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An der Wewelsburg befand sich früher ein Konzentrationslager. Heinrich Himmler wollte hier das Zentrum der SS aufbauen. - © Heide Dreismann
An der Wewelsburg befand sich früher ein Konzentrationslager. Heinrich Himmler wollte hier das Zentrum der SS aufbauen. | © Heide Dreismann

Bielefeld/Büren Portrait: KZ-Kommandant der Wewelsburg war faul und rücksichtslos

Buchrezension: Die erste Biographie über Adolf Haas zeichnet das Bild eines normalen Bürgers, der für den Tod tausender verantwortlich ist. Es ist bis heute unklar, ob er 1945 untergetaucht ist.

Jan-Henrik Gerdener
24.10.2019 | Stand 24.10.2019, 13:26 Uhr

Bielefeld/Büren. Für Adolf Haas waren seine Prioritäten klar. Er mochte guten Wein und gutes Essen. Dazu dann eine Zigarre und vor allem seine Ruhe. Deutlich weniger wichtig waren ihm die Gefangenen in den ihm unterstellten Konzentrationslagern Wewelsburg und Bergen-Belsen. Mindestens 3.026 KZ-Inhaftierte starben während seiner Zeit als Kommandant an den menschenunwürdigen Zuständen vor Ort. Der Historiker Jakob Saß versucht in der ersten Biografie über Haas zu ergründen, wie aus einem einfachen Bäcker aus Hachenburg ein Massenmörder werden konnte. Der "durchschnittliche" KZ-Kommandant „Haas sticht unter den KZ-Kommandanten nicht besonders hervor. Deswegen wurde er von der Forschung wahrscheinlich bis jetzt wenig beachtet", erklärt Saß in einem Gespräch. Haas wird gar als durchschnittlich bezeichnet – sowohl von Historikern als auch von seinen damaligen Vorgesetzten. Er ist nur schlecht gebildet und selbst in der SS-Führerschule heißt es 1937, seine Leistungen seien „befriedigend" bis „mangelhaft". „Gerade solche Männer, die ihr Handeln wenig reflektieren, wurden im NS-Regime aber vor allem für die unteren Aufgaben gebraucht", erklärt Saß. Bereits 1931 trat Haas in die NSDAP ein. Vom Nationalsozialismus versprach er sich Aufstiegsmöglichkeiten. Fünf Monate später trat er der SS bei. Hier machte er binnen weniger Jahre Karriere. 1940 diente er schließlich drei Monate im KZ Sachsenhausen als Zweiter Schutzhaftlagerführer. Kurz darauf wurde er Kommandant des KZ Wewelsburg, was er bis 1943 bleiben sollte. "Ich wollte den Opfern, eine Stimme geben" Heinrich Himmler selbst hatte die Wewelsburg als Zentrum für die SS auserkoren, weil er überzeugt gewesen war, sie wäre das „Herz des alten Sachsenlandes" gewesen. Für die dort im Arbeitslager Inhaftierten bedeutete dies aber nur harte, körperliche Arbeit, um diesen wahnwitzigen Traum in die Realität umzusetzen. Nach der Auflösung des KZ aufgrund des Kriegsgeschehens, verschlägt es Haas nach Bergen-Belsen. In beiden Lagern ist Haas auf seine eigenen Privilegien und sein Wohl fokussiert, aber nicht auf das Wohlergehen seiner Gefangenen. Das führt zum Tod von 3.026 Menschen. Saß verbindet in seiner Darstellung sehr drastische Zeitzeugenberichte mit einer sehr plastischen Schilderung der Zustände und Todesfälle in den Haas unterstellten Lagern. „Dadurch wollte ich den Opfern eine Stimme geben und das Grauen der KZs einfangen", erklärt Saß. Das gelingt ihm eindrücklich, macht die Biografie aber auch zu einer schwer verdaulichen Lektüre- was durchaus angemessen ist. 1944 wird Haas schließlich nach Hamburg versetzt und seine Spur verliert sich. Das letzte Lebenszeichen: Bei einem SS-Gericht im April ist er als Beisitzender anwesend. „Er hätte alle Möglichkeiten gehabt, unterzutauchen", meint sein Biograf. Saß hat mittlerweile einen Zeitzeugenbericht aufgetan, laut dem Haas 1953 in einem Bus nahe seiner Heimatstadt Hachenburg gesehen wurde. „Ich hoffe durch die Veröffentlichung des Buches, noch mehr Zeitzeugen, die etwas wissen könnten, zu erreichen." Die Biografie „Gewalt, Gier und Gnade" von Jakob Saß ist für ein geschichtswissenschaftliches Werk erstaunlich zugänglich, ohne dabei den wissenschaftlichen Anspruch zu opfern. Es verlangt vom Leser, Adolf Haas als normaler Menschen und nicht als ein Monster zu verstehen. So ist es umso erschreckender, dass ein Mann den Tod Tausender in Kauf nimmt – nicht weil er „böse", sondern weil er bequemlich ist und an den Privilegien eines SS-Offiziers hängt.

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