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Im Hille-Haus: Michael Kienecker, Vorsitzender der Peter Hille-Gesellschaft, neben einem Porträt des Dichters. - © Christine Longère
Im Hille-Haus: Michael Kienecker, Vorsitzender der Peter Hille-Gesellschaft, neben einem Porträt des Dichters. | © Christine Longère

Nieheim Peter-Hille-Gesellschaft ehrt Kabarettist Bernd Gieseking in Nieheim

Bei der Mitgliedertagung steht die Verleihung des Literaturpreises „Nieheimer Schuhu“ im Mittelpunkt

29.08.2019 | Stand 29.08.2019, 10:49 Uhr

Erwitzen/Nieheim. Zum Peter-Hille-Wochenende lädt die gleichnamige Gesellschaft am Samstag, 7. September, nach Erwitzen ein. Aus terminlichen Gründen müsse man in diesem Jahr das Programm auf einen Tag beschränken, erklärt Vorsitzender Michael Kienecker. Die Versammlung im Hille-Haus steht unter dem Thema: „O Gott, wie schön ist doch die Freiheit, das äußerste Elend!" Die Freiheit des Dichters und das Elend des Lebens. Im Mittelpunkt wird am Abend die fünfte Verleihung des „Nieheimer Schuhu. Peter-Hille-Literaturpreis" an den bundesweit bekannten Kabarettisten und Buchautor Bernd Gieseking im Sackmuseum Nieheim stehen. Der Preisträger Bernd Gieseking wurde 1958 im ostwestfälischen Minden-Kutenhausen geboren und studierte nach einer Lehre als Zimmermann Kunst und evangelische Theologie. Einem breiten Publikum wurde Gieseking durch seine Radioarbeiten für WDR und HR bekannt. Auf HR 1 ist er mit seiner Kolumne „Klingeling bei Gieseking" Kult. Er ist aber auch ein gefragter Moderator: So moderiert er den „Deutschen Karikaturenpreis" in Dresden und Bremen sowie das „Festival der Komik" in Frankfurt. Gieseking hat als einer der ersten das kabarettistische Format des „satirischen Jahresrückblicks" populär gemacht: Seit 1994 präsentiert er den Jahresrückblick als eine Mischung aus Chronik und satirischem Kommentar. Soeben ist seine Doppel-CD mit 25 Jahren satirischer Jahresrückblick unter dem Titel „Ab dafür! Deluxe!" erschienen. Gieseking teilt zwei besondere Vorlieben mit Peter Hille: Das Reisen und das Schreiben für Kinder. Gieseking liebt vor allem Finnland, denn wie er bemerkt hat, ist „der Finne der Ostwestfale Europas". Doch trotz zahlreicher weiter Reisen kehrt er, wie seinerzeit Hille, immer wieder in die ostwestfälische Heimat zurück, mittlerweile wohnt er sogar wieder in seiner Geburtsstadt Minden. Das passt zu Hilles Aphorismus: „Heimat ist Heimweh und Sehnen nach allen Weiten." Die zweite große Vorliebe sind Geschichten für Kinder. So wie Hille zahlreiche „Kinderskizzen" schrieb, so hat Gieseking bereits über zehn Kinderhörspiele, zahlreiche Kinderbücher und ein Kinderkonzert verfasst. Nach der Laudatio des vorigen Preisträgers Hans Zippert und der Preisverleihung wird Bernd Gieseking ein vergnügliches Programm aufführen: „Wir können uns sicher auf einen sehr humorvollen, aber auch nachdenklichen Abend freuen", so der Vorsitzende. Doch vor der abendlichen Preisverleihung wird zunächst am Vormittag des 7. September ein „Dialogvortrag" von Michael Kienecker und Nils Rottschäfer zu dem Rahmenthema stehen, in dem es um die Frage gehen wird, wie Peter Hille und Else Lasker-Schüler (zu deren 150. Geburtstags-Jubiläum in diesem Jahr die Hille-Gesellschaft eine Reise nach Wuppertal unternommen hat) in ihren literarischen Texten ihre ärmlichen Lebensumstände reflektiert und – damit eng zusammenhängend – ihr künstlerisches Selbstverständnis zum Ausdruck gebracht haben. Das Leben Hilles Das Leben Peter Hilles war von Armut geprägt: Kaum einmal reichten seine eigenen Einkünfte für den Lebensunterhalt, und so war er auf die Hilfe seiner Freunde angewiesen, die ihm Unterkunft gewährten und ihn auch finanziell unterstützten. Eine mögliche und vielfach auch gegebene Erklärung, Hille habe eben für ein bürgerliches Leben nicht getaugt, weil er zu unordentlich und zu wenig zielstrebig gewesen sei, trifft aber wohl nur einen Teil der Wahrheit. Der tiefere Grund für die Ärmlichkeit seiner Existenz liegt in der früh gespürten Berufung zum Dichter und dem damit verbundenen mächtigen Drang nach Freiheit. Hille schreibt: „Dichter sind innerlich schon sehr früh fertig und so bestimmt in dieser ihrer Ahnung." Schon in der Schulzeit entfloh Hille dem Klassenzimmer, im Studium und Beruf hielt es ihn nicht lange, und auch längere Ortsansässigkeit war seine Sache nicht. Für ihn war Freiheit die wichtigste Prämisse zur Selbsterkundung, zum Innewerden der eigenen Kräfte („Die eigenen Früchte machen uns stark"), und so entzog sich Hille auch einschränkenden Institutionen und Gemeinschaften, weil sie verhinderten, dass er zu seinem Eigentlichsten, nämlich seiner literarischen Berufung, durchdringen konnte. Wahre Freiheit versprach für ihn nur die Kunst, und die Kunst sollte nach seiner Auffassung die Menschen die Freiheit lehren. Doch Hilles konsequente Entscheidung für ein freies Künstlertum hat in seinem Leben auch ihre Schattenseite entfaltet, die Hille existenziell sehr deutlich gespürt hat. Denn ein Leben als freier Schriftsteller bedeutete unsichere Einkommensverhältnisse: Weder die politischen und sozialen Verhältnisse in Preußen noch die Bedingungen des Buchmarktes waren einer freien Schriftstellerexistenz günstig. Insofern war die Freiheit des Dichters, für die sich Hille entschied, fast zwangsläufig mit der Aussicht auf ein entbehrungsreiches Leben verbunden – auch sein später Versuch, auf der Kabarett-Bühne ein breiteres, zahlendes Publikum zu erreichen, misslang.

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