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Gefalteter Hinweis: Museumsdirektor Ingo Grabowsky mit einem geknickten US-Geldschein, aus dem sich das brennende World Trade Center falten lässt. - © Holger Kosbab
Gefalteter Hinweis: Museumsdirektor Ingo Grabowsky mit einem geknickten US-Geldschein, aus dem sich das brennende World Trade Center falten lässt. | © Holger Kosbab

Lichtenau Kloster Dalheim zeigt, wie Verschwörungstheorien in die Welt kommen

Die Besucher der Sonderausstellung "Verschwörungstheorien - früher und heute" können sich auf ein spannendes Lehrstück in Sachen Dichtung und Wahrheit einstellen.

Holger Kosbab
11.02.2019 | Stand 14.05.2019, 20:41 Uhr

Lichtenau-Dalheim. Das ist wohl ein Treffer ins Schwarze: Schon Monate vor der Eröffnung im Mai bekommen die Macher der Sonderausstellung "Verschwörungstheorien - früher und heute" E-Mails und Facebook-Posts mit kritischen Anmerkungen. "Da merkt man, dass es sich um ein sensibles Thema handelt", sagt Ingo Grabowsky, Direktor der Stiftung Kloster Dalheim LWL-Landesmuseum für Klosterkultur. Aus diesem Grund habe sich das Ausstellungsteam intensiv vorbereitet und unter anderem Krisenszenarios entwickelt, wie auf Unmut in den Sozialen Medien reagiert werde. Das oberste Anliegen der Ausstellung ist Aufklärung. "Unser Ziel ist es, die Besucher für das Thema zu sensibilisieren", sagt Grabowsky. Es gehe darum, den Blick der Leute auf Begriffe wie Plausibilität, Nutzen, Zufall, Komplexität oder Wahrscheinlichkeit zu lenken, damit sie neue Verschwörungstheorien erkennen - und ihre Entstehung, Wirkung und Verbreitung. "Wir versuchen, den wissenschaftlichen Stand der Forschung zusammenzustellen", erläutert Grabowsky. Für die Schau wurde eigens ein wissenschaftlicher Beirat geschaffen. Um sich möglichst nicht angreifbar zu machen, wurden alle Präsentationen einem doppelten und dreifachen Fakten-Check unterzogen. Treffe in der Ausstellung ein überprüfbares Faktum nicht zu, so wäre dies aus Sicht der Verschwörungsanhänger Teil eines übergeordneten Plans, sagt der Museumsleiter. 900 Jahre Verschwörungsgeschichte vom Mittelalter bis in die Gegenwart werden ab dem 18. Mai in dem ehemaligen Augustiner-Chorherrenstift präsentiert. Das Publikum erwarten Verschwörungstheorien zur Mondlandung und ob es diese nur im Filmstudio gab, zu den Freimaurern, die verborgen an den Strippen zögen, zu 9/11. All dies werde möglichst neutral dargestellt, betont die wissenschaftliche Projektleiterin Carolin Mischer. Der Verschwörungstheorie werden Gegenargumente und kritische Stimmen gegenüber gestellt. So werde deutlicht, dass die Protokolle der Weisen von Zion - Kern einer antisemitischen Verschwörungstheorie - einen fiktiven Ursprung hätten. Was auch schon seit den 1920 Jahren bekannt sei. Beim Thema Holocaust-Leugnung "beziehen wir jedoch klar Stellung", betont Grabowsky. "Eingefleischte Verschwörungstheoretiker sind für Gegenargumente nicht empfänglich" "In Verschwörungstheorien werden oft reale Ereignisse aufgegriffen", sagt Mischer. "Sie liefern eine alternative Erzählung, die die offizielle Version hinterfragt." Die Theoriegebilde entständen vor allem in Zeiten des Umbruchs. Dabei werde versucht, "eine Pseudologik ins Spiel zu bringen", erklärt sie. "Für Verschwörungstheoretiker muss alles erklärbar sein, Zufälle existieren nicht." Auch zur Französischen Revolution gibt es ein solches Konstrukt, das für komplexe Zusammenhänge eine einfache Erklärung liefere. Etwas anderes ist für Grabowsky hingegen Fakt: "Eingefleischte Verschwörungstheoretiker sind für Gegenargumente nicht empfänglich." Ganz besondere Ausstellungsstücke sind - neben den Protokollen der Weisen von Zion - einer der drei letzten existierenden Illuminaten-Orden und ein Aufzugsmotor aus dem World Trade Center: Dessen Zerstörung sei, so eine von mehreren Verschwörungstheorien, unter anderem durch die US-Regierung und die CIA selbst inszeniert, um den Truppeneinzug im Irak und Afghanistan zu rechtfertigen. Insgesamt wird es in der Schau 240 Exponate geben, ein Teil davon wird jedoch nicht die komplette Ausstellungsdauer zu sehen sein. Das Budget liegt bei einer Million Euro. Grabowsky rechnet mit 90.000 Besuchern - es wäre der zweitbeste Ergebnis in Dalheim. Den Rekord hält mit 120.000 Besuchern die Luther-Schau. Kinder und Jugendliche bis 17 Jahren haben freien Eintritt. Für junge Menschen und ihren Umgang mit Sozialen Medien seien Verschwörungstheorien besonders interessant, sagt Grabowsky. Die Ausstellungsidee kam ihm durch Umberto Ecos Verschwörungstheorie-Roman "Das Foucaultsche Pendel". Mitte 2015 machte Grabowsky den ersten Vorstoß, das Thema zu präsentieren: schon weit vor Trump und den zahlreichen Wahlerfolgen rechtspopulistischer Parteien. Als Strippenzieher dienen häufig Regierungen und Eliten Für Laien sei es oft schwer zwischen Fakt und Fiktion, zwischen Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden, sagt Mischer. Verschwörungsanhänger benutzten pseudowissenschaftliche Arbeiten, um ihre Theorien zu untermauern. Als Strippenzieher von Verschwörungen dienten in den Theorien häufig Regierungen und Eliten sowie Wissenschaftler. Bedient würden diese von allen politischen Seiten, so Mischer. Rechte Verschwörungstheorien dominierten, doch es gebe auch linke - wie um die Todesnacht in Stammheim, bei der drei RAF-Größen durch Suizid starben. Eliten machten es den Verschwörungstheoretikern besonders leicht, wenn man etwa die Finanzkrise oder gefälschte Dissertationen sehe, meint Mischer. Das werde nicht als Einzelfall gesehen, sondern als systemisches Vorgehen. Die Ausstellung beleuchtet unter anderem die Reptiloiden-Verschwörung, wonach Reptilien in Menschengestalt - etwa Kanzlerin Angela Merkel - Regierungen und Königshäuser unterwanderten. Auch auf die Reichsbürger wird eingegangen. Auf die Lügenpresse und Fake News. Und auf die Bielefeld-Verschwörung als Beispiel für eine von selbst laufende satirische Verschwörung. Auch das Kloster Dalheim selbst taugt für Verschwörungstheorien. Ende des 17. Jahrhunderts wurden die Augustiner Chorherren der Hexerei und des Bundes mit dem Teufel verdächtigt. Die Besucher können gespannt sein.

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