Der ARD-Chef fordert eine Beitragserhöhung, aber ein Sparprogramm wäre viel besser. - © picture alliance / dpa Themendienst
Der ARD-Chef fordert eine Beitragserhöhung, aber ein Sparprogramm wäre viel besser. | © picture alliance / dpa Themendienst

TV & Film Höhere Rundfunkgebühren? Ich hätte da ein paar Sparvorschläge

Meinung zum Programm von ARD und ZDF

Angela Wiese

Der neue ARD-Chef will eine Erhöhung der Rundfunkgebühren ab dem Jahr 2021. Andernfalls "müssten wir kräftig ins Programm schneiden", sagte Ulrich Wilhelm dem Handelsblatt. Ja, macht das doch endlich! Bei 20 TV-Programmen und 69 Radiosendern dürfte das kein Problem sein. Rosen, Liebe, Soko Anfangen könnte man direkt bei den Großen. ARD und ZDF haben wichtige und gute Nachrichten, Politik-, Medien- und Wirtschaftsmagazine. Und ja, sie haben auch starke Filme und Krimis im Angebot, aber nicht sehr oft. Wenn jemand, der mittlerweile weitgehend auf lineares Fernsehen verzichtet, doch mal wieder ARD oder ZDF einschaltet, kommt der große Schock. Rote Rosen, Sturm der Liebe, Meister des Alltags, Notruf Hafenkante, Soko Wismar (insgesamt gibt's übrigens sieben Mitglieder in der "Soko-Familie"), die Rosenheim-Cops - diese Liste der Unterhaltungssendungen kann unendlich weitergeführt werden. Was leisten diese Serien Was können Serien wie Rote Rosen, Sturm der Liebe, die Rosenheim-Cops eigentlich? Sie können enorm einfach gestrickte Geschichten in etwa einer Stunde erzählen. Wer seine Zeit im wattebausch-weichen Liebestaumel einer Telenovela oder mit unterdurchschnittlich spannenden Krimis verbringen möchte, ist hier gut aufgehoben. Wer allerdings auf die Idee kommt, für 17,50 Euro im Monat etwas mehr Anspruch zu verlangen, hat verloren. Der Rotstift ließe sich auch bei den Polit-Talkshows ansetzen. Vielleicht hatte irgendwann mal jemand die Idee, dass in solchen Sendungen ein gesellschaftlich relevantes Thema aus verschiedenen Blickrichtungen betrachtet und diskutiert wird. Wenn in der Realität solche Sendungen aber dafür da sind, dass sich Politiker und Journalisten darstellen und der ein oder andere Gast mit Beleidigungen oder gar dem Verlassen der Sendung einen Eklat provozieren kann, machen's dann nicht auch ein paar Sendungen weniger? Müssen wirklich Sandra Maischberger UND Frank Plasberg UND Anne Will UND Sandra Maischberger UND Markus Lanz UND Maybrit Illner und so weiter diskutieren? Macht doch mal den Tatort schlanker Wenn wir schon dabei sind: Der Tatort ist eine Institution im deutschen Fernsehen. Ich jedenfalls möchte nicht darauf verzichten. Leider nutzt sich der Tatort ab. Die meisten Filme der Krimireihe sind höchstens gewöhnlich und selten wirklich gut. Das ist so schade, weil die Reihe viel mehr Potenzial hat. Nein, wir brauchen nicht über 20 Tatort-Kommissare. Wir brauchen nicht mal jeden Sonntag einen Tatort. Wir brauchen gute Tatort-Folgen. In diesem Fall ist weniger mehr. Eine Folge kostet schließlich zwischen 1,3 und 1,5 Millionen Euro. Ein Beispiel für das Potenzial des Tatorts: Ulrich Tukur spielt Kommissar Felix Murot. Er ist aber nur sehr selten zu sehen, weil mit Tukur nicht so viele Folgen gedreht werden. Tukur-Folgen passen aber sowieso nicht so richtig in das Tatort-Format. Sie sind nicht langweilig und gediegen genug. Ab in den Ruhestand Mal ein Positiv-Beispiel: Die Folge "Im Schmerz geboren" (Video unten) löste nach ihrer Ausstrahlung Begeisterungsstürme aus, wurde mehrfach ausgezeichnet. Solche Filme könnte man ausgliedern. Das wäre dann ein großartiger Film, bei dem sich die ARD mal etwas getraut hätte, aber ohne Tatort-Label. Gleichzeitig hätte man ein Team weniger in der Tatort-Familie. So könnte man auch mit anderen verfahren. Oder einfach mal ein paar Kommissare in den Ruhestand schicken. Mal ehrlich, einige sind echt reif. Das Problem sind am Ende gar nicht Polizeiserien, Krimis oder  Telenovelas an sich, es geht nicht um das Genre. Diese Formate haben auch im Programm des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Berechtigung. Das Problem ist die Masse dieser seichten Unterhaltung, die die Programmplätze füllt und den Zuschauer verzweifeln lässt. Die Masse an Sendungen, die wirken, als wären sie am Fließband produziert. Weil sie nun mal so gemacht werden und niemand mehr wirklich über sie nachdenkt.  Mit Blick darauf kann eine Forderung nach Erhöhung des Rundfunkbeitrags fast nichts anderes auslösen als spontanen Ärger. Räumt mal lieber auf Liegt es nicht nahe, im Programm mal richtig aufzuräumen? Mal zu fragen, ob dieses Angebot tatsächlich die Vielfalt des gesellschaftlichen Lebens widerspiegelt, wie es der Auftrag der öffentlichen-rechtlichen Sender fordert? Spiegelt das oben beschriebene immer selbe seichte Programm der Öffentlich-Rechtlichen überhaupt irgendeine Vielfalt wider? Wohl kaum. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat den Auftrag, einen Beitrag zur individuellen und öffentlichen Meinungsbildung zu leisten, zu einem demokratischen Gemeinwesen beizutragen. Das muss nicht heißen, dass ARD und ZDF ihr Unterhaltungsprogramm streichen sollen. Unterhaltung gehört auch in die öffentlich-rechtlichen Sender. Die Frage ist nur: Was ist Unterhaltung im Jahr 2018? Schaut mal auf die Konkurrenz Mit der Beurteilung der Qualität des Unterhaltungsprogramms bei ARD und ZDF wird es eigentlich nur schlimmer, wenn man mal die Konkurrenz in den Blick nimmt. Das sind nicht die privaten Sender. Das sind Netflix, Prime und Co. Wer würde eine Serie wie die erste deutsche Netflix-Produktion "Dark" auf einem öffentlich-rechtlichen Sender erwarten? Oder eine starke internationale Serie wie "Tansparent"? Niemand. Sie würden dort auch nicht laufen. Und wenn doch, dann irgendwann nachts. Fernsehen verändert sich, individualisiert sich. Streamingdienste haben nicht nur, aber viele starke Eigenproduktionen, die immer mehr Zuschauer anziehen. Kann das Programm von ARD und ZDF da mithalten? Im Augenblick nicht. Das Programm von ARD und ZDF ist so nicht mehr zeitgemäß. Ein steigender Rundfunkbeitrag jedenfalls scheint keine Qualitätssteigerung im Unterhaltungsprogramm zu versprechen. Das zeigt die Entwicklung der vergangenen Jahre. Deshalb wäre ein Sparprogramm unter dem Titel "Weg von der Masse, hin zu mehr Qualität" deutlich wünschenswerter als der Ruf nach der nächsten Beitragserhöhung.

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