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Sicherheitsabstand ist bei "Grid" kein Thema: Hier geht's Stoßstange an Stoßstange in die Kurven. - © Codemasters
Sicherheitsabstand ist bei "Grid" kein Thema: Hier geht's Stoßstange an Stoßstange in die Kurven. | © Codemasters

Games "Grid" im Test: Wenn die Rachegöttin zum Spielprinzip gehört

Seit 2008 begeistert die Arcade-Racing-Serie ihre Fans. Jetzt ist eine neue Version erschienen, die mit Neuerungen aufwartet, sich aber auch auf alte Stärken besinnen will. Wir haben "Grid" getestet.

Christian Lund
25.10.2019 | Stand 25.10.2019, 18:40 Uhr

Back to the roots! Mit "Grid" bringt der britische Rennspiel-Entwickler Codemasters wieder den beliebten Arcade-Racing-Simulator auf den Markt, der schon 2008 eine riesige Fangemeinde eingebracht hatte. Damals hieß das Ding noch "Race Driver: Grid" - jetzt ist daraus schlicht und ergreifend "Grid" geworden. "Schlicht und ergreifend" ist aber auch gleich die beste Umschreibung für den Reboot der Marke, denn obwohl der Umfang des Spiels recht minimalistisch ausfällt ("schlicht"), sind wir auf den Strecken schnell der alten Rennsport-Faszination erlegen ("ergreifend"). Was gelungen ist und was weniger, erklären wir in unserem Test.

Worum geht's?

Um nichts weniger als den Sieg natürlich. Das "Grid"-Konzept bietet seit Jahren eine raffinierte Mixtur aus Simulation und Arcade-Racing. Das bedeutet, ein Rennen ist nicht wie bei "Gran Turismo" gleich ruiniert, nur weil man eine Kurve nicht auf der Ideallinie nimmt. Und es ist sogar möglich, von der letzten Position zu starten und nach drei Runden als Sieger durchs Ziel zu fahren. Das ist nicht immer einfach, aber selten so knifflig und taktikorientiert, wie es bei einer reinen Racing-Simulation der Fall wäre.

Was hat uns gefallen?

In der neuen Version kann Codemasters sein Versprechen weitestgehend halten. Auf der Strecke fühlt sich "Grid" an wie immer: dreckig, direkt, aber auch brutal. Der Sound ist gut, vor allem wenn man die Cockpit-Perspektive wählt. Crashs hören sich realitätsgetreu an, sehen auch gut aus - aber dass die Autos dadurch wirklich empfindliche Einbußen in der Fahrleistung hinnehmen müssen, haben wir nicht erlebt. Vielleicht sind wir aber einfach nicht schnell genug in eine Leitplanke gerast.

Zum Sound wäre außerdem positiv zu erwähnen, dass wir uns auf der Strecke nicht mit nervtötender Musik von unbekannten Indie-Rockbands herumschlagen müssen. Das einzig Nervtötende zu Beginn eines Rennens ist die Live-Kommentatorin, deren Sprüche alles andere als abwechslungsreich sind. Ist das Rennen aber gestartet, hören wir nur noch die Renngeräusche.

Rennen mit Gegenlicht können ganz schön hart werden - das hat Codemasters gut hingekriegt. - © Codemasters
Rennen mit Gegenlicht können ganz schön hart werden - das hat Codemasters gut hingekriegt. | © Codemasters

Bei der Optik sind wir zwiegespalten. Die Rennstrecken sehen zum großen Teil sehr gut aus, vor allem die Lichteffekte (die tiefstehende Sonne!) hat Codemasters gut hinbekommen. Hervorragend sieht zum Beispiel Barcelona aus, dessen Straßen bis ins kleinste Detail nachgebaut scheinen. Auch Havanna ist sehr originalgetreu nachempfunden. Der Anblick ist einfach fantastisch, wenn die Autos den Malecón entlangrasen, der wilde Atlantik seine Wellen gegen die Promenade wirft und die Gischt aufspritzt. Shanghai ist ebenfalls sehenswert!

Die 70 verfügbaren Autos allerdings kommen optisch nicht in der Hochglanz-Detailfülle daher wie beim Simulationsprimus "Gran Turismo" oder ähnlichen Games. Hier muss man Abstriche machen, vor allem in den Innenansicht der Autos. Aber sobald man das Gaspedal durchgedrückt hat, sollte man seine Augen sowieso besser auf der Strecke haben als im Innenraum auf der Suche nach dem Wackel-Elvis.

Man kann bei "Grid" in diversen Events auch hochmotorisierte Minis fahren. Das Wetter ist allerdings leider nie dynamisch. - © Codemasters
Man kann bei "Grid" in diversen Events auch hochmotorisierte Minis fahren. Das Wetter ist allerdings leider nie dynamisch. | © Codemasters

Beim Handling der Autos hat sich Codemasters wirklich Mühe gegeben. Jede Karre fühlt sich beim Fahren anders an, vor allem in der Dynamik. Am furchtbarsten finden wir derzeit den Dumont Type 37, der sich wie ein Stück Seife auf einer Wasserrutsche fährt. Geblieben ist bei "Grid" die Rückspulfunktion, mit der wir fiese Fahrfehler ungeschehen machen können. Das erleichtert auch Anfängern den Einstieg. Daumen hoch!

