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An der Universität Bielefeld kommen viele Menschen zusammen. Geschlechtsbezogene Gewalt kommt auch dort vor. Uni und Asta ergreifen dafür Maßnahmen. - © Sarah Jonek
An der Universität Bielefeld kommen viele Menschen zusammen. Geschlechtsbezogene Gewalt kommt auch dort vor. Uni und Asta ergreifen dafür Maßnahmen. | © Sarah Jonek

Alarmierende Studie Unis in OWL reagieren auf Probleme mit geschlechtsbezogener Gewalt

Eine neue Studie zeigt, dass geschlechtsbezogene Gewalt auch an Hochschulen ein Problem darstellt. Zuletzt sorgte ein Vorfall in Bielefeld für Diskussionen. Was tun die Unis dagegen?

Andre Schneider
28.11.2022 , 10:00 Uhr

Bielefeld/Paderborn. Dieser Fall hat rund um die Universität Bielefeld für Diskussionen gesorgt: Während der traditionellen "Ersti-Woche" der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften sollten Studenten Punkte bei einer Party-Tour sammeln. Dabei sollten sie teils sexistische Aufgaben lösen - und dafür weit in die Intimsphäre anderer eindringen. Kein Einzelfall, wie eine Studie des Gesis-Leibniz-Institutes für Sozialwissenschaften zu geschlechtsbezogener Gewalt an Europas Universitäten gezeigt hat. Ostwestfalen-Lippes Hochschulen in Paderborn und Bielefeld haben bereits Maßnahmen ergriffen.

Die Studie

Fast zwei von drei Studierenden und Uni-Mitarbeitenden gaben an, mindestens einen Fall geschlechtsbezogener Gewalt erlebt zu haben. Personen, die sich als nicht-binär oder Mitglied einer LGBQ+-Gemeinschaft identifizieren (68 Prozent), die eine Behinderung oder chronische Krankheit angeben (72) oder die einer ethnischen Minderheit angehören (69), werden laut der Studie mit höherer Wahrscheinlichkeit zum Opfer. Gemeint sind damit nicht nur körperliche Übergriffe. Die Forscher haben geschlechtsbezogene Gewalterfahrungen in folgende Kategorien unterteilt: Körperliche, sexuelle, psychologische oder wirtschaftliche Gewalt, sowie Gewalt im Internet und Gewalt wegen der sexuellen Orientierung oder einer Zugehörigkeit zu Minderheiten.

„Geschlechtsbezogene Gewalt ist ein systemisches Problem, das wissenschaftliche Einrichtungen nicht weniger betrifft als andere Teile der Gesellschaft“, sagte die promovierte Wissenschaftlerin Anke Lipinsky, die das Projekt betreut, gegenüber dem WDR. Von Januar bis Mai 2022 nahmen Mitarbeiter und Studierende aus 46 Hochschulen und Forschungseinrichtungen aus 15 Ländern Europas an der Umfrage teil.

Auch an Ostwestfalen-Lippes größten Hochschulen in Paderborn und Bielefeld ist das Thema längst erkannt. "Universitäten sind in vielerlei Hinsicht ein Spiegelbild der Gesellschaft, auch bei Problemen wie geschlechtsbezogener Gewalt", stellt Ingo Lohuis, Pressesprecher der Universität Bielefeld, klar. Die Uni hat deshalb Maßnahmen ergriffen.

Maßnahmen an der Universität Bielefeld

Die Universität Bielefeld ist sich bewusst, dass sie dieses gesellschaftliche Problem strukturell angehen muss, stellt Lohuis auf Anfrage dieser Redaktion klar. Bereits seit 2001 hat sie daher als eine der ersten Universitäten Deutschlands eine Richtlinie gegen sexualisierte Diskriminierung und Gewalt (SDG) veröffentlicht. "Aktuell wird diese Richtlinie in einer Arbeitsgruppe überarbeitet", so Lohuis. Es gehe darum, bei neuen, zum Beispiel virtuellen, Gewaltphänomenen schneller handlungsfähig zu sein. In diesem Prozess wird Geschlechtervielfalt ausdrücklich mitgedacht.

Es gibt an der Universität Bielefeld außerdem Anlaufstellen für unterschiedliche Betroffenengruppen und unterschiedliche Bedarfe: Das sind beispielsweise das Bedrohungsmanagement, das Beratungsangebot für Frauen, die zentrale Studienberatung, das Justiziariat oder die Personalräte. Auch über eine Mailadresse (diskriminierungserfahrungen@uni-bielefeld.de) können sich Betroffene melden. Gegenwärtig wird ein Konzept für eine zentrale Institution gegen Diskriminierung entwickelt.

