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Kunst: Jenny, Robin und Ben verschönern die Fassade des Jugendzentrums Kleinbahnhof Enger. - © David Knapp
Kunst: Jenny, Robin und Ben verschönern die Fassade des Jugendzentrums Kleinbahnhof Enger. | © David Knapp

Enger Mit der Sprühdose gegen Rassismus

Eine Woche lang lernen Jugendliche in einem Workshop Graffiti sprühen. Dabei geht es nicht nur um Kunst, sondern den Weg dorthin

David Knapp
01.07.2019 | Stand 01.07.2019, 13:24 Uhr

Enger. Jenny schüttelt die Dose, dann sprayt sie türkise Farbe auf die Fassade. Stück für Stück verschwindet das Weiß hinter dem bunten Graffito. „Stop Rassismus" steht an der Wand vor Jenny. Eine Hand mit einem Herz in der Mitte ist dort zu sehen. „Ich habe mich vorher für Graffiti interessiert und über ein Praktikum im Jugendzentrum Zebra von dem Workshop erfahren", sagt sie. Die 16-Jährige ist eine der Jugendlichen, die nachmittags über fünf Tage am Jugendzentrum Kleinbahnhof Enger zusammenkommen, um die Fassade unter fachlicher Anleitung aufzuhübschen. „Freundschaft", „Freiheit", und „Vertrauen" steht bereits in großen Lettern auf der Rückseite des Gebäudes. Ein Herz, ein Regenbogen, ein Lautsprecher und weitere Symbole verzieren die Schriftzüge. Schnell ist klar: Hier geht es nicht nur um eine schöne Fassade. Die Kunst der Jugendlichen nimmt politisch Stellung. Kaum verwunderlich, denn den Anstoß für den Workshop gab der Arbeitskreis Engeraner Manifest. „Es ergibt sich ein Synergieeffekt aus dem politischen Motiv und dessen Gestaltung", sagt Bernd Rammler vom Jugendzentrum Zebra, der die Aktion pädagogisch begleitet. Wesentlich sei der Prozess, den die Jugendlichen mitmachen, erklärt er. So sollten am ersten Tag des Projekts Begriffe aufgeschrieben werden, die den jungen Menschen in ihrem Leben und für die Gesellschaft wichtig sind. Welche Begriffe davon später großformatig aufgesprüht werden, wurde demokratisch ausgehandelt: Mitbestimmung und Mitverantwortung der Jugendlichen sind ein wesentlicher Aspekt der gesamten Woche. „Sachen, die man fühlt, empfindet und im Kopf hat, werden gesprüht. Das finde ich genial", sagt Rammler und fügt an: „Wir wollen totes Land bunt machen." Die Möglichkeiten sind unbegrenzt Ben und Robin sitzen auf einem Sofa in einem der Räume des JZ Kleinbahnhof. Beide sind konzentriert, sie zeichnen auf Papier. Auf dem Bogen von Ben prangt das Wort „Gerechtigkeit". Robin hat mit Bleistift eine Hand gezeichnet. Zeige- und Mittelfinger sind abgespreizt: „Peace steht für Frieden, den wir in Deutschland leben können. Anderswo geht das nicht", erklärt Robin sein Motiv. Die beiden Freunde beschäftigen sich nicht zum ersten Mal mit Graffiti, über Youtube haben sie sich informiert. „Ich male generell gerne. Beim Graffiti gefällt mir, dass die Möglichkeiten einfach unbegrenzt sind", erklärt Ben. Sie freuen sich über die professionelle Unterstützung, die sie hier bekommen. „Die Jungs sind einfach cool und entspannt", sagt der 15-Jährige. Die Jungs, das sind Christian „Chris" Leistner, Jacques Buschmeier und Juri Lobunko. Sie besprechen mit den Jugendlichen ihre Motive, zeigen ihnen die richtige Technik und stehen unterstützend zur Seite. „Man hat schon während der Ideenfindung gemerkt, dass die Thematik vorhanden ist", sagt Leistner. Die Jugendlichen hätten Interesse und Spaß an der Sache und würden die Techniken dementsprechend schnell begreifen. Gerechtigkeit, Freundschaft, Liebe Dass der Workshop überhaupt erst ermöglicht werden konnte, liegt auch an der Fachstelle „NRWeltoffen" in Herford. Der Workshop reiht sich in dessen Aktionswochen gegen Rassismus ein. „Die Aktionswochen sollen die Gesamtgesellschaft ansprechen", erklärt Sabine Hoffmann von der Fachstelle. Über die beiden Jugendzentren werden so jüngere Menschen erreicht, die mit einer Gedenkstättenfahrt möglicherweise weniger anfangen können. Ben und Robin haben ihre Zeichnungen mittlerweile vollendet. Sie stehen wieder draußen auf dem Gerüst und bringen ihre Zeichnungen vom Papier auf die Fassade. „Kreativität ist wichtig. Man kann sich ausleben", sagt Robin, der jetzt eine Atemschutzmaske trägt. Gleichzeitig finden sie es gut, mithilfe von Graffiti Stellung zu beziehen, nicht nur gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, sondern auch für etwas: Gerechtigkeit, Freundschaft, Liebe. „Das Ganze soll keine Eintagsfliege sein", sagt Jan Brockelt vom Jugendzentrum Kleinbahnhof. Wenn weitere Flächen in Betracht kämen, sei niemand dagegen, ähnliche Projekte aufzusetzen. Vorerst sei er aber froh über die Unterstützung der Sponsoren, die das Gerüst und den weißen Anstrich finanziert haben. Zum jetzigen Zeitpunkt habe er bereits positive Rückmeldungen zu der bunten Fassade erhalten: „Graffiti wird in der Öffentlichkeit als Schmuddelerscheinung wahrgenommen. Aber hier hat man ein echtes Kunstwerk."

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