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Game Over: Viele Spielsüchtige setzen nicht nur ihr Geld, sondern auch ihre Gesundheit aufs Spiel. - © picture alliance/dpa
Game Over: Viele Spielsüchtige setzen nicht nur ihr Geld, sondern auch ihre Gesundheit aufs Spiel. | © picture alliance/dpa

Glücksspiel Die Geschichte eines Ex-Spielsüchtigen: Eine Achterbahn, die nur abwärts fährt

Sven P. war spielsüchtig. Er setzte nicht nur Geld, sondern auch seine Gesundheit aufs Spiel. Inzwischen ist er clean, doch seine Vergangenheit lässt ihn nicht los. Jetzt will er Betroffenen helfen

Alexander Lange
03.07.2019 | Stand 04.07.2019, 08:43 Uhr

Bielefeld. Jeder Sonnenstrahl auf dem Blatt Papier am Kühlschrank stand für einen Tag Abstinenz. "Täglich haben wir einen neuen Strahl dazu gemalt. Aber wir haben uns angelogen. Heimlich gingen wir immer noch in die Spielothek und zockten. Wir konnten nicht anders." Es war eine der Phasen, in der die Spielsucht am stärksten und Sven P. (Name geändert) am schwächsten war. Damals lebte er in einer WG in Bielefeld. Sven P. und sein Mitbewohner, beide hatten das gleiche Problem, die gleiche Sucht, den gleichen Drang: Spielen: "Wir haben uns gegenseitig ermutigt, nicht in die Spielothek zu gehen. Dafür stand die Sonne. Aber wir gingen trotzdem." In der WG wohnt P. schon lange nicht mehr. Die Zeiten seien vorbei. Auch die seiner Sucht, sagt er überzeugt. "Acht Jahre habe ich gespielt. Selten gewonnen, meistens verloren." Seit drei Monaten ist er "clean" wie er selbst sagt: "Trockener Entzug. Ich habe mich für die harte Kante entschieden." Bewusst wählt er die Sprache, die man sonst eher von Alkoholikern und Drogen-Junkies kennt. Denn die Spielsucht, sagt P., werde immer noch nicht als Sucht ernstgenommen. Dabei ist es ernst: "Das ist eine Krankheit, an der ganze Existenzen hängen. Es geht nicht nur um Geld, sondern auch um die Gesundheit. Es gibt genug Leute, die sich deshalb das Leben genommen haben." Auch P. habe die Sucht am eigenen Körper erlebt, sei ständig krank gewesen, erschöpft und antriebslos. Jetzt will er Betroffene ermutigen, sich Hilfe zu holen: "Alleine kommt man da nicht mehr raus." Zehn Stunden am Stück gespielt Bei Sven P. fing es 2011 an. So wie bei den meisten Spielsüchtigen, sagt er: "Ich war mit Freunden unterwegs und einer fragte, ob wir nicht mal in die Spielothek gehen wollen." Warum nicht, P. stimmte zu und hatte direkt Erfolg: "Als ich das erste Mal da war, habe ich gleich 50 Euro gewonnen." Er ließ sich das Geld auszahlen, zockte nicht weiter, war froh über den Gewinn: "Meine Freunde haben mir noch auf die Schulter geklopft und gratuliert." Doch der Reiz nach dem schnell verdienten Geld blieb. Nach zwei Wochen ging er wieder an den Automaten, dann immer öfter, irgendwann fast täglich. Ein schleichender Prozess, sagt er heute. Einmal verbrachte er sogar zehn Stunden am Stück in der Spielothek, bespielte mehrere Automaten gleichzeitig. Es musste schnell gehen. Jedes verlorene Spiel motivierte ihn nur noch mehr, es erneut zu versuchen. Irgendwann musste es ja klappen. "Es war wie in einer anderen Welt", sagt P. heute: "Ich hatte kein Gefühl mehr für das Geld oder dessen Wert. Ich wollte nur noch spielen." Alles drehte sich um die Automaten. Kaum war er zuhause, setzten die Entzugserscheinungen ein. Unruhe, Schlaflosigkeit, Unkonzentriertheit. Die Sucht bestimmte den Tagesablauf: "Ein Gefühl wie in einer Achterbahn, aber es ging nur noch abwärts." Irgendwann habe er gemerkt, dass es so nicht weitergehen könne. Zum Glück, wie er sagt. Es müsse Schluss sein: "Ich wollte mein Leben zurück." Alleine, das war P. klar, werde er das aber nicht schaffen. Dafür sei der Reiz des schnellen Spiels zu groß. Dafür gebe es zu viele Spielotheken, fast an jeder Straßenecke. Er vertraute sich Freunden an: "Aber das war nicht einfach. Es hat Wochen gedauert, bis ich mich dazu überwunden hatte. Ich hatte Angst vor der Reaktion und habe mich geschämt. Irgendwann habe ich sie angerufen und von allem erzählt." Sie unterstützen ihn, boten ihm Hilfe an. P. geht seitdem zu einer Suchtberatung. "Wir sprechen einfach darüber, wie ich mich fühle." In den Spielotheken, in denen er unterwegs war, ließ er sich sperren - als Selbstschutz: "Aber wie das ablief, war unerhört. Die haben mich richtig vorgeführt." Der Spielerschutz fehlt In jeder einzelnen Spielothek hätte er vorstellig werden müssen, sei mitten im Raum, für alle anderen Besucher sichtbar, fotografiert worden: "Und dann hat das noch ewig gedauert. Jeder da hat gesehen, dass ich mich sperren lasse, dass ich offenbar süchtig bin. Ein Scheiß-Gefühl, die reinste Schau." Das Personal helfe nicht, sich aus der Sucht zu befreien: "Die nutzen die Krankheit eher schamlos aus. Die einzige Frage, die sie den Leuten stellen, wenn die schon Stunden vorm Automaten sitzen, fluchen und schreien ist, ob sie noch einen Kaffee wollen." Die Sperre in den Spielotheken gelte immer nur für 365 Tage. Dann, so P., gehe das Spiel wieder von vorne los. Der Drang, spielen zu gehen, sei bei ihm aber nicht mehr da. "Komplett weg, ich bin ein ehrgeiziger Typ." Er wisse nicht mehr, was ihn am Zocken so gefesselt habe. Was ihn aber bis heute ärgere, sei der fehlende Spielerschutz. P. will sensibilisieren, aber auch die Unternehmen und die Politik in die Pflicht nehmen: "Die Leute müssen geschützt werden. Nicht jeder, der in eine Spielothek geht, ist gleich süchtig. Aber viele Schicksale gehen dort zugrunde, ohne das jemand hilft." Spielsucht müsse ernstgenommen werden. Es sei mehr als ein kleines Automaten-Spiel, sagt P. Bei vielen Spielsüchtigen scheine die Sonne seit langem nicht mehr.

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