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Geschäftsführerin Britta Herbst wünscht sich, dass „Bielefeld als Innovationshotspot deutschlandweit Relevanz erreicht". Der Pioneers Club soll dabei helfen. - © Sarah Jonek
Geschäftsführerin Britta Herbst wünscht sich, dass „Bielefeld als Innovationshotspot deutschlandweit Relevanz erreicht". Der Pioneers Club soll dabei helfen. | © Sarah Jonek

Reportage Ein Besuch im Bielefelder Pioneers Club

2017 wurde der Pioneers Club in der Bielefelder Altstadt eröffnet. Seitdem prägt dieser erfolgreich die Gründerszene und bringt Start-ups, Mittelstand und digitale Experten zusammen.

Julia Fahl
22.02.2020 | Stand 20.02.2020, 14:03 Uhr

Nur ein kleiner Schritt durch die Tür. Schon ist man mittendrin im innovativen Alltag der digitalen Pioniere, in dem einem direkt englische Begriffe begegnen. Denn Front-Desk-Managerin Annabell Geisler gibt am Empfang jedem neuen Mitglied ein kurzes „Onboarding" über das „Wie" im Club. Alle Mann an Bord? Dann kann es losgehen: auf in die digitale Zukunft!

Diese gestaltet der Bielefelder Pioneers Club im Herzen der Bielefelder Altstadt entscheidend mit. Die Räume in dem von außen unscheinbaren Geschäftshaus gegenüber dem Parkhaus an der Ritterstraße sind geprägt von einer modernen Unternehmerkultur. „Wir sind mehr als nur ein Coworking-Space", Geschäftsführerin Britta Herbst ist es wichtig, das zu betonen. Wer nur auf der Suche nach einem mietbaren Arbeitsplatz sei, finde diesen auch woanders. Die Pioniere aber haben sich ein höheres Ziel gesteckt.

Die drei Meetingräume des Clubs sind nur durch Sprossenfenster vom Rest abgetrennt. Diskret und gleichzeitig transparent. Wer sich weniger Durchlässigkeit wünscht, zieht einfach die Vorhänge zu. - © Sarah Jonek
Die drei Meetingräume des Clubs sind nur durch Sprossenfenster vom Rest abgetrennt. Diskret und gleichzeitig transparent. Wer sich weniger Durchlässigkeit wünscht, zieht einfach die Vorhänge zu. | © Sarah Jonek

Es geht um räumliche und menschliche Offenheit, um Inspirationen und Innovationen, um den Austausch untereinander und das richtige Netzwerk. „Wir wollen hier Start-ups, Unternehmen und digitale Experten miteinander verbinden", so Herbst, „und eine Plattform für modernen Unternehmergeist sein. Wir können hier viel voneinander lernen und uns aktiv austauschen." Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten: Die Unternehmen finden Zugang zur digitalen Szene, die Start-ups potenzielle Partner für ihre Geschäftsmodelle. Im optimalen Fall entstehen also neue Geschäftsbeziehungen.

Offene Küche mit "dem besten Kaffee der Stadt"

Der Fußboden weist schon den Weg: In gelben Lettern, wobei manche Zahlen Buchstaben imitieren, steht dort, natürlich in Englisch: „Intelligence is the ability to adapt change.” Intelligenz ist die Fähigkeit, sich an den Wandel anzupassen. Ein Zitat, das Stephen Hawking zugeschrieben wird. Und das bezeichnend für die Ideen ist, die hier entstehen.

Zum Teil auch in der offenen Küche direkt gegenüber dem Eingang. Sie ist das Herz des Clubs. Hier lässt die Siebdruckmaschine laut Homepage den „besten Kaffee der Stadt" in die Tassen und Becher laufen. „Beim Kaffee geht immer etwas", sagt Arved Cornelsen mit einem Lächeln. Er, leger gekleidet im blauen T-Shirt und die langen braunen Haare zu einem Knoten zurückgebunden, ist Produktmanager des Start-ups „nucoon" und hat seinen Arbeitsplatz an einem der langen Holztische, an dem zwei weitere Start-ups einen Platz auf Zeit gefunden haben. Über dem Tisch schweben deshalb auch gleich mehrere der Club-typischen weißen Schilder mit Unternehmensnamen. Verwechslung ausgeschlossen. Zusätzlich hängen Steckdosen, die Notebooks, Smartphones und Co. mit Strom versorgen, wie früher im Schul-Werkraum an langen Kabeln von der Decke.

Die Mitglieder des Clubs arbeiten an langen Holztischen, mehrere Start-ups und Freelancer teilen sich einen Tisch. Das sorgt für Austausch untereinander. - © Sarah Jonek
Die Mitglieder des Clubs arbeiten an langen Holztischen, mehrere Start-ups und Freelancer teilen sich einen Tisch. Das sorgt für Austausch untereinander. | © Sarah Jonek

Aber was genau ist denn beim Heißgetränk möglich? „Zum Beispiel Nachbarschaftshilfe", antwortet Arved Cornelsen und blickt sich um. Steht er vor bestimmten Fragen, findet er häufig im Gespräch mit anderen aus diesem Großraumbüro Antworten. Für ihn ein klarer Vorteil seines Arbeitsplatzes.

