In Paris: Tom Sundermann (v.l.), Matthias Schwarzer und Joris Gräßlin auf der Prachtstraße Champs-Élysées, direkt vor dem Triumphbogen. - © Matthias Schwarzer
In Paris: Tom Sundermann (v.l.), Matthias Schwarzer und Joris Gräßlin auf der Prachtstraße Champs-Élysées, direkt vor dem Triumphbogen. | © Matthias Schwarzer

Expedition EU 15 Tage quer durch Europa: Unsere drei Reporter ziehen Bilanz

15 Tage lang reisten Joris Gräßlin, Matthias Schwarzer und Tom Sundermann durch die EU und erlebten die Wahl live in Brüssel. Welches Land sie am meisten überrascht hat, erzählen sie im Interview.

Tom Sundermann
28.05.2019 | Stand 28.05.2019, 06:01 Uhr |
Miriam Scharlibbe

Matthias Schwarzer

Joris Gräßlin

Welche Lehren zieht ihr aus der Expedition EU? Joris Gräßlin: Europa wächst immer weiter zusammen – zumindest, was Mobilität und technische Möglichkeiten angeht. Unsere Reise ist der beste Beweis: Wir konnten ohne große Schwierigkeiten täglich in ein neues Land reisen, vorab im Netz gebucht. Vor Ort ist immer öfter Kartenzahlung möglich, dazu gibt es Apps wie Uber, die das Reisen noch einfacher machen. Politisch und entwicklungstechnisch dagegen gibt es Unterschiede. Große EU-Euphorie in großen Teilen von Nordeuropa, Skepsis bis Ablehnung im Osten – Angst vor Bevormundung durch Westeuropa im Süden. Matthias Schwarzer: Ich habe auf dieser Reise vor allem gelernt, die Kulturen der europäischen Länder besser zu verstehen. Ein Beispiel: Ich habe mir aus Deutschland heraus nie vorstellen können, warum in Paris gewaltbereite „Gelbwesten" durch die Straßen ziehen und mutwillig Cafés, Autos und Gebäude anzünden. Unser Besuch vor Ort hat mir geholfen, die Pariser und ihre Mentalität besser zu verstehen. Tom Sundermann: Dass die Menschen, die in Euroskepsis und Nationalismus verfallen sind, die Augen vor den Vorteilen unserer Gemeinschaft verschließen. Ob bewusst, das weiß ich nicht. Ich kann ihnen nur sagen: Reisen bildet! Wir haben in Europa so viel Vielfalt fast vor der Haustür und durch Zusammenarbeit so viel erreicht. Welches Land hat euch am meisten überrascht? Sundermann: Estland! Vorher hinterm Eisernen Vorhang, jetzt allen in Europa voraus – jedenfalls in Sachen Digitalisierung. Hier kann man fast alle Behördengänge online erledigen. Und Tallinn ist wunderschön. Gräßlin: Ungarn, genauer gesagt Budapest – viel mehr haben wir ja leider nicht von dem Land sehen können. Eine unglaublich schöne und lebensfrohe Stadt, trotz Orban-Regierung. Wie wir gelernt haben, ist ein Großteil der Bevölkerung pro-europäisch eingestellt – allerdings Brüssel-feindlich. Ich bin sehr auf die Entwicklung der nächsten Jahre gespannt und möchte vor allem Budapest noch einmal für etwas längere Zeit erkunden. Schwarzer: Mich hat vor allem Brüssel überrascht – unsere letzte Station auf der Expedition. Ich bin am Abend der Ankunft mit dem E-Scooter durch die Straßen gezockelt, vorbei am Jubelpark und dem Triumphbogen. Und ich war überrascht, wie schön das hier ist. Ich werde bestimmt noch einmal zurückkommen. Welche Begegnung hat euch am meisten berührt? Gräßlin: Die Begegnung mit Hanna Machinska, scharfe Kritikerin der Justizreform in Polen, hat mich nachhaltig beeindruckt. Nicht nur, weil es mutig ist, dort so lautstark und emotional gegen die Regierung zu sprechen. Vor allem auch, weil wir sehen konnten, wie nahe ihr die Entwicklung geht. Beim Satz „Europa ist unsere letzte Sicherheit" hatte sie Tränen in den Augen. Schwarzer: Berührt hat mich der Besuch des Ortes, an dem Daphne Caruana Galizia starb. Auch eineinhalb Jahre nach der Ermordung der Journalistin steht auf dem Feld in Malta noch immer ein großes Plakat mit ihrem Gesicht und dem Wort „Justice". Ich kenne Malta ein bisschen, weil ich dort für ein Semester studiert habe und war erschrocken, wie sich dieses Land verändert hat. Sind euch Pannen passiert? Schwarzer: Ja, eine. In der ersten Woche saßen wir im Flieger nach Helsinki, als ich plötzlich merkte: Ich habe nach wochenlanger Vorbereitung alle Interviews meiner Geschichten auf den falschen Tag gelegt und mit den Gesprächspartnern völlig falsche Termine vereinbart – immer einen Tag zu früh. Am Ende hat aber noch alles geklappt: Alle Interviewpartner haben verständnisvoll reagiert und konnten den Termin noch verschieben. Gräßlin: Zum Glück keine größeren, das wäre bei dem Riesenstress und der engen Taktung auch wirklich eine Herausforderung gewesen. Bei der ersten Expedition EU vor fünf Jahren gab es da deutlich mehr Probleme – auch weil es damals noch kein Roaming gab oder Apps zur Navigation oder Hotel- und Autobuchung. Der Podcast zur Expedition EU kann bei Spotify, Apple Podcasts und weiteren Portalen abonniert werden. Welches EU-Land hat aus eurer Sicht das größte Potenzial? Gräßlin: Ungarn, wenn es endlich schafft, sich aus den Fängen der populistischen Regierung hin zu Europa zu befreien. Auch Griechenland hat noch Entwicklungspotenzial, wenn die Krise endgültig überwunden ist und endlich wieder Investitionen im Land ankommen. Schwarzer: Finnland und Estland sind so weit vorne in Sachen Digitalisierung – da können sich andere Länder eine Menge von abschneiden. In Finnland hat mich vor allem auch das intelligente Verkehrskonzept überzeugt. Das wäre ein Traum für deutsche Innenstädte, die völlig mit Autos verstopft sind. Wie bewertet ihr den Ausgang der EU-Wahl?  Gräßlin: Europa wird bunter, die ehemaligen Volksparteien haben ausgedient. Gewonnen haben Bewegungen, nicht Parteiprogramme. Das erklärt für mich den erheblichen Zuwachs der Grünen und eben auch den Stimmengewinn für Populisten. Sundermann: Die hohe Beteiligung hat gezeigt, dass die Wähler diese Abstimmung ernst genommen haben. Und das bedeutet: Sie haben verstanden, dass Brüssel nicht auf einem fernen Planeten liegt, sondern dass Europa wichtig ist und uns alle betrifft. Genau das ist die Botschaft, die wir mit der Expedition EU verbreiten wollten.

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