Bei der fünften Durchsuchung finden die Ermittler neue Beweise. - © picture alliance
Bei der fünften Durchsuchung finden die Ermittler neue Beweise. | © picture alliance

Kindesmissbrauch Polizeiskandal Lügde: Ermittler übersehen mehrfach Beweise

Der Sonderermittler stellt der Kreispolizeibehörde in Detmold ein katastrophales Zeugnis aus. Die Beamten fanden trotz vier Durchsuchungen nicht alle Beweismittel

Düsseldorf. Maßloses Erstaunen, ungläubiges Kopfschütteln, zunehmende Fassungslosigkeit – das waren die Reaktionen, mit denen die Mitglieder des Landtags-Innenausschusses die Berichte von NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU), Landeskriminaldirektor Dieter Schürmann und LKA-Sonderermittler Ingo Wünsch zu der Aneinanderreihung von Ermittlungspannen und polizeilichen Fehlleistungen der Kreispolizei in Lippe beim Fall des tausendfachen Kindesmissbrauchs in Lügde hörten. Dabei traten alle fünf Minuten neue schwerwiegende Nachrichten zu Tage. Ein weiterer 16-jähriger Verdächtiger, 14 Ermittlungsverfahren gegen Amtsträger, ein Fall von Missbrauchsverdacht gegen den heute Hauptverdächtigen bereits im Jahr 2002, die Beschlagnahmung von weiterem wichtigen Beweismaterial, die genaueren Umstände des Verschwindens von anderem Beweismaterial, der Rauswurf des obersten Polizeibeamten im Kreis Lippe, das vernichtende Urteil des Sonderermittlers über die Arbeit der lippischen Kriminalpolizei am Fall Lügde – die Innenausschuss-Mitglieder kamen in ihrer Sondersitzung kaum zu Atem. Jede Frage der Politiker brachte neue skandalöse Erkenntnisse. Ermittler schreibt Gedächtnisprotokoll nach sechs Wochen Zum Beispiel die genaueren Umstände beim Verschwinden der 155 CDs und DVDs. Bis heute ist nicht herauszubekommen, wer überhaupt den Kriminalkommissariats-Anwärter mit dem Sichten dieses wichtigen Beweismaterials beauftragt hat. Fest steht nur, dass der junge Mann sich unbegleitet, also auch unbeaufsichtigt lediglich fünf Stunden mit den Datenträgern befasst hat (Sonderermittler Wünsch: „eine sportliche Leistung"), nur von drei Datenträgern überhaupt Sicherheitskopien anfertigte und die Mappe mit 49 CDs und den Aluminiumkoffer mit 106 CDs nach getaner Arbeit am 13. Dezember einfach auf dem Schreibtisch stehen ließ. Lesen Sie auch: Kommentar zum Missbrauchsfall Lügde: Ohne Rückhalt kein Vertrauen Einen Bericht über die Datensichtung fertigte er erst sechs Wochen später aus dem Gedächtnis an, als am 30. Januar klar war, dass das wichtige Beweismaterial verschwunden war. Die Zimmertür des Arbeitsraums, in dem der Nachwuchspolizist die Datenträger „gesichtet" hat, ist meistens nicht verschlossen. „Die Tür steht praktisch immer auf", sagte Sonderermittler Wünsch, der beim Landeskriminalamt Leiter der kriminalpolizeilichen Fachaufsicht ist. Sonderermittler Wünsch legte Wert auf die Feststellung, dass der Kriminalkommissarsanwärter durchaus leistungsfähig sei. Seine Ausbildungsbegleitung und -betreuung sei allerdings schlecht gewesen. Polizei Bielefeld übernimmt die Ermittlungen Die Kontrolleure aus Düsseldorf bescheinigten der Kripo in Detmold insgesamt eine katastrophale Arbeitsleistung. Sonderermittler Wünsch sprach von unstrukturierter Arbeit und schweren handwerklichen Fehlern. Eine verantwortliche Führung bei der Arbeit sei nicht erkennbar gewesen. Nicht nur, dass wichtiges Beweismaterial verschwunden ist, die Vorwürfe gehen noch viel weiter. So sei die Polizeibeamtin, gegen die ermittelt werde, weil sie 2016 vielleicht entscheidende Zeugenhinweise gegen den heute Hauptverdächtigen nicht weitergegeben habe, zunächst weiter mit dem Fall betraut gewesen. Die Bielefelder Polizei habe, als sie die Ermittlungen übernommen habe, 3.000 Blatt Akten aus Detmold übernommen, die „durchaus nicht in einem Zustand waren, wie wir ihn für richtig halten", sagte Landeskriminaldirektor Schürmann. Neues Beweismaterial - bei der fünften Durchsuchung Auch die Tatsache, dass die Bielefelder Polizei bei einer erneuten Durchsuchung des Tatortes auf dem Campingplatz in Lügde weiteres Beweismaterial gefunden habe, obwohl die lippische Polizei den Tatort viermal (am 6. Dezember, am 19. Dezember, am 14. Januar und am 25. Januar) durchsucht habe, sei unerklärlich, so Schürmann. Und dass, obwohl dieses Beweismaterial (ein PC, eine Festplatte und 131 CDs) offenbar leicht auffindbar gewesen sei. Der PC habe auf dem Boden und die Festplatte auf einem Trockner gestanden. Die CDs hätten in einem Hängeschrank gelegen. Reul hatte den staunendenden Politikern zuvor schon verkündet, dass nach Kripo-Chef Wolfgang Pader nun auch der oberste Polizeibeamte im Kreis Lippe, Bernd Stienkemeier, von seiner Aufgabe entbunden worden sei. Er sei bereits seit Freitag nicht mehr im Dienst, weil er seitdem krankgeschrieben sei. Nachfolger von Stienkemeier soll – zunächst kommissarisch – Kriminaloberrätin Margit Picker werden. "Der Polizeibeirat hätte darüber informiert werden müssen" Das hat Minister Reul entschieden. Picker war bisher beim Landeskriminalamt in Düsseldorf tätig. Stienkemeier wird zum Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten versetzt. Nachfolger von Pader als Kripo-Chef wird Kriminaloberrat Matthias Brand, der bislang Leiter der Führungsstelle Kriminalpolizei bei der Bielefelder Polizeipräsidentin war. Am Abend gab auch Lippes Landrat Axel Lehmann (SPD), der auch Leiter der Kreispolizeibehörde in Detmold ist, die kurzfristige Neuaufstellung der Polizeispitze in Detmold bekannt. Streit gab es im Innenausschuss noch darüber, dass die Polizeiabteilungsleiterin Daniela Lesmeister Landrat Lehmann „empfohlen" hatte, das Thema der verschwundenen Beweismittel nicht in der Sitzung des Polizeibeirats des Kreises Lippe zu erwähnen. Die Sitzung fand in der vergangenen Woche statt, als der Landrat und auch das Innenministerium bereits von dem Vorfall wussten. Vor allem der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Christian Dahm und die innenpolitische Sprecherin der Grünen, Verena Schäffer, kritisierten dies. Landrat Lehmann fühlte sich an die „Empfehlung" aus Düsseldorf gebunden. „Der Polizeibeirat hätte darüber informiert werden müssen", sagte Schäffer.

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