Ein Polizeiauto vor der abgesperrten Parzelle des mutmaßlichen Täters auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde. - © picture alliance/Guido Kirchner/dpa
Ein Polizeiauto vor der abgesperrten Parzelle des mutmaßlichen Täters auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde. | © picture alliance/Guido Kirchner/dpa

Lügde Ministerin aus Niedersachsen zum Missbrauchsfall Lügde: "Täter hart bestrafen"

Der Fall war am Donnerstag Thema im niedersächsischen Landtag. Auf dem Campingplatz geht unterdessen die Suche nach Beweisen weiter.

28.02.2019 | Stand 28.02.2019, 21:15 Uhr

Hannover (dpa). Niedersachsens Justizministerin Barbara Havliza (CDU) will Täter in Fällen von sexuellem Missbrauch konsequent verfolgen und hart bestrafen. „Einen milderen Umgang oder gar eine Art des Wegschauens für bestimmte Tätergruppen gibt es dabei nicht", sagte Havliza am Donnerstag in Hannover bei einer Landtagsdebatte über den Missbrauchs-Skandal von Lügde und die Anti-Missbrauchskonferenz im Vatikan. Die Grünen im Landtag forderten mit Blick auf den Fall in Lügde, Sozialministerin Carola Reimann (SPD) müsse die Arbeit der Jugendämter genauer unter die Lupe nehmen. In dem Ort an der niedersächsischen Landesgrenze waren seit 2008 nach bisherigen Erkenntnissen auf einem Campingplatz mindestens 31 Kinder im Alter von 4 bis 13 Jahren in mehr als 1000 Fällen Opfer sexuellen Missbrauchs geworden. Bei den Ermittlungen der Polizei in NRW gab es mehrere Pannen. Auch der niedersächsische Landkreis Hameln-Pyrmont musste Fehler einräumen. Das Jugendamt Hameln hatte den heutigen Hauptverdächtigen, der auf dem Campingplatz wohnte, 2017 als Pflegevater für ein kleines Mädchen eingesetzt. Dies soll Wunsch der Kindesmutter gewesen sein. Zudem soll ein mittlerweile freigestellter Mitarbeiter des Jugendamtes die Akten manipuliert haben. Die Staatsanwaltschaft Detmold ermittelt auch gegen Polizeibeamte und Mitarbeiter in Jugendämtern in Lippe und Hameln. Dabei geht es um die Frage, ob Hinweise missachtet wurden. "Genau auf Schwachstellen untersuchen" Sozialministerin Reimann sagte, es handle sich um einen der größten Missbrauchsfälle in Deutschland. Ihr Ministerium sei im Austausch mit dem Jugendamt und der Verwaltungsleitung des Landkreises sowie mit dem zuständigen Ministerium in NRW. „Sobald die Staatsanwaltschaft erste Erkenntnisse vorlegt, werden wir diese gemeinsam bewerten und über die nächsten Handlungsschritte entscheiden." Die Grünen im Landtag forderten von Reimann eine aktivere Rolle. Das Land müsse die Arbeit der Jugendämter und die Zusammenarbeit mit anderen Behörden genau auf Schwachstellen untersuchen, sagte Fraktionschefin Anja Piel. „Ich erwarte von der Landesregierung und allen voran der Sozialministerin Reimann, dass sie sich an die Spitze der Bewegung setzt. Es verbietet sich für uns, nur mit dem Finger auf Nordrhein-Westfalen zu zeigen." Justizministerin Havliza betonte, Niedersachsen habe Informationen zu den materiellen und immateriellen Leistungen der Stiftung Opferschutz an die Anwälte der Opfer weitergeleitet. Nach ihren Angaben hat die Zahl der Betroffenen, die sich als neue Beratungsfälle wegen sexuellem Missbrauch an die Stiftung wenden, im vergangenen Jahr zugenommen. Von den 1694 neuen Fällen, die die Stiftung Opferhilfe 2018 in die Betreuung aufnahm, sei es in 593 Fällen um Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung gegangen. Dies waren 61 mehr als im Vorjahr. Unter den neuen Fällen im vergangenen Jahr waren 57 Kinder bis 13 Jahre, 200 Opfer waren Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 14 und 20 Jahren. Suche auf dem Campingplatz geht weiter Auch dem Campingplatz geht unterdessen die Suchaktion weiter. Ein Datenträger-Spürhund der Polizei hat die Suche nach Beweisen fortgesetzt. „Es wird der Einsatz von gestern fortgeführt", sagte eine Sprecherin der Polizei Bielefeld am Donnerstag. Dabei gehe es um Spurensicherung und Spurensuche. Der auf die Suche nach Datenträgern spezialisierte Diensthund komme wieder zum Einsatz. Der belgische Schäferhund „Artus" mit diesen speziellen Fähigkeiten wurde von der Justiz des Landes Sachsen ausgeliehen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Detmold und der Polizei Bielefeld vom Vortag hat „Artus" in der Behausung des Hauptbeschuldigten in einer Sesselritze einen USB-Stick gefunden. "Lassen kein Stein auf dem anderen" „Wir lassen hier wirklich keinen Stein auf dem anderen", sagte eine Polizeisprecherin. Nach und nach würden die Gegenstände aus der chaotischen Wohnunterkunft in einen Container geräumt. Zur Unterstützung war außerdem eine Hundertschaft im Einsatz. Die Polizei rechnet damit, die Beweismittelsicherung auf dem Campingplatz am Freitag zu beenden. Seit 2008 waren den bisherigen Erkenntnissen zufolge auf einem Campingplatz im lippischen Lügde an der Landesgrenze zu Niedersachsen mindestens 31 Kinder im Alter von 4 bis 13 Jahren in mehr als 1000 Fällen Opfer sexuellen Missbrauchs geworden. Ob es auch vor 2008 bereits Fälle gab, wird geprüft. Zuerst hat die Polizei des Kreises Lippe die Ermittlungen geführt. Sie stellte zahlreiche Datenträger mit Beweismaterial sicher. Nach Pannen hatte der NRW-Innenminister die Ermittlungen jedoch an die Polizei in Bielefeld übertragen.

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