Die Universität Bielefeld verfügt zudem über zahlreiche Präventionsangebote und -maßnahmen. Dies sind beispielsweise die Sensibilisierungs- und Gewaltpräventions-Schulungen für unterschiedliche Zielgruppen, Selbstverteidigungskurse oder auch ganz praktisch: All-Gender-Toiletten und Frauenparkplätze.

Wie bewerten Studierende die Situation?

Das Bedrohungsmanagement hat vor allem den Fokus auf körperliche, sexuelle und teilweise auch psychologische Gewalt, verdeutlicht das Referat für Gleichstellung des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta). Der Frauennotruf unterstütze durch psychologische Beratung. Dazu zähle auch Unterstützung beim Gang zur Polizei oder zum Gericht, sowie bei der Suche nach Rechtsanwälten oder Therapeuten. Allerdings ist laut Aussage des Asta an der Uni Bielefeld nicht alles Gold, was glänzt.

"Was fehlt, ist ein anonymer Meldeweg. Wir stoßen diesbezüglich immer wieder an Grenzen. Wenn Studierende sich an das Bedrohungsmanagement, die Zentrale Studienberatung oder an uns wenden, ist dies nur dann komplett anonym, wenn sich die Betroffenen im Vorhinein eine Mail-Adresse erstellen, von welcher aus nicht auf die Person rückgeschlossen werden kann." Ein anonymes Meldefeld wäre deutlich einfacher - auch bei der Auswertung.

Vorkommnisse bei den Wirtschaftswissenschaftlern wirken nach

Asta und Studierendenparlament hatten zudem nach den sexistischen Aufgaben bei der Ersti-Woche der Wirtschaftswissenschaften Konsequenzen gefordert. Die Universität reagierte insofern, dass sie nun Ansprechpartner für Fachschaften benennen will, wenn diese ein Sensibilisierungsangebot wahrnehmen wollen. "Dies betrifft jedoch zur Zeit unseres Wissens nur die Fachschaften und ist auch nicht verpflichtend." Der Vorstand der Fachschaft Wirtschaftswissenschaft ist inzwischen geschlossen zurückgetreten. Es wird neu gewählt.

Kritisiert wird auch, dass Sensibilisierungsangebote für die Angestellten der Universität fehlen. Idealerweise sollten nach Ansicht der Gleichstellungsbeauftragten diese verpflichtend sein, da solche Angebote in der Regel nicht von den Personen wahrgenommen werden, die einen größeren Sensibilisierungsbedarf haben.

Außerdem klagt das Asta, es komme in der Uni zu Zwangsouting-Situationen von Trains-, Inter- oder nonbinären (TIN) Studierenden. "Wir forderten die Uni dazu auf, den dgti-Ausweis für Studierende anzuerkennen. Im gleichen Kontext sind ebenfalls Sensibilisierungsangebote für Lehrende der Uni wichtig, um solche Situationen zu mindern", sagt der Asta. Ein dgti-Ausweis ermöglicht geschlechtsneutrale Kommunikation, etwa bei Kontrollen oder in der Kommunikation mit Ämtern.

Universität Paderborn mit weitreichender Prävention

An der Universität Paderborn wird ein breites Maßnahmenpaket gegen geschlechtsbezogene Gewalt geschnürt. - © Niklas Tüns
An der Universität Paderborn wird ein breites Maßnahmenpaket gegen geschlechtsbezogene Gewalt geschnürt. | © Niklas Tüns

Universität und Asta in Paderborn gaben auf Anfrage dieser Redaktion ein gemeinsames Statement heraus. "Die Universität Paderborn duldet keinerlei Formen von sexualisierter Diskriminierung und Gewalt und trifft Maßnahmen mit dem Ziel einer diskriminierungs- und gewaltfreien Studien- und Arbeitsatmosphäre", macht Sprecher Johannes Schnurr deutlich. Der Senat habe dazu die „Richtlinie für ein respektvolles Miteinander an der Universität Paderborn und zum Schutz vor Benachteiligung, Diskriminierung, sexualisierter Gewalt und Mobbing an der Universität Paderborn“ beschlossen.

Die Universität ergreife zahlreiche Maßnahmen zum Schutz vor Gewalt. Dazu gehöre beispielsweise die Sensibilisierung der Hochschulöffentlichkeit und speziell der Führungskräfte mit Personalverantwortung, etwa durch Ringvorlesungen oder Tagungen. Auch gebe es Workshop-Angebote von Gleichstellungsbeauftragten und dem Asta. Speziell in den Nachtstunden und am Wochenende biete der Wachschutz Begleitdienste speziell für Frauen an, auch in der Bibliothek soll Sicherheit gewährleistet werden.

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