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Der Leiter des Bahnprojekts Hannover-Bielefeld, Carsten-Alexander Müller, ist dem Rat per Livestream zugeschaltet. Werner Seeger (CDU) stellt ihm Fragen zur geplanten Trasse. - © Christina Römer
Der Leiter des Bahnprojekts Hannover-Bielefeld, Carsten-Alexander Müller, ist dem Rat per Livestream zugeschaltet. Werner Seeger (CDU) stellt ihm Fragen zur geplanten Trasse. | © Christina Römer

Herford Neue ICE-Trasse: Herforder Politiker misstrauen der Bahn

Carsten-Alexander Müller, Leiter des Bahnprojekts Hannover-Bielefeld, hat den Ratsmitgliedern Rede und Antwort gestanden. Die richten sich mit einer Stimme gegen mögliche Neubauten.

Christina Römer
27.03.2021 | Stand 27.03.2021, 17:35 Uhr

Herford. So ganz allein wollte sich der Leiter des Bahnprojekts Hannover-Bielefeld, Carsten-Alexander Müller, nicht den Fragen der Herforder Politiker aussetzen. Obwohl sich die Lokalpolitiker artig dafür bedankten, dass Müller ihnen zur geplanten neuen ICE-Trasse im Rat persönlich Auskunft gab, standen die Zeichen doch klar auf Kollision: Die Stadt gegen die Bahn. Müller hatte Bahnsprecher Volker Vorwerk an seiner digitalen Seite, um am Freitagabend die Herforder per Videostream davon zu überzeugen, dass die Bahn "transparent in ihren Planungen" ist. Und, dass sie die Kommunen und Interessensgruppen in die Planungen mit einbezieht.

Misstrauen gegenüber der Bahn ist groß

Das klappte nicht so richtig. Das Misstrauen gegenüber den Plänen der Bahn ist bei den Politikern so groß, dass sie eine ungewohnte Einigkeit zeigten und einen gemeinsamen Antrag auf den Weg brachten. Dieser stellt klar, dass der Rat der Stadt Herford zwar den Ausbau der Bahnstrecke Bielefeld - Hannover begrüßt, aber dabei einen "flächen-, landschafts- und naturschonenden und die Belange der Menschen in der Stadt Herford berücksichtigenden Ausbau" bevorzugt - "auf der bestehenden Trasse". Es ist ein Antrag der Grünen, ergänzt von der CDU, - auch das ist in der politischen Ära der großen Koalition im Stadtrat eine Ausnahme.

"Wir müssen uns deutlich positionieren und es ist wichtig, dass wir ein einhelliges Votum abgeben", hatte Herbert Even (Bündnisgrüne) zuvor gefordert. "Es ist an der Zeit, dass wir mit einer Stimme sprechen", unterstrich Thomas Besler (SPD) diesen Wunsch. Und auch Oliver Galling (CDU) hob die "eine" gemeinsame Stimme hervor.

Die wichtigsten Ziele des Bahnprojekts

Carsten-Alexander Müller hatte zuvor die Pläne und Ziele des "Bahnprojekts Hannover - Bielefeld" kurz vorgestellt: Die Bahnstrecke zwischen Bielefeld und Hannover soll ausgebaut werden, um die Fahrgastzahlen der Bahnfahrer zu verdoppeln, 70 Prozent mehr Güter auf die Schiene zu bekommen und mit dem "Deutschlandtakt" das Bahnreisen attraktiver zu machen. "Dahinter steckt die Vision eines integralen Fahrplans", erklärt Bahnsprecher Vorwerk. "Alle Züge fahren im gleichen Takt, idealerweise brauchen sie keinen Fahrplan mehr, sondern alle Züge fahren zur vollen Stunde ab." Und zugleich: "alle Anschlusszüge funktionieren." Vorbild sei die Schweiz. Um das umzusetzen, wurde der "Deutschlandtakt" errechnet. Und der kommt darauf, dass die Züge zwischen Bielefeld und Hannover schneller fahren müssen, um in 31 Minuten die Strecke zu schaffen, statt wie jetzt in 48.

Daran hakt es

Das Problem: Die von den Politikern bevorzugte Ertüchtigung der vorhandenen Bahnstrecke hat in den ersten Planungen nicht das Ziel von 31 Minuten erreicht. Maximal 40 Minuten konnten herausgeholt werden. Deshalb wiederholen die Politiker die wichtigsten Fragen mehrmals, die erörtern, ob ihr Wunsch überhaupt Realität werden kann. Bürgermeister Tim Kähler: "Sind die 31 Minuten verbindlich gesetzt? Und auf der bestehenden Trasse erreichbar?" Herbert Even: "Ist der Deutschlandtakt kompatibel mit einer Fahrtzeit von 40 Minuten?" Müller windet sich: "Das kann man noch nicht sagen." Es ginge darum, die Strecke mit der besten Raumverträglichkeit rauszusuchen. Auf der bestehenden Strecke werde das "bestimmt sehr schwierig" sein. Er versprach aber, zu untersuchen, welche Möglichkeiten es im Bestand gibt. Eventuell mit Neubaubestandteilen. "Wir möchten das mit Ihnen besprechen", versicherte er.

