Der Kinderkanal sieht sich einer hyperaufgeregten Debatte gegenüber - weil die Aufgeregten es sich damit schön leicht machen können, findet unser Kommentator. - © picture alliance / ZB
Der Kinderkanal sieht sich einer hyperaufgeregten Debatte gegenüber - weil die Aufgeregten es sich damit schön leicht machen können, findet unser Kommentator. | © picture alliance / ZB

Bielefeld Kika ändert Alter eines Flüchtlings in einer Doku - na und?

Der Kinderkanal strahlt eine Doku über die Liebe einer Deutschen zu einem Flüchtling aus - und Medien tun der Rechten den Gefallen, die Debatte mitzutragen

Björn Vahle

Haben wir eigentlich den Verstand verloren (und zwar wortwörtlich)? Oder durchschauen wir tatsächlich simpelste Aufreger-Taktiken der politisch Ultrarechten nicht mehr? Diese Fragen sind weder ironisch, noch dramaturgisch gestellt. Sie spiegeln die Ratlosigkeit wieder, die sich angesichts mancher Themen im Netz einstellen will. Doku über Liebe auf Kika Ausgelöst hat diese Ratlosigkeit folgender Fall: Auf Kika läuft eine Doku über die Liebe zwischen einem Flüchtling und einer Deutschen. Der Sender gibt zunächst an, der junge Mann sei 17, das Mädchen 16. Später ändert er in der Sendungsbeschreibung die Angabe. 19 sei das richtige Alter, 17 sei er zu Beginn der Recherche gewesen. Medien von "Bild" bis "Der Westen" berichten. In Zeiten von Forderungen nach verpflichtenden Alterstests für Flüchtlinge, die laut Ärzten und Strahlenschützern übrigens ungenau sind und gesundheitsschädlich sein können, ein gefundenes Fressen für AfD und andere rechte Agitatoren, vor allem in sozialen Netzwerken. Und wie so oft, wenn der Aufschrei aus der selbstauferlegten Opferrolle heraus gesprochen wird, ist er vor allem zweierlei: völlig überzogen und am Thema vorbei. "Meinungsbildung" nicht verstanden Die Kritik zielt auf tatsächlich fragwürdige Aussagen der Protagonisten ab ("Ich darf keine kurzen Sachen anziehen"). Ihnen fehle eine Einordnung durch den Sender, wird bemängelt. Es fehle der Kontext. Das ist einfach Blödsinn. Klar, Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender ist die Meinungsbildung. Das bedeutet aber mitnichten, dass Sendungen Meinungen vorgeben, die Zuschauer erkennen und übernehmen sollen. Sondern, wie journalistisch üblich, Fakten und Zustände zu zeigen, die beim Publikum den Prozess der Bildung einer eigenen Meinung vorantreiben. Nichts anderes tut der Kinderkanal mit der Doku. "Warum darf der Kika so etwas senden", fragen besorgte Eltern bei Facebook und anderswo. Warum setzt Ihr Euch mit Euren Kindern nicht hin und erklärt Ihnen, was Ihr für fragwürdig haltet? Mediennutzung braucht Begleitung, immer. Also meckert doch bitte nicht am Kika herum, wenn Ihr Euren Kindern diesen Sender anmacht und sie dann mit ihm allein lasst. Ums Alter geht's eigentlich nicht Dann könnte man solche Dinge erläutern wie: Ein Mensch sollte einem anderen Menschen nicht vorschreiben, was er anzuziehen hat oder wen er treffen darf. Auch wenn da jemand im Fernsehen gezeigt wird, der das so macht. Andersherum sollte ein Mensch den Glauben eines anderen nicht als Unsinn abtun, sondern sich damit beschäftigen, warum dieser Mensch glaubt. Und seine Schlüsse daraus ziehen. Die auch bedeuten können: Wir passen nicht zueinander, ich will das nicht. Und mal ganz abgesehen davon: Mit dem Alter der beiden hat all das gar nichts zu tun. Sie ist für die Schreihälse und Hyperbesorgten nur der Aufhänger, um sich wichtig zu machen. Muss denn der erste Reflex neuerdings immer der Aufschrei sein? Ist keine Zeit mehr für Reflexion und Auseinandersetzung mit einem Thema, nicht einmal, wenn unsere Kinder was davon hätten, deren Wohl wir immer ach so stolz vor uns hertragen? Was lernen Kinder wohl aus mangelnder Impulskontrolle ihrer Eltern? "Wenn mir was nicht passt, habe ich jedes Recht, öffentlich Leute an den Pranger zu stellen." Glückwunsch. Die Debatte ist die falsche Noch so eine Frage: Warum darf ein demokratisch gewählter AfD-Abgeordneter unwidersprochen von "Indoktrination Minderjähriger" schwafeln, weil er, wie so viele, offenbar auch das Wort Meinungsbildung nicht versteht? Da hätte ich mir Kontext gewünscht. So tun sämtliche Medien den Rechten den Gefallen, und berichten über den "Aufschrei", als wäre wirklich das Wohl der Kinder bedroht. Das ist es nur, wenn wir es uns leicht machen. Und die Debatte, die es deshalb braucht, lautet: "Wie kriegen wir endlich selbst den Hintern hoch und informieren uns (und unsere Kinder), als vorsorglich andere dafür anzumotzen, dass sie uns nicht richtig oder so informieren, wie wir das nicht wollen?" Es liegt, wie immer, an uns. Den Verstand nicht zu verlieren. Sondern ihn zu gebrauchen.

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