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Nicht immer gehen Prostituierte freiwillig anschaffen. Manche werden dazu gezwungen. - © picture alliance/dpa
Nicht immer gehen Prostituierte freiwillig anschaffen. Manche werden dazu gezwungen. | © picture alliance/dpa

Zwangsprostitution in NRW Wenn der Loverboy plötzlich zum Zuhälter wird

Tausende junger Frauen sind auch in NRW zur Zwangsprostitution verdammt. Doch wie soll das Problem unter Kontrolle gebracht werden?

Lothar Schmalen
20.10.2020 | Stand 20.10.2020, 12:34 Uhr

Düsseldorf. Oft fängt es mit einem Flirt an der Theke an. Der Loverboy umgarnt die junge Frau und zieht sie in eine scheinbar liebevolle Beziehung. Als der Mann der 17-Jährigen den Vorschlag unterbreitet, für ihn "anschaffen" zu gehen, willigt sie aus Liebe zu ihrem Loverboy erst einmal ein und erklärt sich zur Prostitution bereit. Das verdiente Geld muss sie bei ihm abliefern. Später, als die 17-Jährige merkt, dass es dem Mann nur um das Geld geht, das sie ihm verschafft, will sie nicht mehr. Doch da wendet der Mann massive psychische und physische Gewalt an, um sein Opfer weiter zur Prostitution zu zwingen.

Die Loverboy-Methode ist nur eine von vielen, die Frauen in die Prostitution zwingt. In NRW gibt es Tausende von Opfern. Die acht Beratungsstellen für Zwangsprostituierte in NRW, darunter auch eine des Vereins Nadeshda in Herford, zählen insgesamt 3.450 Frauen, die von ihnen fachlich beraten und betreut werden. Jährlich werden es mehr, wie Andrea Hitzke, Leiterin der Dortmunder "Mitternachtsmission" berichtet. Die Beratungsstelle ist die älteste in Deutschland und leistet im Dortmunder Rotlichtmilieu bereits seit 102 Jahren wichtige Arbeit.

Unterstützung von der Landesregierung

Ina Scharrenbach (CDU), NRW-Gleichstellungsministerin, will jetzt mit einer landesweiten Aktion mehr öffentliches Bewusstsein für diese Zustände im Rotlichtmilieu schaffen. Scharrenbach spricht von gravierenden Menschenrechtsverletzungen und moderner Sklaverei zu Lasten von Mädchen und Frauen. Die Opfer sollen mit Hilfsangeboten zum Ausstieg gebracht werden. "Exit.NRW" heißt die Initiative sinnigerweise.

Das Land habe die Unterstützung der acht Beratungsstellen in NRW seit 2017 von jährlich 670.000 auf 963.500 Euro erhöht, so Scharrenbach. Hinzu kämen noch Fördergelder für Honorarmittel und Zuschüsse für Wohnungen, in denen betroffene Mädchen und Frauen untergebracht werden könnten. Diese Mittel seien 2019 um 400.000 Euro erhöht worden.

Auch Teenager betroffen

Die Frauen haben oft Angst vor ihren Peinigern, die nicht nur den jungen Frauen mit brutaler Gewalt drohen, sondern die Opfer auch damit gefügig machen, dass sie damit drohen, ihren Familienangehörigen zu Hause etwas anzutun. "Leider sind das nicht immer leere Drohungen", berichtet Andrea Hitzke. Die Beraterinnen der Mitternachtsmission bringen die Frauen deshalb zunächst einmal an unbekannten Orten unter, bis zu drei Monate. "Ausstiegswillige stellen dann oft einen Asylantrag", so Hitzke weiter. Zurück in ihre Heimatländer wollten sie selten, weil ihnen dort oft wieder dasselbe Schicksal drohen würde.

Der Anteil der 18- bis 25-Jährigen unter den Zwangsprostituierten ist mit fast 50 Prozent sehr hoch. Das jüngste Opfer war laut Lagebild "Menschenhandel und Ausbeutung" des NRW-Landeskriminalamtes von 2018 gerade einmal 14 Jahre alt. "Unter den Opfern sind auch junge Männer oder sogar männliche Jugendliche", berichtet Hitzke. Die meisten Opfer stammen aus Nigeria (31,3 Prozent), Deutschland (20,6) und Bulgarien (11,5). Zahlreiche Zwangsprostituierte stammen aber auch aus Rumänien und Albanien.

Frauen als Täter

Nur in den wenigsten Fällen werden die Täter (die meisten stammen aus Deutschland, Nigeria, Bulgarien und Rumänien) bestraft. So gab es 2018 - das sind die neusten Zahlen - lediglich 114 Verfahren, in denen es um 131 Opfer und 154 Tatverdächtige ging. Unter den Tatverdächtigen waren 2018 übrigens auch 40 Frauen aus acht Nationen. Sie betätigten sich nicht nur als Anwerberinnen, sondern auch im brutalen Ausbeutergeschäft. Mit Menschenhandel und Zwangsprostitution verdienen also nicht nur Männer ihr schmutziges Geld.

Hinweise auf Opfer bekommen die Beratungsstellen nicht nur von den Ermittlungsbehörden, sondern inzwischen immer häufiger auch von Bürgern, denen die Frauen auffallen. „Manchmal führen uns sogar Freier Frauen zu, die zur Prostitution gezwungen sind", berichtet Andrea Hitzke. Freier allerdings machen sich auch selbst strafbar, wenn sie sexuelle Dienstleistungen von Frauen in Anspruch nehmen, von denen sie wissen, dass sie zur Prostitution gezwungen werden.

Millionen Frauen in kriminellen Fängen

Nach Angaben der Vereinten Nationen geraten weltweit jährlich rund 1,6 Millionen Mädchen und Frauen in die Fänge von Menschenhändlern. Deutschland ist inzwischen eines der Hauptziele. Die Betroffenen stammen fast immer aus Ländern, in denen ein starkes soziales Ungleichgewicht und große Armut herrschen. Meist werden sie mit falschen Versprechungen nach Westeuropas gelockt, und sie verlassen ihr Land aus Verzweiflung und in der Hoffnung, ihrer Notlage entfliehen zu können. Nicht selten lassen sie in der Heimat eigene Kinder zurück, die sie dann von Westeuropa aus versorgen wollen. Nur jede 100. Frau werden aus den Zwängen des Menschenhandels befreit

Ministerin Scharrenbach kritisiert, dass die Bundesländer ihren Kampf gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution immer noch nicht ausreichend koordinierten – obwohl die Konferenz der Gleichstellungsminister der Länder dies schon seit langem fordere. Außerdem sei eine Berichterstatterstelle auf Bundesebene erforderlich, damit alle Bundesländer auf demselben Informationsstand seien.

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