Die Zweifel der Politiker

"Warum wird die Bestandsstrecke nicht in den Planungen priorisiert, wenn die Menschen vor Ort sich mit großer Mehrheit dafür aussprechen?", fragt Thomas Besler. "Es gibt auch Menschen entlang der Bestandsstrecke, die das anders sehen", versichert der Projektleiter. Deswegen sollen der Ausbau der Bestandsstrecke und Neubauvarianten gleichwertig untersucht werden.

"Müssen wir an einer Vision festhalten, die ein Bundesverkehrsminister aus Bayern ersonnen hat?", fragt Werner Seeger (CDU) und kritisiert: "Ich finde nicht gut, dass man Zeit und Ökologie gegeneinander ausspielt." Bahnsprecher Vorwerk widerspricht: Die Vision sei nicht vom Bundesverkehrsminister sondern von Bahninteressierten ins Spiel gebracht worden, die sich die Situation in der Schweiz angeschaut hätten.

"Einige Bauern werden sie um ihren Ertrag bringen", gibt Udo Gieselmann (Bürger für Herford) zu bedenken und fügt hinzu, dass die Bahn am besten Kunden über den Preis gewinne und viel Geld für eine Neubaustrecke auszugeben kontraproduktiv sei. "Klar geht es auch über den Preis, aber vor allem über Verlässlichkeit", verteidigt der Bahnsprecher die Planungen weiter.

Die Bahn verteidigt sich

Bahnsprecher Vorwerk schien die Diskussion zu kleingeistig: "Im 19. Jahrhundert wurde die Strecke zwischen Hannover und Minden gebaut." Jede Kommune baue eine Umgehungsstraße für den Lkw-Verkehr, "die Bahn soll aber auf ihrer Bestandsstrecke weiter fahren." Wenn jetzt etwas gebaut werde, dann für die nächsten 100 Jahre. "Da muss man in die Zukunft schauen", fordert Vorwerk.

Der Rat will sich wehren

Nach der Verabschiedung der beiden Bahnvertreter versichern sich die Politiker gegenseitig, dass die Politik im Bund und die Bahn etwas im Schilde führen, dem Einhalt geboten werden muss. "Wir müssen genau gucken, was für unsere Stadt richtig ist", warnt Herbert Even. Natürlich gebe es bundesweit ein Interesse an einer schnelleren Bahn. Aber wenn zwei der vom Bund geplante Varianten umgesetzt werden, dann sei das eine Katastrophe für den Ortsteil Elverdissen. Sowohl für die Menschen als auch für die Natur. Und Werner Seeger sagt mit Nachdruck: "Das dürfen wir nicht zulassen."

Information

Das Projekt Hannover-Bielefeld

Das Bundes-Verkehrsministerium hat die Bahn mit dem Projekt Hannover-Bielefeld beauftragt. Die Bahnstrecke soll viergleisig und für Tempo 300 ausgebaut werden, um das Rhein/Ruhrgebiet schneller mit Berlin zu verbinden und einen besseren Regionalverkehr zwischen Westfalen und Niedersachsen zu ermöglichen.

Zudem soll die Fahrzeit der ICE zwischen Hannover und Bielefeld auf bis zu 31 Minuten gesenkt werden, als Baustein für den Deutschlandtakt. Der sieht vor, dass Busse, Nah- und Fernzüge wichtige Bahnhöfe gleichzeitig erreichen, so das nicht mehr auf Anschlüsse gewartet werden muss. Der Nahverkehr werde zuverlässiger, der Fernverkehr schneller. Gut das sei für die Wirtschaft und den Klimaschutz.

Das Bundesverkehrsministerium hatte vorab fünf Modell-Varianten prüfen lassen, um Kosten und Machbarkeit abzuschätzen. Diese seien nur eine erste Orientierung, die Bahn entwickele nun nach eigenen Angaben davon unabhängig Trassen-Alternativen.

Im ersten Schritt legte die Bahn einen Suchraum fest. Die Karte ist unter www.hannover-bielefeld.de zu sehen.

Die Trassen sollen mithilfe der Öffentlichkeit entwickelt werden. Dazu wurde ein Plenum eingerichtet, das am 9. März digital mit 160 Teilnehmern zusammenkam. Mit dabei war unter anderem die Initiative Widuland aus Vlotho, die sich gegen den Bau einer neuen ICE-Schnelltrasse engagiert, sowie Vertreter der betroffenen Kommunen und Politiker. Das wichtigste Ergebnis: Ein Ausbau der Bestandsstrecke wird gleichwertig mit einem Neubau untersucht. Online sind nun die technischen Prämissen einsehbar. Der zweigleisige Engpass zwischen Wunstorf und Minden soll aufgelöst werden. Geplant sind nun Vertiefungsworkshops mit den Plenumsteilnehmern und Info-Märkte für die Öffentlichkeit.

Der weitere Zeitplan: Im Sommer sollen Grobkorridore festgelegt, im Herbst Trassenkorridore mit dem Plenum abgestimmt werden. Im Frühjahr 2022 sollen Trassenalternativen vorliegen. Das Plenum habe dann die Möglichkeit zu ergänzen und zu optimieren. Ende 2022 soll dann die Antragsvariante mit dem Plenum besprochen werden.

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