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Eine Schnellladestation für E-Autos in Deutschland. Der Ausbau von Ladesäulen geht schnell voran - doch an anderen Stellen hakt es noch. - © picture alliance/Bildagentur-online
Eine Schnellladestation für E-Autos in Deutschland. Der Ausbau von Ladesäulen geht schnell voran - doch an anderen Stellen hakt es noch. | © picture alliance/Bildagentur-online

Wirtschaft Elektroautos in Deutschland: Wie ist die Lage - und was muss noch passieren?

Während Flixbus Elektrobusse aus China anschafft, stellt Volkswagen einen neuen SUV vor - mit Benzin- und Dieselmotor. Wo steht Deutschland in Sachen Elektromobilität?

Matthias Schwarzer
01.11.2018 | Stand 01.11.2018, 17:12 Uhr

Bielefeld/Berlin. Dass der Elektromotor eine Antriebsform der Zukunft ist, das bezweifelt heute kaum noch jemand. Unklar ist jedoch, welche Rolle Deutschland in dieser Zukunft spielen wird. Sowohl auf Kundenseite als auch bei den Autobauern geht es nur zögerlich voran. Die Zulassungszahlen von Elektroautos bewegen sich in Deutschland weiterhin auf verschwindend niedrigem Niveau: Bis Ende September wurde hierzulande die Zahl der elektrischen Neuzulassungen zwar gesteigert - der Marktanteil bewegt sich jedoch insgesamt nur bei 1,9 Prozent. Zum Vergleich: Der Anteil der in Verruf geratenen Diesel-Autos beträgt bei den Neuzulassungen noch immer 31,7 Prozent, bei den Benzinern sind es 62,6 Prozent. Das hat das CAM errechnet - eine Zweigniederlassung der Bielefelder Fachhochschule der Wirtschaft FHDW. Währenddessen sorgen Nachrichten aus der Industrie für Kopfschütteln: Das Unternehmen Flixbus setzt seit der vergangenen Woche einen Elektrobus auf der Strecke zwischen Frankfurt und Mannheim ein. Und das Gefährt kommt nicht etwa von Daimler oder dem Volkswagen-Konzern - sondern vom Hersteller BYD aus China. Der Grund: Bei deutschen Herstellern sei Flixbus schlichtweg nicht fündig geworden, heißt es in einem Beitrag von n-tv. Manch einer befürchtet, dass der einst so stolzen und von Skandalen gebeutelten deutschen Autoindustrie das selbe Schicksal blühen könnte, wie seinerzeit Nokia. Wer Trends verpasst, werde schließlich irgendwann untergehen. "Bei deutschen Herstellern wurde Flixbus nicht fündig..." Also importieren wir jetzt chinesische E-Busse. Das (erneute) extrem-Verpennen von Innovationstrends in der DE Automobilindustrie rächt sich entsprechend. Perspektivisch in volkswirtschaftlichen Dimensionen. https://t.co/Xb2CdlH6Ru — Nikolas Samios (@BerlinVC) 27. Oktober 2018 Besonders kurios: Am selben Tag der Elektrobus-Vorstellung von Flixbus, hatte auch Volkswagen etwas zu präsentieren. Allerdings ein Gefährt, dass so gar nicht nach Zukunft klingt: T-Cross. Ein SUV. Er ist, neben Tiguan, Touareg und T-Roc die inzwischen vierte große Spritschleuder im VW-Sortiment. Er fährt nicht etwa elektrisch - sondern wahlweise mit Benzin oder Diesel. Wo stehen wir also mit der Elektromobilität im Jahr 2018? Und was muss passieren, damit Deutschland den Sprung in die Zukunft schafft? "Die Innovationen kommen aus dem Ausland" Einer, der es wissen muss, ist Andreas Baum. Er ist nicht nur überzeugter E-Auto-Fahrer, sondern auch Experte auf dem Gebiet. Auf seinem YouTube-Kanal "E-Maise" berichtet Baum von seinen Erfahrungen mit dem E-Golf von VW. Und auch die Trends auf dem E-Auto-Markt beobachtet er ganz genau. "Die echten Innovationen kommen aus dem Ausland", sagt er. "Alles, was deutsche Autobauer zuletzt angekündigt haben, ist in keiner Weise besser oder innovativer als vergleichbare Angebote von Tesla oder Hyundai oder Nissan." Selbst der angekündigte E-Tron, das erste Elektroauto von Audi, glänze nicht gerade mit Innovationen. Lediglich in der Ladeleistung sei er minimal schneller. Das Problem seien aber gar nicht die Innovationen, sagt Baum. Viele deutscher Hersteller könnten nicht einmal ein "Brot und Butter"-Auto liefern, das mit der Konkurrenz mithalten könne. "Mein E-Golf wäre mit minimalen 'Kunstgriffen' zu einem hervorragenden E-Auto zu machen", sagt Baum. Eine Firma aus Österreich hätte bereits vor Jahren erfolgreich einen größeren Akku mit Batterieklimatisierung und einem schnelleren Ladesystem in dem Auto getestet. "Genau das könnte VW auch tun und den E-Golf in großer Stückzahl sofort fertigen. Aber es sieht so aus, als wolle man das nicht." Tesla und BYD sind Vorreiter Auch Alexander