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Das schlichte, lichtdurchflutete Kreuz in der St.-Michael-Kirche hat es Kirchenmusikdirektor Johannes Vetter sehr angetan. Zusammen mit Landesverbandsvorsteher Jörg Düning-Gast und Alfons Haselhorst vom Kirchenvorstand präsentiert er die Veranstaltungsreihe. - © Gunter Held
Das schlichte, lichtdurchflutete Kreuz in der St.-Michael-Kirche hat es Kirchenmusikdirektor Johannes Vetter sehr angetan. Zusammen mit Landesverbandsvorsteher Jörg Düning-Gast und Alfons Haselhorst vom Kirchenvorstand präsentiert er die Veranstaltungsreihe. | © Gunter Held

Oerlinghausen Denken ohne Geländer

Johannes Vetter und Matitjahu Kellig präsentieren eine Veranstaltungsreihe zum Thema jüdischen Lebens in Deutschland. Start ist in der St.-Michael-Kirche in der Bergstadt.

Gunter Held
04.08.2022 , 08:11 Uhr

Oerlinghausen. 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Am 11. Dezember 321 gestattete der römische Kaiser Konstantin die erste römische Siedlung in Köln. Diese 1.700 Jahre waren geprägt von wechselvollen Beziehungen zwischen Juden und Christen. Immer wieder gab es gewaltsame Übergriffe, oft genug im Namen des christlichen Glaubens. In der Zeit nach der Französischen Revolution gab es für die Juden Hoffnung auf eine Emanzipation. Doch im vergangenen Jahrhundert setzten die Nazis mit ihrem unvorstellbar schrecklichem Holocaust der jüdischen Zivilisation in Deutschland ein gewaltsames Ende.

Die Nachwirkungen schwingen immer noch mit wenn sich Juden und Christen in Deutschland begegnen. Doch nur durch Begegnung und Austausch besteht die Möglichkeit, voneinander zu lernen. Diese Möglichkeit war Intention für den Kirchenmusikdirektor der Herforder Mariengemeinde, Johannes Vetter, und den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Herford-Detmold, Matitjahu Kellig, eine Veranstaltungsreihe zu konzipieren, die sich auf künstlerischer Ebene mit einer Vergangenheit beschäftigt, die nicht bewältigt werden kann.

Und weil sie über die Herforder Grenzen hinausblicken wollen, wandten sie sich an den Landesverband Lippe. Dessen Vorsitzender, Jörg Düning-Gast, war von der Idee begeistert und so entstand eine Reihe von fünf Veranstaltungen, die am Samstag, 13. August, um 19.30 Uhr in der Katholischen Kirche St. Michael an der Marktstraße beginnt.

Die biedere Banalität des Bösen

„Denken ohne Geländer“ ist der Titel eines Lesebuches von Hannah Arendt. Die im heutigen Hannoveraner Ortsteil Linden 1906 geborene Arendt gilt noch immer als eine der bedeutendsten politischen Theoretikerinnen. Die Bezeichnung Philosophin lehnte sie immer ab. Sie verstand sich zwar als Jüdin, war aber nicht religiös.

Hannah Arendt, Theoretikerin und Publizistin. Foto: Ryohei Noda - © Privat
Hannah Arendt, Theoretikerin und Publizistin. Foto: Ryohei Noda | © Privat

In der Veranstaltung am 13. August, wird die Bielefelder Schauspielerin Brit Dehler Texte von Hannah Arendt rezitieren. Wie Johannes Vetter sagt, soll dabei deutlich werden, dass „ohne Geländer zu denken, eine risikoreiche Angelegenheit ist“. Arendt sei dieser Forderung immer gefolgt. Sie prägte das Schlagwort von der Banalität des Bösen, demzufolge der biedere Beamte das Rückgrat des Holocaust war – „eine Überzeugung, die bis tief hinein in die jüdische Gemeinde Entsetzen auslöste“.

Bertolt Brecht war ein politischer Dichter. Foto: Kolbe - © Kolbe
Bertolt Brecht war ein politischer Dichter. Foto: Kolbe | © Kolbe

Die Texte von Bertolt Brecht und die Vertonungen von Kurt Weill und Hanns Eisler sind weitere Programmpunkte der Veranstaltung. Die Beziehung von Hannah Arendt zu Bertolt Brecht war durchaus ambivalent. Sie kritisierte ihn scharf ob seiner Nähe zu den Kommunisten, bewunderte ihn aber als Dichter, als den sie ihn auch analysierte.

Die Sopranistin Cornelie Isenbürger wird, begleitet von Johannes Vetter am Klavier, Lieder von Weill und Eisler zu Gehör bringen. Die Veranstaltung ist für die Dauer von einer Stunde ausgelegt.

Die weiteren Veranstaltungen dieser Reihe finden statt am Freitag, 23. September, in der Lemgoer Nicolai-Kirche. Dort geht es um Blechbläsermusik jüdischer Komponisten. Im Weserrenaissance-Museum Schloss Brake gibt es am 30. Oktober einen Klavierabend. Matitjahu Kellig spielt Werke von Bach und israelischer Komponisten. In der Martin-Luther-Kirche in Detmold wird Johannes Vetter am 9. November ein synogales Orgelkonzert präsentieren. In der Auferstehungskirche in Bad Salzuflen wird die Reihe am 13. November beschlossen. Es werden Josephsgeschichten aus dem Koran, der hebräischen Bibel und den Josephs-Romanen Thomas Manns gelesen. Es liest Nicole Lippold, die von Johannes Vetter am Klavier begleitet wird.

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