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Befreiung des Stalag 326: Zu den Befreiten gehörte Dimitri Orlov. - © Gedenkstätte Stalag 326
Befreiung des Stalag 326: Zu den Befreiten gehörte Dimitri Orlov. | © Gedenkstätte Stalag 326

Schloß Holte-Stukenbrock Erinnerungen des letzten Stalag-Überlebenden werden ins Deutsche übersetzt

Am 2. April 1945 wurde das Lager für sowjetische Kriegsgefangene in Stukenbrock-Senne von der amerikanischen Armee befreit. Dimitri Orlov war damals 37 Jahre alt.

Sabine Kubendorff
05.04.2021 | Stand 04.04.2021, 17:13 Uhr

Schloß Holte-Stukenbrock. „Amerikaner retten verhungernde Gefangene vor den Nazis – 8.610 vor Hunger wahnsinnig gewordene Gefangene wie Tiere in Dreck und Elend gehalten". So titelte am 4. April 1945 der amerikanische Kriegsberichterstatter John M. Mecklin. Zwei Tage zuvor hatte er die Befreiung des Lagers für sowjetische Kriegsgefangene, Stalag 326, in Stukenbrock-Senne miterlebt. Zu den Befreiten gehörte Dimitri Orlov, der bis zu seinem Tod 2010 eine enge Verbindung zu SHS hatte. Dank Christine und Günter Potthoff.

Dimitri Orlov wurde trotz der Strapazen im Krieg und im Gefangenenlager 102 Jahre alt. Kurz vor seinem Tod überließ er Günter Potthoff seine Lebenserinnungen auf Russisch. Sie sollen jetzt ins Deutsche übersetzt und ergänzt werden. Am Start sind Stalag-Fachmann Jens Hecker und die Russinnen Lena Nikolajewna und Olga Sergejewna, die Orlov ebenfalls verbunden waren.

John M. Mecklin:Wenn die Amerikaner, die heute hier waren. die Deutschen nicht sowieso schon hassten, dann tun sie es jetzt. Es ist schwer für einen Amerikaner zu begreifen, dass es einen solchen Ort überhaupt geben kann. Es ist ein Ort voll von Dreck und Elend, so verkommen, dass einiger unserer Truppen sich erbrechen mussten. Seit drei Jahren sterben hier täglich durchschnittlich 15 bis 20 Mann an Hunger. Dies ist ein Ort, an den man sich erinnern muss, wenn der Nazismus einmal zur Rechenschaft gezogen werden wird."

Lena Nikolajewna und Olga Sergejewna am Grab von Dimitri Orlov. Die beiden Damen wollen Günter Potthoff helfen, die Biografie Orlovs zu komplettieren. - © privat
Lena Nikolajewna und Olga Sergejewna am Grab von Dimitri Orlov. Die beiden Damen wollen Günter Potthoff helfen, die Biografie Orlovs zu komplettieren. | © privat

Dimitri Orlov hatte dennoch nie Ressentiments gegenüber den Deutschen. Mehrfach nahm er trotz der weiten Anreise an Gedenkveranstaltungen des Arbeitskreises „Blumen für Stukenbrock" teil, und nach einer lernte er Günter Potthoff kennen, der unbedingt mit einem Überlebenden sprechen wollte. Die beiden Männer verband schnell eine Freundschaft, die 20 Jahren währen sollte.

John M. Mecklin:„Als ich ungefähr drei Stunden nach Einnahme des Lagers ankam, war die Situation so ziemlich unter Kontrolle. Man hatte Gewehre an fünf Gefangene ausgegeben, die sich bereit erklärt hatten, den Mob von den Lebensmitteln fernzuhalten, und Panzer und gepanzerte Fahrzeuge waren an strategischen Punkten rund um das Lager postiert, um Ordnung zu halten. Menschen krochen auf dem Bauch im Dreck herum und kratzten Getreidekörner zusammen, die bei dem ersten Ansturm auf die Lebensmittelbaracken verschüttet worden waren. Einer von ihnen hatte nur ein Bein, und auf seiner Nase befand sich ein hässliches Gewächs. Er heulte vor sich hin wie ein Verrückter."

Dimitri Orlov nannte das Stalag 326 die „Insel des Todes". Er überlebte nach seiner Schilderung, weil er eine robuste Gesundheit und ein Talent besaß, das den Nazi-Offizieren gefiel. Er konnte gut malen, zum Beispiel Porträts. Er beteiligte sich später gestalterisch an der Entstehung des Sowjetischen Ehrenfriedhofs unweit des damaligen Lagergeländes, auf dem sich heute die Polizeischule und die Gedenkstätte Stalag 326 befindet. Die Erinnerung an Orlovs weiteren Lebensweg ist Günter Potthoff außerordentlich wichtig. Die Russinnen Olga und Lena suchen für ihn in Moskau nach weiterem Material, das die Biografie komplettieren soll. Jens Hecker bemüht sich um die deutsche Übersetzung der bereits zusammengefassten Lebenserinnerungen.

John M. Mecklin:„Ein russischer Oberstarzt, der für die Lazarettbaracken zuständig war, sagte, er haben mehr als 3.000 Patienten in kritischem Zustand, davon 1.300 bettlägerig. Er sagte uns, dass vier bis fünf seiner Patienten täglich im Lazarett gestorben seien und im Lager allgemein die doppelte Zahl."

Auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof in Stukenbrock-Senne wurden bis 65.000 Tote verscharrt.

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