Fußballprofi Manuel Neuer (Mitte) hat das Konzert "Wir sind mehr" in Chemnitz gelobt. Von Sängern wie Max Giesinger (links) oder YouTubern wie Luca (rechts) hört man auffällig wenig. - © picture alliance/augenklick/GES/Geisler-Fotopress
Fußballprofi Manuel Neuer (Mitte) hat das Konzert "Wir sind mehr" in Chemnitz gelobt. Von Sängern wie Max Giesinger (links) oder YouTubern wie Luca (rechts) hört man auffällig wenig. | © picture alliance/augenklick/GES/Geisler-Fotopress

Meinung Die stille Mitte: Warum schweigen so viele Promis und Politiker zu Chemnitz?

Das Aufstehen gegen Nazis ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die bürgerliche Mitte überlässt den Kampf aber lieber den Linken. Das bringt uns nicht voran.

Matthias Schwarzer

Chemnitz. Die Schlagersängerin Helene Fischer hat sich am Dienstagabend zu den Nazi-Märschen in Chemnitz geäußert. Auf einem Konzert in der Berliner Mercedes-Benz-Arena sagte Fischer: "Ich verfolge auch die Medien, ich weiß, was in letzter Zeit los ist. (...) Erhebt euch. Erhebt gemeinsam mit mir die Stimmen. Gegen Gewalt, gegen Fremdenfeindlichkeit. (...) Wir brechen das Schweigen, hier in Berlin." Mir wird hier gerade exklusives Material live aus der Mercedes Benz Arena zugespielt und es ist alles noch viel besser, als wir dachten. #wirsindmehr#wirbrechendasschweigen#helenefischerpic.twitter.com/UkPV2se5qf — Clara (@clehrchen) 4. September 2018 Kurz zuvor hatte sich die Sängerin auf ihrem Instagram-Account zu Wort gemeldet: "Wir können und dürfen nicht ausblenden, was zur Zeit in unserem Land passiert, doch wir können zum Glück auch sehen, wie groß der Zusammenhalt gleichzeitig ist", heißt es dort. Musik sei ein Zeichen der Verbundenheit - "und immer ist es die Liebe, die gewinnt." Die Äußerungen von Helene Fischer kommen überraschend. Anderthalb Wochen nach den rechtsextremen Aufmärschen in der sächsischen Großstadt hatten viele auf ein entsprechendes Statement der 34-Jährigen gehofft. Medien und Netzgemeinde hatten zuvor kritisiert, dass sich die erfolgreichste Sängerin des Landes nicht klar gegen rechtes Gedankengut positioniert. In der Tat ist das Schweigen von Prominenten zu Chemnitz ein Problem - und hat auch eine gesellschaftliche Symbolik. Denn statt sich selbst klar zu positionieren, überlässt die bürgerliche Mitte den Kampf gegen Nazis lieber den Linken. Das zeigte sich auch am Montagabend: Das Line-Up des Konzerts "Wir sind mehr" mit 65.000 Besuchern war nicht sonderlich überraschend: Bands wie Kraftklub, Feine Sahne Fischfilet oder Die Toten Hosen setzen sich seit jeher gegen Nazis ein. Eine Band oder ein Künstler aus dem Mainstream-Pop fehlte auf der Bühne gänzlich. Und während Rechte jeder Art inzwischen geschlossen und ohne Berührungsängste gemeinsam auf der Straße marschieren, diskutiert die Zivilgesellschaft noch, wie und ob man überhaupt dagegen vorgehen sollte. Auch in der politischen Mitte ist man sich da noch nicht ganz sicher. Scharf verurteilt werden die Nazi-Märsche bislang vor allem von SPD, Grünen und Linken. CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer relativierte die Ereignisse am Mittwoch und kritisierte stattdessen die Berichterstattung der Journalisten. Die Befürchtung liegt nahe, dass genau dieses Rumgeeiere am Ende die Rechte stärken wird. Die brüllt ohnehin schon seit Jahren, sie führe hier einen Kampf gegen "links". Dabei ist der Kampf gegen Nazis nicht links - sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Es braucht starke Stimmen aus dem bürgerlichen Mainstream, die bislang auffällig ruhig bleiben. Ein paar Beispiele. 1. Deutsche Pop-Musiker Sänger wie Max Giesinger oder Vanessa Mai füllen ganze Fußballstadien mit Menschen aus dem gutbürgerlichen Festangestellten-Milieu. Doch so austauschbar wie ihre Musik sind auch ihre Statements in der Öffentlichkeit. Max Giesinger postete kurz nach den Nazi-Märschen in Chemnitz auf Facebook einen Hinweis auf sein neues Album. Vanessa Mai postete ein Foto mit ihrem Hund. Als einer der wenigen äußerte sich am Dienstagmorgen der Sänger Mark Forster. Auf seinem Facebook- und Instagram-Profil zeigte er ein Bild des "Wir sind mehr"-Konzerts mit einer riesigen Menschenmasse vor der Bühne. In den Kommentaren zum Beitrag schreibt ein Nutzer: "Danke! Endlich ein 'Mainstream-Musiker', der den Arsch in der Hose hat, sich zu positionieren." Ein anderer schreibt: "Beim nächsten Mal von Anfang an dabei sein und Stellung beziehen. Und nicht erst am Tag danach mal eben ein Bild posten." 