Besonders genial jedoch finden wir die "Nemesis"-Idee: Unsere KI-Gegner (laut Codemasters sollen es rund 400 verschiedene sein - wir haben nicht gezählt) sind so programmiert, dass sie zu unserer "Nemesis" werden, wenn wir sie zu hart auf die Stoßstange nehmen oder sie zu oft touchieren. Dann werden aus den Gegnern mittelschwer Wahnsinnige, denen es nicht mehr um den eigenen Sieg geht, sondern nur noch darum, uns möglichst schnell von der Strecke zu befördern. Egal wie.

Wo andere Spiele unfaires Verhalten ahnden, reagiert "Grid" mit der griechischen Göttin des gerechten Zorns. Der Sage nach ist Nemesis die Rachegöttin der ausgleichenden Gerechtigkeit. Sind wir also zu brutal und ungerecht, gibt's das vom Gegner mit gleicher Münze zurückgezahlt. Wir wurden dadurch manches Mal von wütenden Rivalen von der Strecke geschoben.

Was hat uns nicht gefallen?

Wir nennen es "die Wand der Rennen": So sieht der Überblick über die rund 100 Events aus, in denen wir antreten müssen, um der wahre Grid-Meister zu werden. - © Codemasters
Wir nennen es "die Wand der Rennen": So sieht der Überblick über die rund 100 Events aus, in denen wir antreten müssen, um der wahre Grid-Meister zu werden. | © Codemasters

"Grid" bietet neben der Rennerfahrung einfach zu wenig. Sobald wir im Menü den Karrieremodus ausgewählt haben, wird uns eine wahre Wand aus Rennen gezeigt (s. Foto). Angeblich soll es bis zu 30 Stunden dauern bis man alle rund 100 Events, verteilt auf sechs Rennklassen, gemeistert hat. Das ist schön und gut, aber: was ist, wenn wir mehr wollen?

Denn genau betrachtet sind es nur 12 Rennstrecken, die in Dutzende Teilstrecken aufgesplittet und immer wieder recycelt werden. Und nach ein paar Stunden Spielspaß kann es passieren, dass man sich fragt, ob man diesen einen Streckenabschnitt nicht vor wenigen Minuten in einem anderen Rennen schon in die andere Richtung gefahren ist. Abwechslungsreich ist was anderes.

Fernando Alonso hat Codemasters nicht nur beraten, ihm und seinem berüchtigten Renault R 26 begegnet man sogar in einem Rennen. - © Codemasters
Fernando Alonso hat Codemasters nicht nur beraten, ihm und seinem berüchtigten Renault R 26 begegnet man sogar in einem Rennen. | © Codemasters

Der Karrieremodus fühlt sich also leider nicht wie einer an. Zwar bekommen wir für Siege auch Siegprämien, die wir in noch bessere Autos oder ein paar Sticker für den Lack ausgeben können, aber als Spieler bekommen wir darüber hinaus nicht das Gefühl, Fortschritte zu machen. Es fehlt an einer Rahmenhandlung, die die Rennen miteinander verknüpft.

Ein guter Story-Punkt hätten die Nemesis-Gegner sein können. Aber ist ein Rennen gefahren, ist die Wut des Gegners auch schon verraucht. Dem Karrieremodus aber hätte es mehr Spannung verliehen, wenn wir uns auch bei weiteren Rennen vor genau diesem Gegner in Acht hätten nehmen müssen. So hätte sich ein Karrieremodus entwickeln können, nicht aber in der stumpfen Auswahl des nächsten und nächsten und nächsten Rennens. Heute Brands Hatch - morgen Brands Hatch rückwärts. Gähn.

Uns fehlt außerdem die Garage, in der wir unsere gekauften Autos bestaunen können. Uns fehlt die Möglichkeit, unsere Renn-Boliden zu tunen und aufzumotzen (wir können etwas kosmetisch tätig werden und ein paar lapidare Einstellungen vornehmen - das war's). Außerhalb des Karrieremodus fehlt uns die Möglichkeit, auf dem Sofa und im Splitscreen Rennen gegen einen zweiten Spieler zu fahren. Leider gibt es dort nur das freie Einzelrennen oder den uninspirierten Mehrspielermodus.

Unser Fazit

"Grid" ist auch 2019 wieder ein unterhaltsames und auf den Strecken mitreißendes Rennspiel, schafft es aber trotz interessanter Möglichkeiten bei uns nicht auf die Pole Position. Preislich ist es unserer Ansicht nach zu teuer, denn es wird als Vollpreis-Spiel verkauft und muss sich an der Ladentheke mit anderen, wesentlich umfangreicheren Rennspielen messen. Codemasters hat allerdings bereits angekündigt, demnächst weitere Strecken kostenlos anzubieten. Zusätzlich soll es weitere Events und neue Autos als kostenpflichtigen DLC geben.

"Grid" ist seit dem 11. Oktober 2019 erhältlich für PC, Playstation 4 und Xbox One. Wir haben die PS4-Version getestet.

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