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Machen Druck: Markus Diegmann (links) hat mit 70 Bürgern vor dem Landgericht demonstriert. - © Astrid Sewing
Machen Druck: Markus Diegmann (links) hat mit 70 Bürgern vor dem Landgericht demonstriert. | © Astrid Sewing

Missbrauchsskandal Protest zum Prozess - Der Fall Lügde am seidenen Faden?

Wegen der Erkrankung des Hauptangeklagten saß am Donnerstag erstmals Mario S. alleine auf der Anklagebank. Aufnahmen, die seine Verbrechen dokumentieren, sorgen für Entsetzen im Gerichtssaal

Astrid Sewing
01.08.2019 | Stand 02.08.2019, 10:09 Uhr
Janet König

Detmold. Durch die plötzliche Erkrankung von Andreas V. ist der sechste Prozesstag im Missbrauchsfall Lügde ein außergewöhnlicher. Zum ersten Mal muss Mario S. alleine auf der Anklagebank Platz nehmen. Und nicht nur das: Vor dem Landgericht erhebt sich ebenfalls zum ersten Mal Protest. Rund 70 Menschen haben am Donnerstag gegen das erste gesprochene Urteil demonstriert. Der Prozess Entsetzen, Abscheu, Ekel – diese Emotionen stehen den Prozessbeteiligten ins Gesicht geschrieben, während sie aufgereiht an der Richterbank auf einen Laptop blicken. Aus den Lautsprechern dröhnen unverständliche Wortfetzen. Dann erklingt die Stimme eines Kindes. Eine Stimme, die lange nachklingt. Die Aufnahmen dokumentieren, wie Mario S. eines seiner Opfer missbraucht. Er hat sich dabei gefilmt. Einige Anwälte und Schöffen wenden den Blick ab, können die Bilder offensichtlich nicht aushalten. Mario S. starrt wie beschämt auf den Boden, die Hände krampfhaft gefaltet. „Die Situation ist ihm sehr schwer gefallen", sagt sein Verteidiger Jürgen Bogner später. In der U-Haft habe Mario S. seine Taten reflektiert und bereue sie zutiefst. Auf den Videos ist die schlimmste Form des sexuellen Missbrauchs zu sehen. „Diese Bilder sind so unfassbar abartig, das kann man gar nicht in Worte fassen", sagt Opferanwalt Peter Wüller. Dennoch müsse die Jugendschutzkammer die Videos und Fotos für eine vollständige Beweisführung in den Prozess aufnehmen. Auch drei Zeugen werden an diesem Tag gehört – darunter zwei Opfer von Mario S. und die Betreuerin eines behinderten Jungen, der ebenfalls missbraucht wurde. Ein junger Mann unter den Zeugen hat selbst keinen Anwalt, daher spricht Richterin Anke Grudda vor der Aussage mit ihm. Sie möchte wissen, ob neben der Öffentlichkeit auch der Angeklagte den Saal verlassen soll. „Er hat unter Tränen gesagt, dass er das nicht schafft." Obwohl an diesem Tag nur gegen Mario S. verhandelt wird, schwingt die Krankheit von Andreas V. in den Köpfen der Jugendschutzkammer mit. Damit der Prozess nicht platzt, soll direkt am Freitag zumindest zehn Minuten lang gegen Andreas V. verhandelt werden. Die Prozessordnung erlaubt nur eine dreiwöchige Pause. „Sonst hätten wir ganz vorne anfangen müssen", sagt Grudda: „Das müssen wir mit allen Mitteln verhindern." Schließlich könne keinem Kind erklärt werden, weshalb es die Tortur noch einmal auf sich nehmen und vor Gericht erscheinen müsse. Trotz Schiebetermin scheint der Lügde-Prozess dennoch am seidenen Faden zu hängen. „Die Ärzte von Andreas V. haben strikt abgeraten zu kommen", sagt die Vorsitzende. Durch den Einsatz seines Verteidigers finde der Verhandlungstermin dennoch statt. „Weder mein Mandant noch ich haben Interesse daran, dass der Prozess platzt", hatte Johannes Salmen im Vorfeld gesagt. Andreas V. werde am Freitag mit dem Krankentransport ins Gericht gebracht. Sollte sich der Gesundheitszustand verbessern, könne die Verhandlung am 15. August mit beiden Hauptangeklagten weitergehen. Durch den Ausfall stehe jedoch jetzt schon fest, dass das Urteil erst im September fallen könne, sagt Grudda. „Das ist bei so vielen Plädoyers nicht anders machbar." Sollte