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Meist kommen die jungen Leute ab den Abendstunden auf der Terrasse des Jugendzentrums zusammen. Von hier aus machen sie die Nachbarschaft unsicher. - © Anja Hanneforth
Meist kommen die jungen Leute ab den Abendstunden auf der Terrasse des Jugendzentrums zusammen. Von hier aus machen sie die Nachbarschaft unsicher. | © Anja Hanneforth

Kreis Gütersloh Bedroht, beschimpft, beworfen: Anwohner eines Jugendzentrums haben Angst

Eine Gruppe Jugendlicher tyrannisiert die Anwohner des Jugenszentrums Funtastic. Seit den Hausverboten ist zwar es ruhiger geworden. Doch die Nachbarn fragen: Wie lange noch?

Anja Hanneforth
06.11.2019 | Stand 06.11.2019, 13:30 Uhr

Werther. Die Anwohner des Jugendzentrums haben Angst. Um ihre Häuser, ihr Hab und Gut, ihr Leben. Was sich seit Sommer dort abspielt, geht über jedes tolerierbare Maß hinaus. Eine Gruppe von 15 bis 20 jungen Leuten dröhnt, lärmt, randaliert, vermüllt, dealt, beschädigt Autos und anderes Eigentum, legt Brände, bewirft Häuser mit Steinen, Flaschen, Eiern, drangsaliert die Nachbarn, bedroht und beschimpft sie, geht mit Messern auf sie los, alkoholisiert, aggressiv, gewaltbereit. Einer der Anwohner spricht von „unerträglichen, teils bürgerkriegsähnlichen Zuständen". Seit der Chaos-Nacht vor zwei Wochen und den Hausverboten sei es zwar ruhiger geworden. Doch die Anlieger sorgen sich, wie lange dieser Zustand anhält. Sie machen der Verwaltung erhebliche Vorwürfe, nicht annähernd genug unternommen zu haben, hier gegenzusteuern. Sie möchten anonym bleiben In einem Gespräch mit dieserZeitung brach der Ärger aus ihnen heraus. Ein gutes Dutzend Familien, die hilflos und wütend einer Situation gegenüberstehen, von der sie nicht wissen, wie sie sie in den Griff bekommen sollen. Sie möchten anonym bleiben aus Angst, die Tyrannei der Jugendlichen würde sonst noch schlimmer werden. Ihre Namen sind der Redaktion bekannt. Was sie schildern, ist erschreckend. Ärger habe es in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben, doch seit Beginn der Sommerferien sei die Situation eskaliert. Zum Beweis zeigen sie Fotos, Videos, schriftliche Aufzeichnungen der Nächte. "Es ist schlimm" Die jungen Leute zwischen 14 und Mitte 20, fast alles Männer, seien in ihrem Verhalten absolut rücksichtslos. Ob dröhnende Musik, Geschrei ins Handy, knallende Autotüren, Drogen, die aus dem Kofferraum ihrer Autos verkauft werden: „Es ist schlimm. Wir haben keine Wochenenden mehr, manchmal geht es hier sieben Tage in der Woche rund, oft schon nachmittags. Nachts wird es unerträglich. Wir sind alle berufstätig und brauchen unseren Schlaf!" Inzwischen liegen die Nerven blank, bei den ersten verdächtigen Geräuschen zucken sie zusammen. Rausgehen und um Ruhe bitten trauen sie sich kaum noch. „Weil wir Gefahr laufen, dass am nächsten Tag irgendwas kaputt ist. Oder die Jugendlichen gleich mit einem Klappmesser auf uns losgehen." Zigmal haben sie die Polizei angerufen Zigmal haben sie die Polizei gerufen, oft mehrmals in einer Nacht. Die Beamten kämen auch, aber meist würden sich die Jugendlichen dann verdrücken. „Wir haben den Eindruck, dass die Polizei gar kein Interesse hat, sie zu kriegen. Sonst würde sie sie doch einkesseln, statt nur von einer Seite zu kommen." Aber vielleicht hätte sie auch Angst, sich mit einer so großen Gruppe anzulegen. Vorwürfe machen die Anwohner auch der Verwaltung. Obwohl sie seit langem von den Vorfällen weiß, hätte sie nichts unternommen. Etwa das freie WLAN am Funtastic abzustellen, eine Videoanlage zu installieren, die Sitzgelegenheiten auf dem Hof zu entfernen, den nächtlichen Aufenthalt dort zu untersagen, die Zufahrt von der Bielefelder Straße zu sperren, genau zu schauen, wer eine Schlüsselgewalt besitzt, Leute zur Kontrolle vorbeizuschicken. Seit die Bürgermeisterin Hausverbote ausgesprochen hat, sei es ruhiger geworden, bescheinigen die Nachbarn. „Aber jetzt muss die Verwaltung auch dranblieben." Das sagt die Verwaltung Bürgermeisterin Marion Weike kann die Wut der Anlieger verstehen und betont, dass sie das Thema sehr ernst nähme. Allerdings seien ihre Möglichkeiten begrenzt, „wir können keine Ermittlungsarbeit in Strafsachen übernehmen". Das freie WLAN am Funtastic stelle sich zwischen 22 und 8 Uhr ab und sei passwortgeschützt; das Passwort würden nur die Mitarbeiter kennen. Ob das Fam.o.S. öffentliches WLAN habe, müsse sie erfragen. Zugang zum Funtastic hätten neben den Mitarbeitern zwar eine Reihe von Gruppen, die wären jedoch vertrauenswürdig. „Ich werde aber schauen, ob möglicherweise jemand die Schlüsselgewalt missbraucht", versprach Weike. Das Tor zum Hof müsse eigentlich nachts für Pkw gesperrt sein, so sei es mit dem Funtastic vor gut sechs Wochen vereinbart worden. Nach der Chaos-Nacht Ende Oktober habe sie gegen fünf Jugendliche ein nächtliches Hausverbot erlassen. „Ich hoffe, dass sich die Lage jetzt beruhigt", so Weike. Sie sieht es als wichtig an, nun mit den jungen Leuten ins Gespräch zu kommen. „Denn das Funtastic abends zuzumachen, bestraft vor allem die, die sich regelkonform verhalten. Die Randalierer suchen sich dann einen anderen Ort." Am Montag hat Marion Weike ein Gespräch mit der Jugendzentrumsleitung und dem Jugendsozialarbeiter der Stadt. Hier erhofft sie sich einen weiteren Schritt zu einer Lösung. Das sagt die Polizei Sprecherin Katharina Felsch bestätigt, dass es in den vergangenen Monaten zahlreiche Einsätze, meist wegen Ruhestörung, rund ums Funtastic gegeben habe. In manchen Nächten habe die Polizei gleich mehrfach ausrücken müssen. Von mehreren jungen Leuten seien inzwischen die Personalien festgestellt und Ermittlungsverfahren gegen sie angestrengt worden. „Glauben Sie mir, auch wir wollen nicht jede Nacht nach Werther fahren und tun unser Möglichstes, die Sache in den Griff zu bekommen." Wie die Bürgermeisterin ist auch Katharina Felsch froh, dass es seit der Chaos-Nacht vor zwei Wochen ruhig geworden ist. „Wollen wir hoffen, dass es so bleibt."

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