. „Es gibt verschiedene Low-Budget-Airlines, die gezielt mit Party-Urlauben werben und mit extremen Billig-Flügen Touristen zum Partymachen nach Barcelona locken", weiß Raja-i-Vich. Für Anwohner ein massives Problem. Die Bevölkerung der spanischen Großstadt reagiert inzwischen mit Protest. An vielen Ecken in Barcelona sieht man Schilder und Graffiti mit dem Spruch „Tourists go home" - oftmals geschrieben in katalanisch, sodass die Touristen selbst es vermutlich niemals bemerken. Auch Demos hat es schon gegeben. Lösungen aus anderen Ländern Und die Politik? Die hält sich bislang weitestgehend raus. Die Parteien hätten das Problem zwar erkannt, doch die Einheimischen fühlten sich von den Politikern allein gelassen, erklärt Raja-i-Vich. Das zögerliche Handeln erklärt sich der Experte auch damit, dass die Touristen immerhin „mehrere Millionen Euro" pro Tag in Barcelona lassen. Racha-i-Vich glaubt, dass man das Problem eher im Kleinen lösen kann - zum Beispiel mit einer vernünftigen Aufklärungskampagne. „Touristen müssen besser informiert werden", sagt er. „Es gibt so viele Möglichkeiten, Barcelona zu erkunden. Es muss nicht immer ‚La Rambla‘ oder die Flamenco-Show sein." In anderen Städten gibt es solche Ansätze bereits: In der niederländischen Hauptstadt Amsterdam ist „Overtourism" ebenfalls ein Problem. Als wir die Stadt während der Expedition EU besuchen, spricht Stadtführerin Theresa Huber von Junggesellenabschieden mit Männern, die in die Ecken pinkeln und Anwohnern das Leben schwer machen. Das hat Konsequenzen: Der Verkauf von "Bier-Bikes" für Sauftouren ist in Amsterdam seit 2017 verboten. Zudem beschloss die Stadtverwaltung, in er Innenstadt keine neuen Geschäfte mehr zu genehmigen, die sich ausschließlich an Touristen richten. Die Situation im Zentrum mache diese "harten Maßnahmen nötig", sagte seinerzeit die amtierende Bürgermeisterin Kajsa Ollongren. Wenn es nur noch Geschäfte mit einseitigem Angebot für Touristen gebe, verarme die Innenstadt. Mit einer Kampagne versuchte die niederländische Fluggesellschaft KLM im vergangenen Jahr, Touristen von den Amsterdamer Hot-Spots wegzulocken - hin zu weniger bekannten Orten der Stadt. Eine App soll helfen Raja-i-Vich wünscht sich, dass auch die Europäische Union etwas gegen das Problem tut. „Die EU ist großartig, wenn es darum geht, Kultur und touristische Sehenswürdigkeiten zu bewerben", sagt er. „Was jedoch fehlt sind Pläne, Tourismus vernünftig zu koordinieren. Und zwar so, dass es auch für die Anwohner erträglich ist." Tourismus einfach nur als Erlebnis zu bewerben, ohne die kulturellen Hintergründe der Städte und Länder zu erklären, hält der Experte für „sinnlos". „Besser wäre es, Europa und seine kulturelle Vielfalt darzustellen — und die Menschen nicht nur zu einigen wenigen Sehenswürdigkeiten zu schicken." Raja-i-Vich hat damit in Kleinen bereits begonnen. Zusammen mit Studierenden der Uni Barcelona hat er eine Tourismus-App entwickelt, die auch die eher unbekannten Orte Barcelonas zeigt — und einordnet. Darin wird beispielsweise erklärt, dass Paella eigentlich gar kein katalanisches Gericht ist, sondern aus Valencia stammt. Und dass man auch woanders einkaufen kann, als auf „La Rambla". Ein kleiner Schritt mit großer Wirkung, hofft der Tourismus-Experte. Seine App soll in Kürze auch auf Französisch und Deutsch übersetzt werden. Die Expedition EU wird von der Bertelsmann Stiftung unterstützt.

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