Der Kampf gegen Diesel-Fahrverbote entwickelt sich zu einem Kampf gegen das Elektroauto.  - © picture alliance
Der Kampf gegen Diesel-Fahrverbote entwickelt sich zu einem Kampf gegen das Elektroauto.  | © picture alliance

Essay Die Wut der Diesel-Fahrer auf Elektroautos: Ziemlich kurz gedacht

Auf Facebook teilt sich ein Zitat des Wissenschaftlers Harald Lesch, der hart gegen die E-Auto-Branche schießt. Diesel-Fans auf Facebook feiern das. Doch ihre Argumente greifen zu kurz.

Matthias Schwarzer
15.01.2019 | Stand 15.01.2019, 18:22 Uhr

Bielefeld. Wir können nicht weiterleben wie bisher. Das ist Fakt. Angesichts von Luftverschmutzung und Klimawandel wird sich etwas ändern müssen. Die Frage ist nur: was und wie? Die bisherigen Lösungsansätze, um das Ruder noch mal rumzureißen, treiben vielen Menschen die Sorgenfalten ins Gesicht. Zum einen aus wissenschaftlicher Sicht. Schaut man sich beispielsweise das Auto der Zukunft an, so sorgt die neue Technik zwar für saubere Luft in den Innenstädten - gleichzeitig schadet aber schon die Produktion eines Elektroautos enorm der Umwelt. Zum anderen auf ganz persönlicher Ebene: Viele befürchten angesichts immer neuer "Verbots-Nachrichten" eine Einschränkung ihrer Lebensqualität. Das Fleisch, die Flugreise, der dicke Diesel in der Innenstadt - all das scheint in Gefahr. Interessant ist, wie in den sozialen Netzwerken über diese Entwicklung diskutiert wird. Seit Wochen entwickelt sich vor allem auf Facebook eine bizarre Protest-Bewegung, die sinnvolle wissenschaftliche Erkenntnisse mit hysterischen Verlustängsten vermischt. Und das Elektroauto hat sich dabei zum Symbol allen Übels entwickelt. Die Facebook-Seite „Politik und Zeitgeschehen" ist hier ganz vorne mit dabei. Ein Beitrag, der inzwischen mehr als 46.000 mal geteilt wurde, sagt: "25 Millionen Liter Grundwasser werden JEDEN Tag in Südamerika zur Gewinnung von Lithium aus dem Boden gepumpt. Für E-Autos. Weil Diesel böse ist. Gott sei Dank gibt es Fahrverbot." Beinahe täglich postet die Seite ironische-witzige Bilder wie diese. Auf einem anderen ist ein Kohlekraftwerk zu sehen. Darüber steht der Satz: "Das ist der Auspuff meines Elektroautos". Ein anderes Bild zeigt den Dauer-Stau nach dem Schnee-Chaos in Bayern. "Wenn das alles E-Autos wären", heißt es dort. "Wer würde die alle abschleppen nach 3 Stunden heizen? Und vor allem: wie?" Beim ersten Zitat beruft sich die Seite auf ein Zitat des Wissenschaftlers Harald Lesch. Auch der Ausschnitt eines seiner Vorträge teilt sich seit ein paar Tagen wie wild auf Facebook. In dem Clip weist Lesch auf die Ökobilanz eines Elektroautos hin. Für die Gewinnung von Lithium würden ganze Landstriche verwüstet, so Lesch. "Kacke, richtig kacke." All das macht auf den ersten Blick natürlich Sinn und ist total gut teilbar. Doch die Argumente sind vor allem auch eins: nicht zu Ende gedacht. Denn bei allen Überlegungen wird nur vom Ist-Zustand ausgegangen - und kein bisschen in die Zukunft geblickt. Ein paar Überlegungen dazu: 1. Autos sind generell nicht die Lösung Das Statement des Wissenschaftlers Harald Lesch ist zwar richtig, allerdings in dem Facebook-Clip aus dem Zusammenhang gerissen. Denn Lesch behauptet in seinem anderthalbstündigen Vortrag keineswegs, man müsse nun aus Umweltschutzgründen besser am Dieselauto festhalten. Vielmehr plädiert Lesch für einen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. In dem Video kritisiert der Wissenschaftler unter anderem das Bundesverkehrsministerium, das in