2. Deutsche Fußballstars Immer mal wieder organisieren Fußballvereine Projekte gegen Rassismus. Doch wenn es darauf ankommt, bleibt die deutsche Fußball-Elite auffällig still. Einzig Manuel Neuer äußerte sich am Dienstag bei einer DFB-Pressekonferenz in München: "Die Sache mit dem Konzert ist eine gute Sache, und ich finde es gut, dass viele Musiker daran teilgenommen haben", so der Tortwart. Ein überzeugendes Statement sieht anders aus. Auch im Fall Özil hat sich die deutsche Fußball-Szene nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Als der Spieler aus der Nationalmannschaft zurücktrat und Rassismus beklagte, blieb es in den eigenen Reihen auffällig still. Dass es auch anders geht, zeigte kurz zuvor die schwedische Nationalmannschaft: Als ein Spieler mit türkischer Herkunft beim WM-Spiel gegen Deutschland rassistisch beleidigt wurde, versammelte sich die gesamte Mannschaft mit verschränkten Armen hinter dem Spieler und stärkte ihm den Rücken. Zeichen wie diese fehlen im deutschen Fußball - und sie wären so wichtig. 3. Die deutsche YouTube-Szene Luca alias Concrafter ist einer der bekanntesten YouTuber Deutschlands. Der gebürtige Bielefelder erreicht auf seinem YouTube-Kanal 3,4 Millonen Menschen, auf Instagram sind es 2,2 Millionen. Hier macht er Unterhaltungs-Content. Zu Chemnitz hat sich der 22-Jährige bislang nicht geäußert. Concrafter allein ist sicherlich nicht das Problem. Doch sein Verhalten ist symbolisch für die deutsche YouTube-Szene. Die meisten großen Stars halten sich aus politischen Themen gänzlich raus. Dabei haben Rechtsextreme ihre Plattform längst unterwandert: Videos von rechten Verschwörungstheoretikern oder rechtsextremen Gruppierungen sind inzwischen so erfolgreich, dass sie es sogar auf die YouTube-Startseite schaffen. Die Videoplattform selbst geht dagegen kaum vor. Experten halten das für hochproblematisch. Denn YouTube ist eine Plattform, die vor allem von Jugendlichen genutzt wird. Ein deutliches Zeichen ihrer Stars wäre sicherlich hilfreich. 4. Union und FDP Einer der ersten Politiker, die sich nach den Ausschreitungen von Chemnitz zu Wort meldete, war ausgerechnet Außenminister Heiko Maas. Dabei hätte es eigentlich der Innenminister sein müssen. Doch von Horst Seehofer (CSU) kommt nur ein kurzes Statement: Die Betroffenheit über den Tod von Daniel H. sei "verständlich". Für Gewalt und gewalttätige Ausschreitungen dürfe es jedoch in "unserem Rechtsstaat keinen Platz geben". Später lässt Seehofer mitteilen, er lehne es ab, die rechte AfD vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen. Wenige Wochen zuvor waren er und seine Partei immer wieder mit rechter Rhetorik aufgefallen. Auch das Statement der Kanzlerin geht im Gebrüll rund um Chemnitz nahezu unter. Angela Merkel hatte vergangene Woche gesagt: "Es darf auf keinem Platz und auf keiner Straße zu solchen Ausschreitungen kommen." Die CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer zog es am Montag vor, nicht die Nazi-Märsche zu verurteilen - sondern lieber Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Der hatte sich auf seiner Facebook-Seite mit den Bands des "Wir sind mehr"-Konzerts solidarisiert. Und als wenn das noch nicht genug wäre: Auch die FDP greift lieber ihre politischen Gegner an, statt die Ereignisse von Chemnitz eindeutig zu verurteilen. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki sagte angesichts der rechtsextremen Ausschreitungen: „Die Wurzeln für die Ausschreitungen liegen im 'Wir schaffen das' von Kanzlerin Angela Merkel" - und übernahm damit eine These der rechten AfD. Der Vorsitzende der FDP-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Sebastian Czaja, twitterte vergangene Woche, Antifaschisten seien "auch Faschisten". FDP-Chef Christian Lidner ist bemüht um Schadensbegrenzung. Doch ein eindeutiges Statement zu Chemnitz fehlt bislang auch von ihm. Spätestens jetzt wäre für die konservativen Kräfte der richtige Zeitpunkt, sich deutlich von rechts abzugrenzen und Fremdenfeinden geschlossen entgegen zu treten. Bislang ist davon nichts zu spüren. Kontakt zum Autor.

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