die Erkrankung von Andreas V. länger dauern, müssten die Verfahren gegen beide Angeklagten bis zum Schluss getrennt verhandelt werden. Die Demonstration Während des Verhandlung am Donnerstag ist Markttag in Detmold, in der Innenstadt ist Betrieb. Am Bruchberg bleiben viele Passanten stehen, sie werden angesprochen und um Unterschriften gebeten. Viele geben sie, es geht darum, dass die Verjährungsfrist bei sexuellem Missbrauch abgeschafft werden soll. Ein Detmolder Ehepaar ist voller Wut darüber, dass der erste Angeklagte Heiko V. eine Bewährungsstrafe bekommen hat. „Was heißt denn, er hat nur zugeschaut? Das macht ihn nicht weniger schuldig. Er gehört ins Gefängnis", sagen beide. Weil sie glauben, dass solche Täter zu milde bestraft werden, sind sie extra zum Bruchberg gekommen. Die Initiativen „Tour 41", Change.org, die die Plattform für die Unterschriften organisiert und „Die Kinder von Lügde" haben gemeinsam aufgerufen. Markus Diegmann fällt besonders auf, auf seinem Wohnmobil stehen Botschaften, er sieht sich als Stimme der Opfer. In Interviews beschreibt er seinen schwierigen Weg, gibt an, dass er als Kind missbraucht wurde und lange geschwiegen hat. Erst als Erwachsener hat er den Mut gefasst, es folgten diverse Therapien. Die Männer, die ihm das angetan haben, hätten nie vor Gericht gestanden. Er spricht von Hilfe, die er bekommen hat, davon, dass ihn der Gedanken antreibt, etwas zu verändern. „Das ist kein Urteil im Namen des Volkes. Und es spielt solchen Tätern in die Hände, denn sie werden nicht abgeschreckt", sagt er. Zwei Tage in der Woche reist Diegmann durch die Republik, sammelt selbst Unterschriften und animiert auch andere dazu. Die 70 Demonstranten gehen schweigend die Straße runter, die Hauptstraße trennt sie vom Gerichtsgebäude. Christina Roden ist extra mit dem Bus gekommen, kann aber wegen ihrer Gehbehinderung nicht auf die Seite der Demonstranten wechseln. Die Unterschriftenliste wird ihr gebracht. Die ehemalige Erzieherin sagt, dass sie niemals nachvollziehen kann, dass solche Taten verjähren. „Es muss für die Eltern schlimm sein, obwohl ich auch nicht nachvollziehen kann, wie man sein Kind in solche Verhältnisse abgeben kann. Man prüft doch, wem man die anvertraut." Lothar Wenzel hat selbst keine Kinder, aber seine Nichten und Neffen zeitweise betreut. Am Arm trägt er ein grünes Bändchen, weil er sich mit der Initiative „Die Kinder von Lügde" identifiziert, die Ina Tolksdorf ins Leben gerufen hat. Den Prozess hat Wenzel verfolgt, das letzte Urteil ist aus seiner Sicht „viel zu wenig", viele Fragen seien unbeantwortet geblieben. „Wir müssen den Druck erhöhen, damit sich wirklich etwas ändert", sagt er. Die Politik müsse endlich wach werden.Das ist auch das Ziel aller drei Initiatoren. „Die Kinder haben lebenslänglich", sagt Ina Tolksdorf. Und ein Urteil wie das gegen Heiko V. sei ein fatales Signal. Die Dunkelziffer dieser Taten sei sehr hoch. „Wir müssen erreichen, dass sich mehr Betroffene melden. Wenn sie davon ausgehen, dass die Täter ohnehin nicht bestraft werden, dann ist es für die Opfer noch schwerer, sie anzuzeigen." Der Druck auf die Politik ist gestern ein Stückchen größer geworden, die Listen füllen sich schnell. Insgesamt 350.000 Unterschriften, online und auf Papier, liegen vor. Die Petition mit der Forderung, die Verjährungsfristen abzuschaffen, soll in diesem Jahr noch an die Bundesjustizministerin übergeben werden. „Für diese Opfer ist es leider zu spät, aber wir müssen denen helfen, die danach kommen. So etwas muss hart bestraft werden, damit unsere Kinder sicherer sind", sagt Sabine Ellert. Der Prozess gegen Andreas V. findet am Freitag ab 10 Uhr vor dem Detmolder Landgericht statt.

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