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Viele Stammkunden kommen seit Jahren zum Pilz in Borgholzhausen. - © Heiko Kaiser
Viele Stammkunden kommen seit Jahren zum Pilz in Borgholzhausen. | © Heiko Kaiser

Kreis Gütersloh Currywurst im Pilz: Eine der bekanntesten Imbiss-Buden im Kreis Gütersloh

Heiko Kaiser
05.08.2019 | Stand 05.08.2019, 15:32 Uhr

Borgholzhausen. Schnitzel mit Pommes. Pommes was drauf? Mayo. Trinken? Cola. Im Pilz werden nicht viele Worte gemacht. Die Kommunikation ist auf das Wesentliche beschränkt. Muss sie auch. Denn Heike Stute hat am Holzkohlegrill alle Hände voll zu tun. Bostik hat gerade Mittagspause. Das bedeutet Arbeit. Currywurst Pommes. Pommes was drauf? Mayo. Und du? Mach mir nen Kaffee. Milch? Schwarz. Auf der Bank hinter dem Grill wird gegessen, Kaffee und Cola getrunken. Jeder Zweite trägt das gelbe Bostik-Cappy. „Das ist hier wie das schwarze Brett des Unternehmens", sagt ein Gast. Bedeutet: Am Pilz tauscht man sich aus. Abteilungsübergreifend. "Mach mal zwei Bratwürstchen auf eine Pappe" „Mach mal zwei Bratwürstchen auf eine Pappe", sagt Michael Köpp. Er hat sein Auto auf dem Parkplatz geparkt und lehnt sich jetzt an den runden Stehtisch hinter dem Pilz. Ein Sonnenschirm gibt Schatten. Der 61-Jährige kommt schon lange hierhin. „Seit über 30 Jahren", sagt er nicht ohne Stolz in der Stimme. Tradition hat hier offensichtlich einen Wert. „Wenn ich von der Nachtschicht von Schüco komme, dann frühstücke ich auch schon mal hier", sagt Michael Köpp. Der Grill öffnet um 5 Uhr. Es gibt Wochen, da komme er jeden Tag hierhin. Warum? „Weil es schmeckt." So einfach ist das. An der Autobahn ist ein zweiter Pilz entstanden Aber so einfach ist das nicht. Sonst gäbe es ja viele Imbissbuden wie den Pilz am Bahnhof. Gibt es aber nicht. Denn ein Ort wie dieser, ein Platz, an dem Menschen sich tagtäglich treffen, an den sie zurückkehren, auch wenn sie längst schon weit entfernt ihr Brot verdienen, ein solcher Ort braucht einen Fixpunkt, eine Seele, eine, die alles zusammenhält. Heute, zum Pressetermin, ist die Seele da. Das ist nicht selbstverständlich, denn seit an der Autobahn ein zweiter Pilz entstanden ist, muss sich die Pächterin Maria Gottesmann aufteilen. „Früher hatte ich mehr Zeit, um mit den Kunden zu reden", sagt sie. Das ist ihr wichtig. Sie lässt aber keinen Zweifel daran, an welchem Pilz ihr Herz hängt. „Im Oktober bin ich 40 Jahre hier", sagt die 54-Jährige und schaut sich um, als wäre die Zeit irgendwo sorgsam aufgeschichtet. Mit 14 hat sie erstmals hier unter dem damaligen Inhaber Fritz Kottemann gejobbt, im März 1986 hat sie den Imbiss übernommen. Stammkunden haben ihre eigenen Kaffetassen - aufgereiht im Regal „Hier hört man sich die Sorgen an", sagt Maria Gottesmann. Hier, wo die Stammkunden ihre eigene Kaffeetasse haben. Sorgsam aufgereiht stehen sie im Regal. „Und die Mitarbeiter wissen ganz genau, wem welche Tasse gehört", sagt Maria Gottesmann. Auch das ist ihr wichtig. Zwei Geschäftsleute, die aus einem Mercedes mit Kölner Kennzeichen gestiegen sind, gehören nicht zum Stammpersonal. „Machen Sie mir bitte eine Currywurst und dazu eine Portion Pommes Frites mit Ketchup", sagt der eine in unverwechselbarem rheinischem Singsang. Möchten Sie auch was trinken?" – Im Grill passt man sich den Kunden an. Manche kommen seit etlichen Jahren „Wie immer", sagt ein Mann mittleren Alters. Heike Stute nickt nur und reicht kurze Zeit später eine Bratwurst und einen Kaffee durch die Durchreiche – die Tasse ist aus dem Stammkundenregal. Wortlos setzt er sich an den Tisch vor dem Fernseher. NTV bringt eine Sondersendung über die Mondlandung. Als Armstrong den Mond betreten hat, gab es den Pilz noch nicht. Manche Stammkunden haben einen weiten Anreiseweg. Henry beispielsweise, der seinen 40-Tonner in Sichtweite geparkt hat, kommt aus Bamberg. „Einmal die Woche liegt Borgholzhausen auf meiner Tour. Dann halte ich hier. Und das seit 20 Jahren", sagt er. Warum immer hier? „Weil’s schmeckt." Ist doch ganz einfach. Dort, wo viele Kunden mit Namen begrüßt werden Maria Gottesmann ist stolz auf ihren Pilz. Sie erzählt von Rentnern, die sich früher regelmäßig am Samstag hier getroffen haben. Von Kunden, deren Familie sie seit Jahren begleiten darf. Von Freundschaften, die hier entstanden sind, von Menschen, die inzwischen nicht mehr leben, aber von denen Erinnerungsstücke noch immer im Pilz ihren Platz haben. Im Pilz, wo die Bratwürstchen noch auf Holzkohle gegrillt werden, die Pommes Frites laut der Pächterin deshalb so gut schmecken, weil sie in einer traditionellen Fritteuse zubereitet werden. Im Pilz, wo viele Kunden mit Namen begrüßt werden. Der Pilz ist Kult Der Pilz ist Kult. Der alte, versteht sich. „Viele Stammkunden gehen nicht in den neuen. Auch die Bratwürstchen schmecken hier besser. Ich weiß auch nicht, warum", sagt Maria Gottesmann achselzuckend. Ihre anfänglichen Sorgen, der alte Pilz könnte unter dem Neuen leiden, haben sich daher längst zerstreut. Inzwischen ist die Mittagspause bei Bostik vorbei. Heike Stute hat nun Zeit, Holzkohle ins Depot unter dem Grill nachzuschütten. Zeit auch für mich, um mir ein Bild von der Qualität der Pilz-Würstchen zu machen. Currywurst Pommes „Was drauf? Mayo. Trinken?" Wasser. Das Prinzip hab ich verstanden. Der erste Biss – es schmeckt gut. So einfach ist das.

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