Start-up "nucoon" ist eines von vielen, die im Club ihre Heimat haben

„nucoon" will den Möbelhandel digitalisieren und dafür sorgen, dass „Innenarchitekten besser Möbel einkaufen können", erklärt Cornelsen. Dabei hilft eine B2B-Plattform, die Verkäufer und Käufer zusammenbringt. Ursprünglich in Bielefeld gestartet, hat „nucoon" mittlerweile auch ein Büro in Hamburg. In Sachen Flexibilität kann es die hanseatische Großstadt aber nicht mit Bielefeld aufnehmen, sagt Cornelsen. „Wir würden in Hamburg gerne die Immobilie wechseln, weil wir stark gewachsen sind. Es ist aber gar nicht so einfach, etwas Passendes zu finden. Und man muss sich oft langfristig binden." Im Pioneers Club hingegen kann „nucoon" Arbeitsplätze hinzubuchen oder wieder kündigen – ganz so, wie das Unternehmen sie gerade benötigt. Es ist aber nicht nur diese Flexibilität, die Cornelsen schätzt. „Hier gibt es auch eine sehr offene Arbeitskultur."

Die trotzdem leise ist. Fokussiertes Arbeiten im Großraumbüro ist hier kein Widerspruch. „Hier arbeiten alle sehr konzentriert, manchmal stundenlang", sagt Britta Herbst. Aufmerksam blicken die Pioniere auf ihre Bildschirme, manche schirmen sich zusätzlich mit Kopfhörern ab, es sind nur das sanfte Klackern von Tastaturen und leise Gespräche zu hören. Und wer eine Pause braucht, kann in der sogenannten Chill-Zone mit Hängesessel und Sofas einmal kurz abschalten oder eine ganz neue Sicht auf die Dinge gewinnen.

Ein Perspektivwechsel – den suchen auch viele alt eingesessene Unternehmen aus der Region. Der Club der Pioniere hat mittlerweile eine Strahlkraft bis weit hinein ins Hinterland Ostwestfalen-Lippes. Ein Arbeitsplatz an der Ritterstraße sei für die Unternehmen eine gute Alternative zum Homeoffice, erklärt Britta Herbst. Unter den Pionieren können die Mitarbeiter ihre Komfortzone verlassen, die Unternehmensbrille absetzen und aus ihren Arbeitsroutinen ausbrechen. „Ein neuer Ort ermöglicht neues Denken", so Herbst. Der von 800 auf mittlerweile knapp 1.400 Quadratmeter angewachsene Club bietet genug Raum für neue Arbeits- und Denkweisen – frei vom „Das haben wir schon immer so gemacht"-Gedanken.

"Wall of Fame" verzeichnet große Unternehmensnamen

Innerhalb von drei Jahren hat sich der Pioneers Club für viele Unternehmen zu einem Place-to-be entwickelt, um im Gründersprech zu bleiben. 150 Coworker, 80 Mitgliederfirmen – „es ist schon bemerkenswert, was wir mit unseren Mitgliedern und Partnern geschaffen haben", sagt Britta Herbst und sie ist hörbar stolz. „Mittlerweile haben wir jeden Tag neue Anfragen. Immer mehr wollen ein Teil von uns sein."

Ein Teil der „Wall of Fame". Es ist die Wand, an der sich Mitglieder und Unterstützer präsentieren. - © Sarah Jonek
Ein Teil der „Wall of Fame". Es ist die Wand, an der sich Mitglieder und Unterstützer präsentieren. | © Sarah Jonek

Bei so vielen Menschen, die im Club ein- und ausgehen, kann man schnell den Überblick verlieren, wer wer ist. Orientierung gibt eine lange Wand in einem Gang, der das Großraumbüro mit Empfang und Küche verbindet. Dort hängen dicht an dicht Polaroidfotos der Pioniere, die den Start-ups, Unternehmen und Organisationen zugeordnet sind. Direkt gegenüber zeichnen rechteckige, silberfarbene Plaketten die Mitgliederfirmen aus. Es ist die „Wall of Fame" des Clubs. Große Namen wie Dr. Oetker und Wago klemmen neben denen von Delius, JAB, weiteren Hidden Champions und Organisationen an der mit Holz verkleideten Wand.

„Ganz schön viel ist in den drei Jahren passiert", sagt Britta Herbst und betrachtet die Plaketten. „Nicht nur, dass wir ein Stück Bielefelder Altstadt zum Aufblühen gebracht haben, wir haben auch dazu beigetragen, dass Bielefeld auf der Landkarte ein Hotspot in Sachen Innovationen ist." Die Region sei im Gespräch, „alle schauen genau hin, was hier passiert". Der Pioneers Club sehe sich Gestalter der Region. „Wir können nur den Boden für den Austausch bereiten. Jeder Einzelne muss aktiv werden und trägt dann seinen Teil dazu bei, dass es funktioniert."

So wie Marco Sussiek, der gerade einen der flexiblen Arbeitsplätze nahe der Küche belegt hat. Er ist Mitgründer von „sentibar", einem Start-up, das Unternehmen unter anderem bei der Social-Media-Arbeit unterstützt. Eigentlich ist „sentibar" nach der Ausbildung in der Founders Foundation nun in deren ehemaligen Räumen an der Obernstraße zuhause. Doch so ganz wollen die Gründer auf die inspirierende Gemeinschaft nicht verzichten. Deshalb haben sie einen flexiblen Arbeitsplatz im Pioneers Club angemietet. Was für Britta Herbst ein „schönes Signal" ist, gehört für Sussiek einfach dazu. „Es ist nicht einfach, einen Ort für innovatives Denken zu finden. Und hier nehmen wir immer etwas für uns mit."

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