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Die Paderborner Malteser Wolfgang Röver, Wilfried Schild und Wolfgang Triller (v. l.) betreuten 1989 in Budapest ausreisewillige DDR-Bürger. - © Frank Kaiser
Die Paderborner Malteser Wolfgang Röver, Wilfried Schild und Wolfgang Triller (v. l.) betreuten 1989 in Budapest ausreisewillige DDR-Bürger. | © Frank Kaiser

Paderborn Wie drei Malteser aus Paderborn die erste Grenzöffnung der DDR miterlebten

Sie erinnern sich an den wohl ungewöhnlichsten Einsatz ihres Lebens

Frank Kaiser
11.09.2019 | Stand 11.09.2019, 15:13 Uhr

Paderborn. Am 9. November 1989 fiel die Mauer, der „Eiserne Vorhang" war Geschichte. Was häufig in Vergessenheit gerät: Schon einige Wochen vorher, heute vor 30 Jahren, öffnete Ungarn seine Grenze zu Österreich. Bei einer Feierstunde der Malteser wird am Mittwoch in Berlin daran erinnert. Auch drei Malteser aus Paderborn sind mit von der Partie: Wolfgang Röver (51), Wilfried Schild (68) und Wolfgang Triller (67) waren 1989 als Helfer vor Ort. Wenn sich die drei treffen, dann können sie stundenlang in alten Fotoalben blättern und in Erinnerungen schwelgen. Denn schließlich haben sie, ohne es damals gleich zu realisieren, ein kleines Stück Weltgeschichte mitgeschrieben. Budapest im Hochsommer 1989: Der Ostblock wankte bereits, doch der „Eiserne Vorhang" stand immer noch. Gerade erst hatte die deutsch-ungarische Malteserin Csilla von Boeselager aus Arnsberg in Ungarn den ersten Hilfsdienst der Malteser in den damaligen Ostblock-Ländern mitgegründet. „Eigentlich sollte es ein Jugendaustausch zum Stephanusfest am 20. August werden, einem der ungarischen Nationalfeiertage", erinnert sich Wolfgang Triller. Als damaliger Diözesanjugendreferent der Malteser hatte er die Reise für 19 männliche und fünf weibliche Jugendgruppenleiter aus dem Erzbistum Paderborn organisiert. Botschaft musste schnell wegen Überfüllung schließen Doch dann, am 13. August, überschlugen sich die Ereignisse. Der Zufall wollte es, dass Csilla von Boeselager bei einem Besuch der deutschen Botschaft von der dramatischen Situation der in der ungarischen Hauptstadt gestrandeten DDR-Bürger erfuhr. Diese wollten nach Meldungen erster Grenzübertritte als Urlauber getarnt fliehen. Und sie kamen in Scharen – so viele wurden es, dass die Botschaft schnell wegen Überfüllung schließen musste. Wie es ihre Art war, reagierte Csilla sofort und baute auf dem Gelände der Zugliget-Kirche ein Flüchtlingslager auf – quasi aus dem Nichts. Am frühen Morgen des 15. August klingelte bei dem damals 21-jährigen Wolfgang Röver zuhause das Telefon. Seine Mutter nahm ab. Am anderen Ende der Leitung ein Mitarbeiter der Malteser Zentrale in Köln: „Frau Röver, heute muss ich Ihnen mitteilen: Ihr Sohn fährt nicht zu einem Jugendaustausch, sondern zu einem humanitären Hilfseinsatz – und es geht übrigens schon heute Abend los." Wolfgang Röver muss schmunzeln, wenn er daran zurückdenkt: „Meine Mutter sagte zuerst: Das geht nicht, die Hosen kommen ja gerade erst aus der Wäsche und sind noch nicht gebügelt." Doch noch am Abend desselben Tages startet ein kleiner Konvoi mit sechs Fahrzeugen und zwei Dutzend jungen Maltesern gen Osten. „Mit im Gepäck hatten wir – wie aus Budapest angefordert – 10.000 Einmalbestecke und einige Sonnenschirme", erinnert sich Wilfried Schild, damals im Malteser Rettungsdienst aktiv. „Wir haben den Paderborner Großhandel und Baumärkte abgeklappert und aufgekauft, was da war und in die Bullis gepasst hat." Dass die Geschichte gut ausgehen sollte – das war allen damals nicht klar. Wolfgang Triller: „Als wir nach über 20 Stunden Fahrt völlig übermüdet in Budapest ankamen, lag bei 30 Grad Außentemperatur große Anspannung in der Luft." Das Gelände der katholischen Pfarrgemeinde mit der Zugliget-Kirche im Zentrum war gesäumt mit Trabbis. „Wir Paderborner Malteser waren damals die ersten deutschen Helfer vor Ort und hatten bis zum 3. September die Einsatzleitung inne." Paderborner Malteser waren die ersten deutschen Helfer vor Ort Zuerst galt es, Hand in Hand mit den ungarischen Maltesern, für die vielen Menschen Zelte aufzubauen – insgesamt vier Dutzend „SG20"-Zelte für jeweils rund acht Menschen sowie viele weitere