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Mittelstrecke ist die Zukunft

Zehnjähriger Tjard und Vater Gößling finden Kompromiss mit Dr. Nebelsiek

VON JÖRG FRITZ
22.04.2009 | Stand 22.04.2009, 11:59 Uhr
Dr. Heiko Nebelsiek (r.) zeigt Tjard Gößling, wie vor einem Trainingslauf die Muskulatur gedehnt werden soll. - © FOTO: ANDREAS ZOBE
Dr. Heiko Nebelsiek (r.) zeigt Tjard Gößling, wie vor einem Trainingslauf die Muskulatur gedehnt werden soll. | © FOTO: ANDREAS ZOBE

Bielefeld. Dr. Heiko Nebelsiek und Uwe Gößling waren sich auf Anhieb sympathisch, obgleich sie doch höchst unterschiedliche Standpunkte beim Thema Teilnahme von Kindern am Hermannslauf vertreten. Der Allgemein- und Sportmediziner aus dem Bielefelder Ortsteil Schildesche hat drei Kinder, die allesamt die Laborschule in Bielefeld besuchten – jene Penne, in die auch Uwe Gößlings Sohn Tjard geht.

Tjard, zehn Jahre alt, sorgte vor einem Jahr für Aufsehen, als er in einer Zeit von 2:54 Stunden vielen Erwachsenen davon lief. Kritische Stimmen wurden laut, die einen Start von Heranwachsenden als gefährlich und gesundheitsschädlich bezeichnen. Der ausrichtende TSVE 1890 Bielefeld reagierte und sprach in seiner Ausschreibung für den Hermannslauf 2009 eine Empfehlung aus, Jugendliche unter 14 Jahren nicht teilnehmen zu lassen.

Auf Initiative der Neuen Westfälischen kam es zu einem Treffen zwischen dem Sportmediziner und den Gößlings, an dem mit Thomas Heidbreder (45) ein erfahrener Lauftrainer im Nachwuchsbereich der SV Brackwede teilnahm. Es begann mit einer lockeren Joggingrunde im Umfeld der Bielefelder Uni, auf der viel miteinander geredet wurde.

Jugendliche Leistungssportler sind gefährdet

"Tjard ist ein sportbegeisterter und aufgeschlossener Junge. Ich verstehen seinen Wunsch durchaus, den Hermann zu laufen", sagt Heidbreder, der schon 13 Mal die Tortur von Hiddesen zur Sparrenburg auf sich genommen hat und eine Bestzeit von 1:52 Stunde aufweist. Er rate ihm aber nicht dazu, "da ein systematischer Trainingsaufbau für Tjard auf zunächst mittleren Strecken langfristig erfolgreicher erscheint."

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Nebelsiek attestiert Tjard ebenfalls ein außerordentliches Talent. Der Mediziner (58) wagte mit 48 seinen ersten Hermann. Fünf weitere Starts folgten (Bestzeit 2:52 Stunden), ehe er wegen Knieprobleme sich dem Ski-Marathon verschrieb. Er warnt vor gesundheitlichen Schäden. "Nicht selten treten bei jugendlichen Leistungssportlern Knochenhautreizungen und Ermüdungsbrüche auf. Die Ursache hierfür ist meist ein Training mit zu hohen Wiederholungszahlen und zu kurzen Pausen."

Während die Erwachsenen ihre sicherlich klugen Argumente vorbringen, hört Tjard mit Interesse zu. Der Viertklässler mischt sich auch in die Diskussion ein. "Ich laufe nicht ausschließlich. Fußball und Schwimmen machen mir ebenso viel Spaß", meint der talentierte Jungläufer. Diese sportliche Vielseitigkeit seines Sprösslings ist für Vater Uwe Gößling ein wichtiges Kriterium dafür, einseitige Bewegungsabläufe zu vermeiden.

Hermannslaufsieger kommen von der Mittelstrecke

Sein Training mit Tjard beschränkt sich auf zwei Einheiten pro Woche. Uwe Gößling: "Es gibt werktags einen Kurzlauf über zehn Kilometer. Und am Wochenende folgt ein längere Einheit mit rund 20 Kilometern. Mehr läuft nicht, denn ich vermeide es prinzipiell, Tjard sportlich zu fördern. Seine Lust am Laufen soll erhalten bleiben."

Einig sind sich alle Parteien, dass die Empfehlung des ausrichtenden Vereins, Kinder unter 14 Jahren beim Hermann nicht starten zu lassen, nur halbherzig erfolgt sei. "Die Verantwortung wird auf die Eltern abgeschoben", argumentiert Heiko Nebelsiek. Auch Uwe Gößling spricht sich für glasklare Verhältnisse aus. "Schafft der TSVE eine eindeutige Altersbegrenzung, werden auch wir uns daran halten." Ein Vorschlag, der von allen Beteiligten begrüßt wird.

Selbst Tjard schließt sich dieser Mehrheitsmeinung an, weil Thomas Heidbreder und Heiko Nebelsiek ihm ein interessantes Beispiel präsentieren. Die Hermannslaufsieger Philipp Brouwer (2003) und Elias Sansar (2006 bis 2008) seien alle von der Mittelstrecke gekommen, betonen die beiden Fachleute.

Uwe Gößling sorgt schließlich für einen Kompromiss. "Jetzt machen wir Nägel mit Köpfen. Nach dem diesjährigen Hermann kann Tjard sich der SV Brackwede anschließen und auf der Mittelstrecke unter Thomas Heidbreder trainieren."
 
    

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