den vergangenen Jahren zwar viel Geld in die Straße, jedoch fast gar nichts in die Schiene gesteckt habe. Dieser Teil fehlt im Facebook-Clip. Dass in zehn Jahren genauso viele Elektroautos fahren wie heute Verbrenner, führt sicherlich nicht zum Ziel. Der Trend wird vielmehr zur autofreien Innenstadt und zum Ausbau des Nahverkehrs gehen müssen. Und diese These ist keinesfalls utopisch. Europäische Städte wie Helsinki oder Kopenhagen wollen in den kommenden Jahren die Infrastruktur so umbauen, dass ein eigenes Auto nahezu überflüssig wird - andere Städte werden folgen. Zudem ist die Debatte auch eine Frage des Generationenwechsels. Für viele heute Volljährige ist ein eigenes Auto als Statussymbol schon lange keine Option mehr - das belegen auch Statistiken. Wer nicht gerade auf dem Land wohnt, verzichtet sogar gänzlich auf den Führerschein. Die Zahl der Autos wird also ohnehin abnehmen - als ganz natürliche Entwicklung. 2. Die Forschung ist noch gar nicht am Ende Für diejenigen, die weiter auf ein Auto angewiesen sind, ist die Forschung auf einem guten Weg. Dass Lithium in E-Auto-Akkus nicht die Zukunft sein kann, das wissen nicht nur aufgebrachte Facebook-Nutzer - sondern auch Wissenschaftler. Sie forschen schon seit Jahren an Alternativen. Derzeit sind vor allem zwei Materialien im Gespräch. Statt Lithium könnten in wiederaufladbaren Batterien künftig Natrium und Kalium zum Einsatz kommen, die reichlicher vorhanden und deutlich einfacher zu gewinnen wären. An Stelle des ebenfalls sehr seltenen Kobalts könnte der Nickel-Anteil erhöht werden. Die Entwicklung in der Forschung gilt übrigens nicht nur für Umweltschutz-Aspekte. In Schweden gibt es inzwischen Straßen, die Elektroautos automatisch laden können. Würde das Pilotprojekt auf wichtigen Strecken im Land ausgerollt, könnte sich das Reichweitenproblem von selbst erübrigen. Andere Hersteller arbeiten wiederum an der sogenannten Feststoffbatterie. Sie gilt als deutlich sicherer, zuverlässiger und langlebiger als Lithium-Ionen-Batterien. 3. Der Elektroantrieb ist nicht der einzige Weg Wer der Umwelt etwas Gutes tun möchte, findet im Sortiment der Autobauer schon jetzt alternative Antriebe - auch abseits des Elektromotors. Das Erdgas-Auto, das rund 80 Prozent weniger CO2 ausstößt als ein gewöhnlicher Verbrenner, wird schon seit Jahren von diversen Autoherstellern angeboten. Das Problem: Bislang gibt es nicht ausreichend viele Erdgas-Tankstellen - nur 80.000 und 100.000 Erdgasautos sollen in Deutschland zugelassen sein. Auch die Brennstoffzelle steht noch als Alternative im Raum. Während herkömmliche E-Autos ihren Strom in schweren Akkus speichern, die verhältnismäßig lange aufgeladen werden müssen, haben Brennstoffzellen-Fahrzeuge ihr eigenes kleines Stromkraftwerk immer dabei und können innerhalb Minuten auftanken. Bislang hat sich doch auch dieses Modell noch nicht durchgesetzt. Angebotene Autos sind selten und viel zu teuer. Was bedeutet das jetzt? Der Kampf der Diesel-Fans gegen das Elektroauto ist unsinnig. Denn die Verkehrswende wird ohnehin kommen - und der Diesel wird dabei keine Rolle mehr spielen. Dass das E-Auto jedoch die endgültige Lösung gegen alle Umweltprobleme sein wird, ist ebenso utopisch. Gebraucht wird vielmehr ein guter Verkehrsmix. Dazu gehören Elektroautos, aber auch ein gut ausgebauter und günstiger öffentlicher Nahverkehr. Wenn dieser attraktiver ist als ein eigenes Auto, lösen sich viele Probleme von ganz allein. Kontakt zum Autor

realisiert durch evolver group