Die Wirtin zeigte den Mann an, erschien selbst aber nicht vor Gericht. - © Symolbild: Pixabay
Die Wirtin zeigte den Mann an, erschien selbst aber nicht vor Gericht. | © Symolbild: Pixabay

NW Plus Logo Rahden Streit zwischen Kellner und Wirtin um Lohn hat Folgen

Der Kellner in einem Nordkreis-Gasthaus soll ins Portemonnaie gegriffen und Geld veruntreut haben. Das behauptete die Wirtin und zeigte den Mann an.

Joern Spreen-Ledebur

Rahden. Das Verhältnis zwischen einer Wirtin und einem Kellner dürfte angespannt gewesen sein. Der Mitarbeiter eines Gasthauses im Nordkreis gab an, bis heute auf einen Teil seines Lohns zu warten. Die Wirtin soll ihn rausgeworfen und kurz danach angezeigt haben: Der Kellner soll in das Kellner-Portemonnaie gegriffen haben, behauptet die Wirtin.

Der Kellner, ein 35-jähriger Stemweder, saß nun im Rahdener Amtsgericht auf der Anklagebank. Aufgrund der Anzeige der Wirtin warf ihm die Staatsanwaltschaft Bielefeld Unterschlagung vor.

Einspruch gegen Strafbefehl

Anfang Juli vorigen Jahres soll der Stemweder laut Anklageschrift in das Kellner-Portemonnaie gegriffen und sich 267,10 Euro eingesteckt haben. Um das zu verschleiern, soll der Mann laut Anklage seiner Chefin erzählt haben, dass an dem Abend weniger Speisen und Getränke verkauft worden seien. Gegen einen Strafbefehl hatten der Stemweder und sein Anwalt Einspruch eingelegt.

Er habe an dem Abend nicht allein in dem Gasthaus gearbeitet, sagte der Stemweder gegenüber Richterin Hildebrand. Außer ihm hätten zwei weitere Mitarbeiter kassiert. Er habe an dem Abend kurz nach Hause müssen, um Medikamente wegen Migräne zu nehmen. Bei Feierabend sei das Portemonnaie dann in eine nicht verschlossene Schublade gelegt worden, zu dem jeder zugriff habe, sagte der Stemweder. Es seien Fotos gemacht worden auch mit den Zetteln von Bestellungen, die er aufgenommen habe.

Fotos von Bestellzetteln gemacht

Wieso diese Fotos gemacht worden seien, wollte Richterin Hildebrand wissen. Das, so deutete der Stemweder an, habe die Chefin angeordnet. Sie habe wohl wissen wollen, was an dem Abend im Gasthaus los war. „Deshalb wurden Fotos gemacht“. Es gehe um den Vorwurf, dass mehr verkauft worden sei, hakte die Richterin nach. Er habe seine Bestellungen in eine Liste eingetragen, antwortete der angeklagte Stemweder.

Anmeldung fehlte: Kellner räumt Schwarzarbeit ein

Der Angeklagte solle 15 Bier à 0,3 Liter, drei Obstler sowie diverse Weizenbiere verkauft haben, sagte die Richterin. Tatsächlich aber solle es laut Wirtin mehr gewesen sein – allein bei den 0,3-Liter-Bieren 75 Stück. „An dem Abend war wenig los, wir hatten vielleicht 12 oder 13 Gäste“, sagte der angeklagte Stemweder Kellner dazu. „Die könnten auch viel trinken“, merkte Richterin Hildebrand an. „Nein. Nicht wenn sie nur eine Stunde da waren“, hielt der Stemweder dagegen. „Wir machten eher zu, weil nichts los war.“ Er sei sich auch sicher, an dem Tag kein Bierfass ausgetauscht zu haben.

