Die Zahl Haushalte, in denen mehrere Personen zusammenleben, sinkt in den kommenden Jahren. - © Karl-Hendrik Tittel
Die Zahl Haushalte, in denen mehrere Personen zusammenleben, sinkt in den kommenden Jahren. | © Karl-Hendrik Tittel

Statistik Immer mehr Single-Haushalte in OWL

Laut einer Prognose nimmt die Zahl der Haushalte mit Kindern in OWL bis 2040 deutlich ab. Vom negativen Trend sollen Bielefeld und die Kreise Gütersloh und Paderborn am wenigsten betroffen sein.

Bielefeld. Obwohl die Gesamtzahl der Haushalte in OWL bis 2040 langsam wachsen wird, ist in allen Kreisen mit einem Rückgang der Haushalte mit Kindern zu rechnen. Das prognostiziert das statistische Landesamt IT NRW in einer Veröffentlichung über die Entwicklung der Zahl der Privathaushalte in NRW. Dabei handelt es sich um eine sogenannte Modellrechnung, die auf den demografischen Trends basiert, die in den vergangenen Jahren beobachtet wurden. Von diesem Trend werden nach Angaben von IT NRW besonders stark die Kreise Höxter, Herford, Lippe und Minden-Lübbecke betroffen sein. Was diese Prognose für die Region bedeutet, wie sich der Wohnungsmarkt verändern wird, wie wichtig das Wirtschaftswachstum ist und ob demografische Defizite durch den Zuzug von Flüchtlingsfamilien kompensiert werden können, erklärt Elena Gunkel. Wandel der Lebensform Während die Zahl der Single-Haushalte nach Angaben des statistischen Landesamts IT NRW in OWL stetig zunimmt, sinkt die Zahl der Haushalte mit drei oder mehr Personen. Im Kreis Höxter könnte die Zahl der Haushalte mit mehreren Bewohnern in 25 Jahren um 29,8 Prozent zurückgehen. In den Kreisen Herford und Lippe liegt die geschätzte Abnahme bei 21,8 und 19,4 Prozent. „Die Prognose von IT NRW spiegelt einen allgemeinen Trend zu kleineren Haushalten wieder, der seit mehr als hundert Jahren zu beobachten ist", erklärt der Gesundheitswissenschaftler Jürgen Flöthmann von der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld. Alarmierend sei diese Tendenz zwar nicht, doch die Tatsache, dass immer mehr Menschen, sowohl jüngere als auch ältere, allein leben, stellt laut Flöthmann einen gesellschaftlichen Wandel mit weitreichenden Folgen dar. „Dabei handelt es sich nicht nur um die Folgen für unser Sozialsystem", so Flöthmann. „Mindestens genauso wichtig ist der tiefgreifende strukturelle Wandel der Lebensform, der dahintersteht." Ein Beispiel dafür sei die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt. „Nachgefragt werden künftig nicht mehr Häuser für Familien, sondern kleine Wohnungen in Städten", prophezeit Flöthmann. In den Universitätsstädten wie Bielefeld und Paderborn ist der Trend bereits heute stark ausgeprägt. Förderung von Familien „Die Prognose von IT NRW zeigt, was passiert, wenn sich die aktuelle demografische Entwicklung fortsetzt, und soll in erster Linie verantwortlichen Politikern als Orientierung dienen", erklärt Leo Krüll vom statistischen Landesamt IT NRW. Die Trends des demografischen Wandels und der damit verbundenen strukturellen Veränderungen werden seit Jahren diskutiert und interpretiert, erklärt Mirjana Lenz von der Kreisverwaltung Minden-Lübbecke. Seitdem werde versucht, Anreize für junge Familien zu schaffen, sagt Lenz. Zum Beispiel mit der Initiative „Ausgezeichnet familienfreundlich", bei der die Familienfreundlichkeit von Unternehmen gewürdigt wird, oder durch den Ausbau des U-3-Betreuungsbereichs in Kindertagesstätten. „In den ländlichen Kreisen gibt es traditionell viele Haushalte, in denen mehrere Generationen unter einem Dach wohnen", sagt Silja Polzin von der Kreisverwaltung Höxter. „Deshalb werden ländliche Regionen stärker von dem Wandel betroffen sein als Städte wie zum Beispiel Bielefeld." Kraft der Wirtschaft Der Kreis Gütersloh ist laut der Prognose von IT NRW von der negativen demografischen Entwicklung am wenigsten betroffen. Die Zahl der Privathaushalte soll dort bis 2040 um 11,6 Prozent steigen, der Rückgang bei den Haushalten mit Kindern fällt mit 7,1 Prozent zudem relativ gering aus. Nach Angaben des Sprechers der Kreisverwaltung Gütersloh, Jan Focken, liegt das an der Wirtschaftskraft des Kreises, die mit guten Arbeitsplatz- und Ausbildungsangeboten einhergeht. Die „Pro Wirtschaft GT GmbH" setzt sich für Wirtschaftsförderung im Kreis Gütersloh ein. „Wirtschaftlich gesehen sind wir seit Jahren nachweisbar einer der erfolgreichsten Kreise in NRW", sagt Geschäftsführer Albrecht Pförtner. „Wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es auch den Kommunen gut, denn sie haben hohe Steuereinnahmen und können viel in die Bildungs- und Freizeitangebote investieren. Das macht den Kreis insbesondere für Familien attraktiv." Zuwanderung Die Modellrechnung von IT NRW basiert auf der Vorausberechnung der Bevölkerungsentwicklung, die die Trends aus den Jahren vor 2014 widerspiegelt. „Da die Flüchtlingsproblematik erst 2015 besonders akut wurde, konnten deren Folgen in der aktuellen Prognose noch nicht berücksichtigt werden", erklärt Leo Krüll von IT NRW. Lässt sich das „demografische Defizit" in der Region durch kinderreiche Flüchtlingsfamilien ausgleichen? „Der demografische Wandel lässt sich durch Zuzug nicht ausgleichen, sondern nur abfedern beziehungsweise abmildern", erklärt Migrationsexperte Thomas Faist von der Universität Bielefeld. Dabei gehe es weniger um den zahlenmäßigen Ausgleich sinkender Bevölkerungszahlen als um den Ausgleich der Folgen dieser Entwicklung. „Auch wenn Zuwanderung kein Allheilmittel zur Bewältigung der Folgen der gesellschaftlichen Alterungsprozesse sein kann, ist sie doch ein wichtiger Beitrag zu einer Gesamtstrategie zur Bearbeitung der notwendigen Anpassungen im Rahmen des demografischen Wandels", so Faist.

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