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Bunt und weltoffen: Die Bielefelder hatten sich im vergangenen Jahr lautstark den demonstrierenden Neonazis in den Weg gestellt. ⋌Foto: Sarah Jonek - © NW (Archiv)
Bunt und weltoffen: Die Bielefelder hatten sich im vergangenen Jahr lautstark den demonstrierenden Neonazis in den Weg gestellt. ⋌Foto: Sarah Jonek | © NW (Archiv)

Kommentar "Lasst die Neonazis ins Leere laufen!"

Am 9. November werden erneut Rechtsextreme zu einer Demo nach Bielefeld kommen. Sie wollen 
vor allem Aufmerksamkeit. Die sollten wir ihnen nicht geben - und stattdessen auf alternativen Protest setzen.

Andrea Rolfes
28.10.2019 | Stand 28.10.2019, 09:27 Uhr

Bielefeld. "Ich möchte es nicht wieder hören müssen. Die fremdenfeindlichen Dinge, die Nazis ungerührt ins Megafon brüllen. Es war ein Ereignis, das mich im vergangenen Jahr emotional aufgewühlt, verstört und auch angewidert hat. Wir alle mussten am 10. November 2018 ertragen, dass ein Tross Neonazis ungehindert mitten durch die Innenstadt zog und eine Weltanschauung verbreitete, die einen erschaudern ließ. Und nun geht es von vorne los. Die Partei „Die Rechte" wird erneut durch Bielefeld marschieren. Wenn Nazis Aufmerksamkeit wollen, melden sie eine Demo an. Die Öffentlichkeit, vor allem die Gegendemonstranten und Medien, erledigen dann den Rest. Hat ja beim letzten Mal in Bielefeld so schön funktioniert, werden sich die Rechtsradikalen gedacht haben. Denn die Aufregung in der Stadt, die Empörung und der mediale Nachhall (Selbstkritik muss sein) schaffte für eine kleine Gruppe von Hinterwäldlern eine beeindruckende öffentliche Plattform. Viral gingen die Geschichten rund um die Nazi-Demo dann noch durch die Verbreitung in sozialen Netzwerken. Mehr Aufmerksamkeit geht nicht. Gerichtliche Erlaubnis ist unverständlich und falsch Nur darum ging und geht es wieder. Die Demo ist eine Machtdemonstration der Partei „Die Rechte". Der vorgeschobene Anlass der Neonazi-Demo, der 91. Geburtstag der Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck, ist nicht mehr als ein Mittel zum Zweck. Darauf ist das Verwaltungsgericht leider reingefallen. Das Urteil, die Demo stattfinden zu lassen, ist völlig unverständlich und falsch. Es ist gut und wichtig, dass es Menschen in der Stadt gibt, die den Oberbürgermeister und die Polizeipräsidentin noch einmal aufgefordert haben, alles erdenkliche zu tun, um die hässliche Machtdemonstration am 9. November zu verhindern. Gegenprotest mit möglichst direkter Konfrontation mit den Nazis Denn die Demo ist genau das, als was sie die Polizei Bielefeld längst identifiziert hat: Sie ist eine reine Provokation der Demokraten und eine Beleidigung der Opfer des Nationalsozialismus. Das „Bündnis gegen Rechts" will am 9. November „dem Tag angemessen" gegen den Aufmarsch der Rechtsextremen protestieren. Auch das antifaschistische Bündnis Bielefeld hat Gegendemonstrationen für den 8. und 9. November angekündigt. Es wird sechs Punkte geben, an denen sich die Gegendemonstranten versammeln wollen. Gewollt ist wohl auch wieder eine möglichst direkte Konfrontation mit den Neonazis. Man stelle sich vor: Nazis demonstrieren - und keiner geht hin Viel besser wäre es doch, die Nazis ins Leere laufen zu lassen. Man stelle sich vor: 200 Nazis demonstrieren und keiner geht hin. Begleitet von der Polizei würde eine ärmliche Rotte von Nazis einsam durch eine regnerische Stadt gehen. Währenddessen versammeln sich Zehntausende Bielefelder, um der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. Sie kommen aus allen Stadtteilen zu den Mahnwachen. Sie setzen ein Zeichen für Mitmenschlichkeit und Toleranz am Hauptbahnhof an der Gedenktafel der in der Nazizeit in Vernichtungslager deportierten Juden. Besondere Orte zum Versammeln An der ehemaligen Synagoge, Turnerstraße 5, und anschließend im Großen Saal des Neuen Rathauses richtet die Stadt mit Schulen, der Jüdischen Kultusgemeinde, der Evangelischen und Katholischen Kirche, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft zur Erinnerung an den Judenpogrom 1938 wieder eine Gedenkveranstaltung aus. Das sind die Orte, an denen alle Bielefelder sich am 9. November versammeln sollten. Es ist ausdrücklich kein Appell, Rechtsextreme zu ignorieren, ihnen Plätze in der Stadt zu überlassen oder gar wegzuschauen. Es ist ein Appell, ein Zeichen gegen Rechts zu setzen. Denn öffentlicher Widerstand gegen Neonazis ist nötig, um sie zu entlarven. Das muss aber dort passieren wo es sinnvoll ist.

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