Ob sich der Stemweder erklären könne, warum seine Chefs ihm diesen Vorwurf der Unterschlagung machten, wollte die Richterin wissen. „Es gab Streit wegen des Lohns“, sagte der Angeklagte. Zwei Mal habe er Abschläge über jeweils 50 Euro erhalten. Noch immer warte er auf den restlichen Lohn. Er habe das Thema angesprochen und von der Wirtin die Ansage bekommen, dass er nicht mehr erscheinen brauche und Post erhalten werde. „Und die Post, das war dann die Anzeige.“

Wirts-Ehepaar erscheint nicht vor Gericht

Er habe keinen Arbeitsvertrag erhalten und sei auch nirgends angemeldet worden, merkte der Stemweder an. Er habe eine Zeit lang also schwarz gearbeitet, räumte er gegenüber Richterin Hildebrand ein. Krankenkasse, Minijob-Zentrale, Finanzamt. Nirgendwo sei er angemeldet worden.

Richterin Hildebrand hätte gern die Wirtin und deren Mann zu der Sachlage befragt – zumal die Wirtin auch die Anzeige gegen den Stemweder Kellner erstattet hatte. Mehrfach wurde das Gastwirts-Ehepaar per Lautsprecher aufgerufen und in den Verhandlungssaal gebeten. Die Tür öffnete sich allerdings nicht, das Gastwirts-Paar glänzte in Rahden durch Abwesenheit.

Anwalt verweist auf weitere Verfahren

Er vertrete zwei Mitarbeiter des Gasthauses, ergänzte der Anwalt des Stemweders. Da seien die Chefs auch nicht zu den Terminen vor Gericht erschienen. Es habe Versäumnisurteile gegeben, Mitarbeiter seien zum Teil bis heute nicht gemeldet worden, sagte der Anwalt. Ein Verfahren betreffe auch die Frau des Angeklagten. Da sei er in der Zwangsvollstreckung.

Das Gasthaus sei mittlerweile nur noch gelegentlich geöffnet, ergänzte der angeklagte Stemweder. Es habe keine Reaktionen des Gastwirts-Paares gegeben – auch nicht bei Verfahren vor dem Arbeitsgericht, merkte der Anwalt an.

"Ein Portemonnaie für den ganzen Laden"

Wann die Wirtin ihm das Fehlen von 267 Euro vorgehalten habe, fragte Richterin Hildebrand den Angeklagten. „Gar nicht“, sagte der. Das sei erst mit der Anzeige erfolgt. Laut der Anzeige der Wirtin solle der Angeklagte den Vorwurf abgestritten haben, hakte die Richterin nach. Das stimme nicht, so der Angeklagte. Die Wirtin habe ihn nicht einmal darauf angesprochen.

Die Wirtin habe ihm an einem späteren Tag gesagt, dass Geld für Speisen und Getränke in dem Portemonnaie gefehlt habe, sagte ein 52-jähriger Stemweder, der mit dem Angeklagten an jenem Abend Dienst in dem Nordkreis-Gasthaus tat. „Ich weiß das aber nicht. Es gab ein Portemonnaie für den ganzen Laden.“

Was ein Zeuge beobachtet hat

Die Wirtin und ihr Mann hätten dann gemeint, dass sich der Angeklagte wohl an dem Portemonnaie bedient habe. „Aber ich habe nichts gesehen“, so der Zeuge. Die Wirtin habe den Vorwurf auch nicht beweisen können.

Stress habe es immer gegeben, merkte der 52-jährige Zeuge an. Die Wirtin habe gemeint, dass in ihrem Gasthaus in Osnabrück mehr anfalle und das über dieses Gasthaus in Osnabrück auch die Mitarbeiter im Nordkreis-Gasthaus bezahlt werden müssten. Auch die Aufstellung der Wirtin, dass an jenem Abend unter anderem 75 Biere à 0,3 Liter kauft worden sein sollen, könne an dem Abend nicht zutreffen, sagte der Zeuge.

Erneute Verhandlung gibt es nicht

Einen erneuten Termin, bei dem eventuell das Gastwirts-Ehepaar durch Vollzugsbeamte hätte vorgeführt werden können, wird es nicht geben. Richterin Hildebrand, der Vertreter der Staatsanwaltschaft sowie der Angeklagte und sein Anwalt einigten sich auf die Einstellung des Verfahrens.

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