kleinere standen am Ende im Garten der Pfarrei. Kurzerhand wurde die Einsatzzentrale in der Sakristei der Kirche eingerichtet und die Malteser bezogen Quartier im Glockenturm. Die Bandbreite der Hilfe reichte vom Tordienst über Registrierungen, Essensausgaben bis zur Behandlung kleinerer Verletzungen und Kreislaufproblemen. „Das persönliche Gespräch war aber das Wichtigste, schließlich waren wir für die verunsicherten Menschen die erste Anlaufstelle", sagt Wolfgang Triller. Die Gefühle der Menschen schwankten zwischen Hoffnung auf eine baldige Ausreise und Misstrauen – auch untereinander. „Bei aller Solidarität gab es auch Anfeindungen", beschreibt es Wilfried Schild, damals verantwortlich für den Sanitätsdienst. Allen war bewusst, dass auch das Ministerium für Staatssicherheit seine Fühler auf dem Gelände ausstreckte – zum Beispiel von diesem auffälligen Wohnwagen gegenüber des Haupteingangs des Geländes aus. „Die Gerüchteküche der sogenannten ausreisewilligen DDR-Bürger brodelte und die Menschen verdächtigten sich teils gegenseitig, für die Stasi zu spionieren", so Triller. Viele hatten Angst, dass sie die Stasi nachts aus ihren Betten holen würde. „Bei allem was wir taten mussten wir sehr gut aufpassen, niemandem auf die Füße zu treten", erinnert sich Wolfgang Röver. So musste beispielsweise der Kontakt mit Medien streng vermieden werden. Große Sorge bestand damals in der Bonner Republik, dass die hochangespannte Situation außer Kontrolle geriet. Jede Äußerung konnte schließlich direkt in die weltweite Presse gelangen. „Zurückhaltung war unser oberstes Gebot." Wenn es Abend wurde, wagten immer wieder kleine oder größere Gruppen einen Fluchtversuch. „Wir gaben ihnen Karten des österreichischen Grenzverlaufs mit – einige Menschen kamen nicht zurück und haben es wohl geschafft", so Röver. Andere standen in der Morgendämmerung wieder vor dem Tor und dann hieß es einen weiteren Tag warten und hoffen. Die Informationslage war generell sehr dünn, auch für die Malteser: „Handys gab es ja nicht, und eine Möglichkeit, nach Deutschland zu telefonieren, bestand nur in den großen Budapester Hotels. Und die waren eine ganze Autostunde entfernt. Als wir zurückfuhren, haben wir uns hinter der Grenze erst einmal mit deutschen Zeitungen eingedeckt, um zu wissen, was überhaupt los war", so Triller. Ein Flugzeug stand im Krisenfall für die Malteser bereit Damals sei es nicht darum gegangen, einen großen Plan zu verfolgen. Vielmehr musste man in der Situation das Richtige tun – immer wieder aufs Neue. Wie brenzlich die Lage wirklich war verdeutlicht die Tatsache, dass während der ganzen Zeit ein Flugzeug bereitstand. Im Krisenfall wären die Malteser damit ausgeflogen worden. In der Nacht vom 11. September 1989 übersetzte Csilla von Boeselager inmitten der Zeltlager-Bewohner die erlösende Fernsehbotschaft des ungarischen Außenministers Gyula Horn: Sie dürfen ausreisen! Ihre Worte gingen im aufbrausenden Jubel unter. 30 Jahre später, blättern die drei Malteser immer noch gerne gemeinsam in alten Fotoalben. Sofort ist wieder präsent, welches Gefühl sie eint. Wolfgang Röver: „Woran wir letztlich mitgewirkt haben, wurde uns erst komplett bewusst, als wir wieder zu Hause in Paderborn waren. Wir waren überwältigt als wir erfuhren, dass wir mit unserem Einsatz ein kleines Stück am Rad der Geschichte gedreht hatten." Ausstellung in Berlin erinnert Am 11. September würdigt die Ausstellung „Erinnerungen an Budapest 1989 – Zeitzeugen berichten" in Berlin das Engagement der Malteser. Die Ausstellung erzählt zum 30. Jahrestag komprimiert die Geschichte der Hilfsaktion der Malteser und ordnet das Ereignis ein in den großen Umbruch von 1989. Insgesamt flohen im Sommer und Herbst 1989 mehr als 55.000 DDR-Bürger über das Zeltlager in der Zugliget-Kirche und über weitere Zeltlager im Umfeld in die Bundesrepublik Deutschland, bevor wenig später auch in Deutschland die Grenze fällt. Der Einsatz in Budapest war für die Malteser die verbandliche Initialzündung für den Aufbau ihres Auslandsdiensts. Bis heute arbeiten die Malteser partnerschaftlich mit karitativen Organisationen in den ehemaligen Ostblockstaaten zusammen.

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