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Wenn wir schreiten Seit' an Seit': Günter Meyer (3. v. l.) freute sich über viele Gäste, die der SPD Varl zum Geburtstag gratulierten. Der SPD sind die Besucher zum Teil seit vielen Jahren verbunden. - © Joern Spreen-Ledebur
Wenn wir schreiten Seit' an Seit': Günter Meyer (3. v. l.) freute sich über viele Gäste, die der SPD Varl zum Geburtstag gratulierten. Der SPD sind die Besucher zum Teil seit vielen Jahren verbunden. | © Joern Spreen-Ledebur

Rahden Die SPD in Rahden-Varl: 100 Jahre und kein bisschen leise

Der SPD-Ortsverein Varl feiert ein stolzes Jubiläum.

Joern Spreen-Ledebur
09.09.2019 | Stand 09.09.2019, 16:05 Uhr

Rahden-Varl/Varlheide. Fast hätten sie es übersehen, dieses besondere Jubiläum. Aber eben nur fast. Denn Inge Wippermann hatte einen alten Zeitungsartikel wiedergefunden mit einem Bericht über Heinrich Sassenberg. Heinrich Sassenberg aus Börninghausen war engagierter Sozialdemokrat. Und Sassenberg war es, der 1919 den SPD-Ortsverein Varl gründete. Nach dem Ortsverein Rahden (Gründung 1906) ist Varl der zweitälteste Ortsverein in der Stadt Rahden und das feierten die Genossen um Günter Meyer mit vielen Gästen. Unterlagen aus den ersten Jahrzehnten der Sozialdemokratie in Varl und Varlheide sind nicht mehr erhalten. Das, so vermutet es Günter Meyer liege vielleicht auch daran, dass die Sozialdemokraten nach 1933 von den Nazis drangsaliert wurden. Heinrich Sassenberg etwa wurde von der SA in Rahden misshandelt. Vielleicht wurden Unterlagen versteckt – oder vernichtet. "Die ersten Mitglieder hatten wir in Varlheide - wegen der Ziegeleien" Ganz unbekannt ist sie aber nicht, die Gründungszeit der SPD Varl. Heinrich Sassenberg, 1884 im Eggetal geboren, arbeitete in der Gießerei im Rahdener Traditionsbetrieb Kolbus, heiratete 1909 Marie Döding aus Varlheide und gehörte zu den Mitbegründern des Schützenvereins Varlheide. In Varl und Varlheide existierten Ziegeleien, die Menschen Lohn und Brot gaben. Den Ziegelei-Arbeitern sei es damals ja um den Acht-Stunden-Tag und menschliche Arbeitsbedingungen gegangen, sagt Günter Meyer. „Die ersten Mitglieder hatten wir vor allem aus Varlheide – wegen der Ziegeleien." "Rote Urzelle" mit guten Wahlergebnissen Varlheide, schmunzelt Meyer, sei die „rote Urzelle". Hier habe die SPD immer gute Wahlergebnisse erzielt. Das lag auch an denen, die vor Ort Verantwortung übernahmen und sich für die Menschen einsetzten. Heinrich Sassenberg tat das von 1919 bis 1960 als Vorsitzender. Ihm folgten dann August Wippermann, Günter Starke und Dieter Wippermann. Günter Meyer ist seit 1988 Vorsitzender des Ortsvereins – in jenem Jahr waren Deutschland und Europa noch geteilt. In der vermeintlich „guten alten Zeit" sei nicht immer Platz für Sozialdemokraten gewesen, merkt Meyer an. Die Großväter und Väter hätten dafür gekämpft, „dass wir uns Sozialdemokraten nennen dürfen". Viele seien gefoltert oder ermordet worden, weil sie sich für die Freiheit eingesetzt hatten. In unruhigen Zeiten Verantwortung übernommen Gut sei es gewesen, dass es vor Ort und bis nach Berlin Menschen wie Heinrich Sassenberg gegeben habe, die sich für die Menschen einsetzten, sagt Meyer. „Unsere Väter und Gründer der SPD übernahmen in unruhigen Zeiten Verantwortung." Der gebürtige Rahdener und heimische Bundestagsabgeordnete Achim Post wendet sich Günter Meyer zu und schmunzelt. „Wie viele SPD-Vorsitzende hast du in den 32 Jahren überlebt?" Ohne SPD gäbe es kein Frauenwahlrecht Post erinnert an Leistungen der SPD. Ohne sie hätte es das Frauenwahlrecht nicht gegeben. Eingeführt wurde es vor 100 Jahren. Die erste Frau, die im Reichstag eine Rede hielt, war Marie Juchacz, Sozialdemokratin und 1919 Mitbegründerin der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Wenn man sich in einer Demokratie nicht engagiere, dann komme etwas dabei raus, was man nicht wolle, mahnt Post. Er nennt den Brexit. Der sei ein Beispiel, was passieren könne, wenn man sein Wahlrecht nicht nutze. Die jungen Wähler, die 2016 für den Verbleib Großbritanniens in der EU waren, seien sich ihrer Sache sicher gewesen und viele deshalb nicht zur Wahl gegangen – anders als die älteren Brexit-Befürworter. Kritische Anmerkungen an die eigene Partei In der Demokratie müsse man sich streiten können, für die eigene Sache einstehen und Kompromisse schließen können, betont Post. Und in einer Demokratie könnten Politiker abgewählt werden – was Post mit Blick auf den „Brandbeschleuniger" im Weißen Haus bei den nächsten US-Wahlen hofft. „Man hat in der Demokratie viele Möglichkeiten, aber man muss sie nutzen." Größter Feind der Demokratie sei die Gleichgültigkeit, warnt Achim Post. Die SPD sei in der schwierigsten Situation seit 1949 und das liege „nur an uns selbst, dass wir so runtergingen". Post wünscht ein bisschen mehr Disziplin Das könne man erkennen und das könne man besser machen. Am Schluss des laufenden Verfahrens zur Vorsitzenden-Suche werde es eine neue Parteiführung geben und dann müssten alle an einem Strang ziehen, ruft Post zur Geschlossenheit auf. Ein bisschen mehr Disziplin wäre aus seiner Sicht nicht schlecht, aber die anderen hätten auch ihre Probleme. Für die Zukunft sei er zuversichtlich, macht Post seinen Parteifreunden Mut. Er erinnert an das Nein der SPD zu Hitlers Ermächtigungsgesetz, bei der Verteidigung der Demokratie sei keine Partei so engagiert wie die SPD – die drei Mal verboten gewesen sei, nämlich im Kaiserreich, in der Nazi-Zeit und in der DDR.

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