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Höxter Kriminalpsychologin Lydia Benecke über das Folterpaar von Bosseborn

Interview: Kriminalpsychologin und Autorin Lydia Benecke spricht im Dezember exklusiv in der Stadthalle unter wissenschaftlichen Aspekten über Wilfried und Angelika W. Der NW gibt sie einen Überblick zur Psychologie von Folterpaaren

Vivien Tharun
01.12.2017 | Stand 06.12.2017, 18:31 Uhr

Kriminalpsychologin Lydia Benecke wollte im Dezember exklusiv in der Stadthalle Höxter über Wilfried und Angelika W. sprechen. Die Veranstaltung wurde inszwischen abgesagt. Beide stehen im Horrorhaus-Prozess vor Gericht. Ihnen wird vorgeworfen, über Jahre hinweg Frauen nach Höxter gelockt und dort misshandelt haben. Zwei Frauen starben. Frau Benecke, am 9. Dezember gastieren Sie mit dem "Höxter Spezial" Ihres Vortrags "Die Psychologie tödlicher Paare" in der Residenz Stadthalle. Was ist der Unterschied zu Ihrem normalen Vortragsprogramm? Lydia Benecke: In meinen Vorträgen gebe ich meist Hintergrunderklärungen zu den Fällen, die ich teilweise auch in meinen Büchern beschreibe. Dazu gehört auch die Psyche von Folterpärchen. Auf die Idee, etwas speziell über Höxter-Bosseborn zu machen, haben mich Zuschauer gebracht, die extra aus Höxter zu einer meiner Lesungen nach Hameln gekommen sind. Sie wollten verstehen, warum ihre Nachbarn so etwas getan haben. Mich hat es sehr beeindruckt, dass sie extra nach Hameln gekommen sind und darum habe ich mich entschlossen, direkt in Höxter eine Veranstaltung zu machen. Dann ist der Vortrag exklusiv für die Stadt? Mit Blick auf das Geschehene? Benecke: Ja, bis auf Weiteres schon. Die Frage, warum das alles passiert ist, lässt sich in einem gewissen Umfang wissenschaftlich beantworten. Ich hoffe, mein Vortrag kann helfen, die Ereignisse etwas einzuordnen. Es wird mittelfristig allerdings noch ein Programm in abgewandelter Form über ähnliche Paare geben, aber nicht mit solch einer geografischen Nähe. Sie haben schon vor Ihrem Auftritt in Hameln in anderen Medien über die Psyche von Wilfried und Angelika W. gesprochen... Benecke: Ja, ein paar Journalisten, die mein Buch über Sadisten gelesen hatten, haben mich zu Bosseborn angesprochen. Im Buch stehen zwei Fälle über andere Folter-Paare. Was haben diese Fälle mit Bosseborn gemeinsam? Benecke: Das ist schwer vergleichbar. David Parker Ray und Cameron Hooker haben ihre Partnerinnen instrumentalisiert, um ganz spezielle sexuell-sadistische Neigungen an ihren Opfern ausleben zu können. Nach derzeitiger Informationslage scheint es, als wäre Wilfried W. eher von Wut als von sehr spezifischen, sexuellen Fantasien gesteuert gewesen. Es gab nicht wie in den beiden beschriebenen Fällen ein gesondertes Folterzimmer oder eigens dafür präparierte Lieblingsutensilien für Bestrafungen. Vielmehr hat das Paar Pseudo-Regeln aufgestellt, die bei Bruch irgendeine Form von Bestrafung, teilweise mit beliebigen Haushaltsgegenständen, nach sich zogen. Hinter den Fällen steht aber meist ein großer Frauenhass. Dieser kann sich in sexueller und nicht sexueller Gewalt zeigen. Wie kommt es dann eigentlich, dass die Partnerinnen bei solchen Taten mitmachen? Benecke: In den bekannten Fällen waren die Biografien der Frauen immer auffällig. Sie hatten bereits Opfererfahrungen wie Missbrauch oder Misshandlung gemacht. Unbewusst spielen sie dann das Erlebte in der Partnerschaft nach. Also genau anders herum als bei den männlichen Tätern? Benecke: Ja, tendenziell ist es so, dass erwachsene Männer im Vergleich mit erwachsenen Frauen häufiger selbst zu Tätern als zu Opfern werden, wenn sie als Kind misshandelt wurden. Das kann sich später in einem weiten Spektrum von Herrschsucht bis hin zum Mord zeigen. Frauen neigen häufiger dazu, wieder in die Opferrolle zu schlüpfen. Sie fühlen sich fataler Weise zu genau dem Typus Mann hingezogen, bei dem eine durchschnittliche Frau schon nach dem ersten Date ein schlechtes Bauchgefühl hätte. Warum ist Angelika W. dann auch zur Täterin geworden und warum dann vorher die Scheidung von Wilfried? Benecke: Warum genau die beiden sich scheiden ließen, ist Spekulation. Es ist vorstellbar, dass ein unsicherer Bindungsstil, wie er bei vorbelasteten Personen vorkommt, neben finanziellen Motiven ein weiterer Grund sein könnte. Dass Angelika W. zur Täterin wurde, ist im Vergleich mit den anderen bekannten Fällen nicht außergewöhnlich. Die Frauen versuchen, selber Misshandlungen zu entgehen, in dem sie sich auf das Angebot einlassen, dass ihr Mann eine dritte Person quälen darf. Wenn die Frau dann selber beginnt zu Foltern, kommt sie auf eine Machtebene mit dem Mann. Zudem setzt auch eine Art Lerneffekt ein und sie denkt: "Ich muss nicht immer das Opfer, ich kann auch Täter sein". Das ist dann keine rationale Entscheidung, sondern ein rein emotionaler Vorgang. Menschen, die in unmittelbarer Nachbarschaft des Horrorhauses in Bosseborn leben, haben die Vorfälle schwer mitgenommen. Wie kann man so etwas verarbeiten? Benecke: Man stellt sich immer die schwere Frage: "Hätte ich etwas merken können?". Um besser mit dem Fall umgehen zu können, sollte man die allgemeine Situation in der Nachbarschaft ansehen: Das Pärchen galt als zurückgezogen und passte nicht in das Sozialgefüge. Das Haus war heruntergekommen und es gab Streit. Aber: Heruntergekommene Häuser und streitende Paare gibt es überall. Die aller wenigsten lauten Pärchen sind kriminell. Wilfried und Angelika W. waren nicht auffälliger als jedes andere etwas asoziale Paar. Es war also gar nicht möglich, vorher eine Annahme zu treffen. Es war ein sehr, sehr seltener Ausnahmefall, der nicht vorhersehbar war. Dieser Gedanke kann entlastend sein. Zum Schluss: Waren Sie schon einmal in Höxter? Benecke: Ich war vor Ort, als der Fall bekannt wurde. Ich habe einen Investigativ-Reporter von Köln nach Höxter begleitet. Ich hatte einen Termin mit ihm, als er angerufen wurde, um aus Bosseborn zu berichten. Als wir ankamen, standen vor dem Haus unglaublich viele Medienvertreter. Einige haben mir dann erzählt, was sie über den Fall wussten oder direkt mit mir über die Psyche des Paares gesprochen, weil sie mein Buch gelesen hatten. Ein zweites Mal war ich in Höxter, weil mich die Höxteraner Zuschauer aus Hameln, zu sich eingeladen hatten. Werden Sie nach Ihrem Vortrag in der Stadthalle dem Publikum für Fragen über Täterpaare zur Verfügung stehen? Benecke: Ja. Und ich gehe erst, wenn alle Fragen beantwortet wurden.

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