Die Frauenberatungsstellen und das Frauenhaus informieren über sexualisierte und häusliche Gewalt im Kreis. - © pixabay
Die Frauenberatungsstellen und das Frauenhaus informieren über sexualisierte und häusliche Gewalt im Kreis. | © pixabay

Kreis Herford Mehr Fälle sexueller Gewalt im Kreis Herford als angenommen

Fälle von sexueller und häuslicher Gewalt passieren im Kreis Herford häufiger, als es die Kriminalstatistik der Polizei vermuten lässt. Das hat Gründe.

Jan-Henrik Gerdener
12.07.2019 | Stand 15.07.2019, 14:14 Uhr

Kreis Herford. Ein junges Mädchen sitzt im Zugabteil, nicht älter als zwölf Jahre. Ein älterer, leicht dicklicher Mann setzt sich neben sie und betatscht sie. Niemand im Abteil sagt etwas dagegen. Sexuelle Übergriffe passieren in Deutschland täglich und finden in letzter Zeit, wie im Fall Lügde, vermehrt den Weg in die Berichterstattung. In diesem Fall greift aber eine Frau ein und bringt den Mann dazu, das Mädchen in Ruhe zu lassen. Die Frau ist Kirstin Teschke, Psychologin bei der Herforder Beratungsstelle für Mädchen „Femina Vita". Ihr Arbeitsplatz ist, neben dem Frauenhaus Herford und der Frauenberatungsstelle Herford, einer der Anlaufpunkte für hilfesuchende Frauen, die unter sexueller oder häuslicher Gewalt leiden. Beides passiert im Kreis Herford häufiger als es die Kriminalstatistik der Polizei vermuten lässt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Sexualdelikte 2018 laut der Polizei-Statistik Betrachtet man nur die offiziellen Zahlen der Polizei, wirken diese recht übersichtlich. 152 Anzeigen wegen Sexualdelikten wurden laut Polizeisprecher Uwe Maser 2018 aufgenommen. Davon seien 88 unter Androhung von Gewalt oder Ausnutzung eines Abhängigkeitsverhältnisses geschehen – also Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen gewesen. Bei den restlichen Fällen handele es sich unter anderem um sexuelle Belästigungen. So, wie bei dem Mädchen im Zug. Fälle von häuslicher Gewalt werden laut Maser etwa 250 bis 300 Mal im Jahr aufgenommen. Das Problem dieser Zahlen: Sie decken nur die Fälle ab, bei denen es tatsächlich zu einer Anzeige gekommen ist. Deutlich mehr Fälle in den Statistiken der Beratungsstellen Ein Blick auf die Statistiken der Herforder Beratungsstellen zeigt, dass die Situation durchaus gravierender ist. Selbst bei der vorsichtigsten Zählart finden sich hier rund 70 Fälle sexualisierter Gewalt und mindestens 100 weitere Fälle häuslicher Gewalt, die nicht bei der Polizei gemeldet wurden. Allein bei der Frauenberatungsstelle haben sich im Jahr 2018 insgesamt 157 Frauen aufgrund von häuslicher Gewalt gemeldet. In rund 70 weiteren Fällen geht es um sexualisierte Gewalt – wobei es bei den betroffenen Gruppen Überschneidungen gibt. Da sich häusliche und sexualisierte Gewalt häufig überlappen, können Frauen hier beides erlebt haben. Die Fälle können also nicht einfach zusammengerechnet werden. Nur 31 dieser zusammengerechnet 227 Fälle sind bei der Polizei bekannt, weil sie von dort an die Beratungsstelle vermittelt wurden. Polizei ermittelt in 33 Fällen Bei der „Femina Vita" wurden im vergangenen Jahr 65 Fälle wegen sexualisierter, 29 wegen körperlicher und 20 wegen psychischer Gewalt verzeichnet. Von der Polizei vermittelt wurden davon mindestens 33 Fälle. Da die Einrichtung dies nur bei abgeschlossenen Betreuungen prüft, könnte es noch weitere vermittelte Fälle geben. „Die Zusammenarbeit mit der Polizei funktioniert sehr gut", sagen sowohl Ingrid Schneider, Leiterin von „Femina Vita", als auch Gerlinde Krauß-Kohn, Leiterin der Frauenberatungsstelle. Die hohen Zahlen beider Einrichtungen decken sich auch mit der hohen Auslastung des Frauenhauses. „2018 hatten wir eine 90-prozentige Belegungsquote. Wir mussten deshalb 87 Frauen am Telefon abweisen", berichtet Daniela Albrink, Mitarbeiterin des Frauenhauses. Nicht alle Frauen kämen aus dem Kreis Herford, da die Hilfesuchenden in vielen Fällen auch eine räumliche Distanz zu den Tätern suchten. Bei den beiden Beratungsstellen kommen die Frauen hingegen komplett aus dem Kreisgebiet. Das Dunkelfeld Doch auch diese Zahlen können immer noch keinen klaren Überblick darüber geben, wie weit sexuelle und häusliche Gewalt in Herford verbreitet ist. „Man muss auch immer die Frauen, die sich nirgendwo melden, beachten", so Ingrid Schneider. „Wir orientieren uns an der Studie von Monika Schröttle aus dem Jahr 2004", meint Christine Garbeding von der Frauenberatungsstelle. Laut dieser Studie wird jede siebte Frau in Deutschland Opfer sexualisierter Gewalt. Bei Frauen in Partnerschaften ist es sogar jede Vierte, die Opfer sexualisierter oder häuslicher Gewalt wird. Die Schröttle Studie ist nur eine von vielen, die zu diesem Ergebnis kommt. Eine EU-Studie von 2014 kommt sogar zu dem Schluss, dass es jede dritte Frau in Europa betrifft. Aber warum zeigt ein Großteil der betroffenen Frauen die Täter nicht an und holt sich keine Hilfe? Warum viele Frauen nicht über sexuelle Gewalt sprechen „Ein Prozess ist für viele Frauen sehr belastend, weil sie das Erlebte wieder erzählen und durchleben müssen", erklärt Albrink. Auch bestehe aufgrund schlechter Beweislagen oft keine Aussicht auf eine Verurteilung des Täters. Viele Anzeigen würden aus dem Grund bereits zurückgezogen. „Der Großteil der Täter kommt aus der Familie oder dem sozialem Umfeld. Viele der betroffenen Frauen wollen diese Leute dann nicht vermeintlich bestrafen", sagt Krauß-Kohn. „Sie sind so in der Gewaltspirale, dass sie nur wollen, dass die Gewalt aufhört, aber zum Beispiel nicht ihre Beziehung." „Sexuelle Gewalt ist immer noch stark tabuisiert und mit Scham verbunden. Oft wird den Betroffenen auch selbst Schuld eingeredet", berichtet Teschke. „Da heißt es dann: Du hast zu viel getrunken oder deine Kleidung war zu aufreizend. Oder so etwas würde der liebe Lehrer doch nie von sich aus tun. Da musst du ihn doch zu provoziert haben." Diese Form der Sozialisation ziehe sich sehr stark durch die Gesellschaft. Dies würde sich aber zum Glück in den letzten Jahren zumindest teilweise ändern. „Es ist gesellschaftlich wirklich viel passiert. Die Tabus wurden durch die „MeToo"-Bewegung aufgeweicht. Jetzt sind viele Frauen sehr viel offener damit", meint Krauß-Kohn. Dennoch müsse gesellschaftlich noch sehr viel getan werden, damit sich mehr Frauen Hilfe holen können.

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