Bangula bemerkt, dass ausländische Hersteller deutlich mehr E-Autos produzieren. Dazu zähle auch das chinesische Unternehmen BYD - derselbe Hersteller, den nun Flixbusse durch den Südwesten schickt. "Viele haben gar nicht auf dem Schirm, was dort in China los ist", erklärt er. Bangula ist selbst Tesla-Fahrer und berichtet auf seinem YouTube-Kanal "Elektrisiert" über seine Erfahrungen und Neuheiten aus der E-Auto-Branche. "Ich war dieses Jahr in Shenzhen. In dieser Millionenmetropole fahren 16.000 Busse elektrisch. Das ist dort völlig normal." Wenn hier in Deutschland mal ein Bus mit Elektroantrieb getestet werde, sei das "sofort eine riesen Erfolgsmeldung und steht in der Zeitung". Allerdings sieht Bangula auch Bemühungen bei deutschen Herstellern. "Alle Autobauer arbeiten an ihrem Elektroangebot. Da ich keine Glaskugel habe, will ich aber nicht spekulieren, wer sich am Ende erfolgreich positionieren kann und wer nicht." Wagt man einen Blick aus Deutschland heraus, scheint es um die deutsche Automobilindustrie nicht ganz so schlecht zu stehen. Im europäischen Vorzeigeland für Elektroautos verkaufen sich auch deutsche Fabrikate gut. In Norwegen, wo fast jedes dritte neue Fahrzeug einen Elektroantrieb hat, rollen viele E-Golfs und BMW i3 über die Straßen. Zu den meistverkauften Elektroautos gehören aber auch der Nissan Leaf, der Zoe von Renault und natürlich die Tesla-Modelle. Startup-Szene legt vor Und auch die deutsche Startup-Szene dürfte ihren Teil zum Wandel beitragen. Die Münchner Firma Sono Motors hat ein Elektroauto entwickelt, dass sich dank Solarplatten selbst aufladen kann und auch noch günstig in der Anschaffung ist. Das beeindruckt auch Andreas Baum: "Wenn die es schaffen, den Wagen in guten Stückzahlen zu bauen, dann wird das eine ganz große Nummer", glaubt er. "Das wird den etablierten Autoformen zeigen, dass man das Thema 'Autobauen' auch anders angehen kann." Und nicht zuletzt wird die Elektromobilität auch in Ostwestfalen-Lippe vorangetrieben: Weit vorne ist hier beispielsweise das Delbrücker Unternehmen Paragon mit seinen Tochterfirmen. Erst im September hatte das Unternehmen mit "Accurate" den führenden Hersteller von Batteriesystemen für Pedelecs übernommen. Ladesäulen-Ausbau geht voran Generell sei Deutschland in Sachen E-Mobilität gar nicht so schlecht aufgestellt, sagen die Experten. "Die Lade-Infrastruktur ist akzeptabel", so Bangula. Er selbst habe mit seinem Tesla mit 400 Kilometern Reichweite gar keine Probleme, entlang der Autobahn eine Ladesäule zu finden. Auch Baum kann bestätigen: "Der Ausbau geht rasend voran." Ein paar Probleme gebe es allerdings noch: "Zum einen sind die Bezahlsysteme viel zu heterogen. Es gibt viel zu viele verschiedene Bezahlkarten und Zahlsysteme. Nur wenige Ladesäulen sind beispielsweise mit einem normalen Kartenleser ausgestattet um mit Kreditkarte oder EC-Karte zu bezahlen", sagt Baum. Das zweite große Problem: Oftmals seien Ladesäulen defekt und niemand kümmert sich darum. "Auch hier muss man lobend Richtung Tesla schauen", so der Experte. "Dort gibt es eine sehr gute Abdeckung mit Ladesäulen fast in ganz Europa." Bangula kann das bestätigen: "Man kann mit einem Tesla vom Nordkapp nach Südspanien fahren und wird immer einen 'Supercharger' finden." Dabei sei der Ausbau in Nordeuropa am besten - in Osteuropa am schlechtesten. Auch der Kunde muss umdenken Letztendlich wird auch bei Autokäufern ein Umdenken einsetzen müssen - da sind sich Baum und Bangula einig. Allerdings sei das nur eine Frage der Zeit. "Es müssten mehr bezahlbare Elektroautos auf den Markt kommen", sagt Bangula. "Das wird in den kommenden Jahren ohnehin passieren, da die Kosten für die Akkus sinken." Zum anderen brauche es auch eine Ladeinfrastruktur abseits der Straßen. Überall dort, wo Menschen arbeiten, wohnen, einkaufen oder zum Arzt gehen, braucht es Ladestationen", sagt er. Gerade in Mietshäusern sei das oftmals mit vielen Hindernissen verbunden - hier müssten die Gesetze gelockert werden. "Langfristig wird es günstiger sein, ein Elektroauto zu fahren. Der Anschaffungspreis wird sinken - und Strom ist ohnehin günstiger als Benzin." Auch wenn die derzeitige Situation oftmals noch schwierig sei - langfristig werde sich die Elektromobilität auch in Deutschland etablieren und sich das Problem von ganz alleine lösen.

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