Die Tagesschau steht für einen Beitrag in der Kritik.  - © dpa
Die Tagesschau steht für einen Beitrag in der Kritik.  | © dpa

Medien Kika und Tagesschau werden kritisiert - und das ausgerechnet von der Bild-Zeitung

Nahezu wöchentlich wird ein vermeintlicher "Skandal" bei den Öffentlich-Rechtlichen in den Himmel gehyped. Angezettelt wird der Shitstorm dabei immer von derselben Person: Julian Reichelt, Chef der Bild-Zeitung. Was will er?

Matthias Schwarzer

Berlin. Die ARD steht in der Kritik. Mal wieder. In einem Online-Beitrag über einen Auftritt von Donald Trump soll die "Tagesschau" die Buhrufe des Publikums lauter gemacht haben als sie eigentlich waren. In den sozialen Netzwerken wird Kritik laut: Ist das noch Journalismus - oder gar Manipulation? "Hinterhältige, gemeine, bösartige, falsche Presse" - hier wird Trump nach seiner Rede beim #WEF18 in #Davos dafür ausgebuht. pic.twitter.com/ro4vh4EOpY — tagesschau (@tagesschau) 26. Januar 2018 Tagesschau-Chef Kai Gniffke jedenfalls sieht sich gezwungen, angesichts der Vorwürfe Stellung zu beziehen. In einem Blogbeitrag erklärt Gniffke: "Wenn ein Korrespondent die Information vermittelt, dass der US-Präsident ausgebuht worden ist, dann muss er das belegen. Dazu diente dieser Ton. Es ist der Original-Ton aus dem Saal, nichts wurde dazu erfunden, nichts wurde unterdrückt oder manipuliert." Nun ist die Kritik an dem Beitrag natürlich nicht ganz abwegig. Und natürlich darf man darüber diskutieren, ob die Tagesschau einen handwerklichen Fehler gemacht hat. Und natürlich darf man sie dafür auch kritisieren. Doch die Sache hat einen entscheidenden Haken. Julian Reichelt ist (schon wieder) empört Die Empörung über den Trump-Beitrag ist nämlich bereits der dritte Shitstorm innerhalb weniger Wochen, der über die Öffentlich-Rechtlichen rollt. Es ist bereits der dritte Shitstorm, der vor allem in Filterblasen von AfD-Anhängern und anderen Rechten ("Lügenpresse") durch die Decke geht. Und: Es ist der dritte Shitstorm, der zufälligerweise von ein und derselben Person ins Rollen gebracht wurde: von Julian Reichelt, Chef der Bild-Zeitung. Als einem rechten Blogger auffällt, dass es Ungereimtheiten mit einer Kika-Doku über ein junges Paar gibt, steigt Reichelts Bild-Zeitung groß darauf ein, zeigt sich empört von dem Fall und veröffentlicht gleich mehrere Artikel zum Thema. Einer der Nachdreher trägt den Titel: "Kinderschänder schauen im Knast Kika." Als der Kinderkanal wenig später drei Jungs (vermutlich mit Migrationshintergrund!) BHs öffnen lässt, fragt Bild besorgt: "Was ist nur beim Kinderkanal los?" Neues vom Kika: Diesmal lernen Jungs, die offenbar und bizarrerweise nach Migrationshintergrund gecastet wurden, wie man einer Frau von hinten den BH öffnet. pic.twitter.com/dNFnXIlhyB — Julian Reichelt (@jreichelt) 23. Januar 2018 Und nun der Fall mit der Tagesschau. Auch hier ist Julian Reichelt der erste, der eine "klare Grenzüberschreitung" wittert. Kurz darauf berichtet die Bild-Zeitung groß. Die @tagesschau hilft ein bisschen nach, damit Buh-Rufe gegen Trump lauter und deutlicher zu hören sind. Klare Grenzüberschreitung bei einer Nachrichtensendung, lieber @KaiGniffke . Und schwer vorstellbar, dass Sie dasselbe bei Applaus getan hätten. Ein Fall für @ZappMM ! https://t.co/njlWBrQLDC — Julian Reichelt (@jreichelt) 27. Januar 2018 Natürlich kann es sein, dass Julian Reichelt seine Kritik ernst meint. Und natürlich kann es sein, dass sich die Bild-Zeitung zur neuen Hüterin der Medienethik wandeln will. (Zur Erinnerung: Die Bild ist eine Zeitung, die Bilder von getöteten Terroropfern auf Titelseiten druckt, oder deren Facebook-Seiten durchwühlt, um an die Bilder zu kommen.) Aber eventuell hat die Sache auch einen ganz anderen Hintergrund. Kampagne gegen die Öffentlich-Rechtlichen Denn der Springer-Verlag, zu dem neben der "Welt" und der "Berliner BZ" auch die "Bild-Zeitung" gehören, liegt bereits seit Jahren mit den Öffentlich-Rechtlichen im Clinch. Der Verlag gehört beispielsweise zu den Medienhäusern, die sich gegen die Tagesschau-App wehren, weil sie darin Wettbewerbsverzerrung erkennen. BDZV-Präsident und Springer-Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner hatte ARD und ZDF zuletzt sogar als "Staatsfunk" bezeichnet. Mitarbeiter der Öffentlich-Rechtlichen fühlen sich von der Kampagne einiger Verlage inzwischen so diskreditiert, dass sie im November eine Gegenrede veröffentlichten. Sie werfen ihren Kollegen in den Zeitungsverlagen vor, mit der Glaubwürdigkeit des Journalismus zu spielen. "Sie bedienen ein Klima, das uns JournalistInnen der öffentlich-rechtlichen Medien an den Pranger stellen soll. Können Sie uns mal erklären, warum wir als verantwortungsvolle JournalistInnen in diesen Zeiten nicht zusammenhalten gegen Fake News und populistische Parolen?", heißt es in dem offenen Brief. Der Springer-Verlag scheint die Kritik gehört zu haben. Das Wort "Staatsfunk" ist seit dem Vorfall im Herbst nicht wieder gefallen. Stattdessen hat man im Medienhaus offenbar die Strategie geändert: Empörung. Und wo holt man sich die am besten? In der rechten Filterblase. Und so dürfte es nicht lange dauern, bis der nächste handwerkliche Fehler der Öffentlich-Rechtlichen zum vermeintlichen Skandal hochgehyped und bis zum Erbrechen ausgeschlachtet wird. Eine Frage darf dann allerdings erlaubt sein: Ist das noch Journalismus?

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