Marienmünster Munition mit Zuckerguss

Ausstellung der Kulturstiftung Marienmünster

VON CHRISTINE LONGÈRE
Munition mit Zuckerguss - © Kultur
Munition mit Zuckerguss | © Kultur

Marienmünster. Im ehemaligen Schafstall auf dem fast 900 Jahre alten Klosterareal in Marienmünster prallen Welten aufeinander. An einem Ort, an dem traditionell das Postulat "Selig sind die Friedfertigen" Geltung hat, entfalten Bomben und Handgranaten, Symbole der Zerstörung wie Beretta und Kalaschnikow ein Szenario, das provoziert.

Das Arsenal der von der Künstlerin Kata Legrady zu Objekten ästhetischer Erbauung verfremdeten Waffen setzt einen Kontrapunkt zu den Inszenierungen in den Pavillons auf dem Wirtschaftshof des Klosters, in denen Dichtung der Annette von Droste-Hülshoff erlebbar und begehbar wird.

Für Hans Hermann Jansen, den ideenreichen Organisator der Kulturstiftung Marienmünster, ist das Kloster der passende Ort, um über Gut und Böse nachzudenken: "Das Schöne ist nicht immer gut, und das Böse erscheint oft in schönster Verpackung." Wie Kata Legradys mit Zuckerwerk verzierte oder einem edlen Ledersattel von Hermès geschmückte Waffen. "Bombs and Candies" nennt sie ihr Projekt, das 2010 erstmals in Paris, danach in Mailand präsentiert wurde.

Eine mit Dollarnoten verkleidete Pistole zielt auf verzuckerte Patronen.
Eine mit Dollarnoten verkleidete Pistole zielt auf verzuckerte Patronen.

Vollkommen in die Kunst eingetaucht

Bisher einzige Station in Deutschland war Berlin, wo Bazon Brock die Serie in seiner "Denkerei - Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen" ausstellte. Der Künstler und Kunsttheoretiker, der bis zu seiner Emeritierung Ästhetik und Kulturvermittlung in Wuppertal lehrte, wird zur Eröffnung am Samstag nach Marienmünster kommen und in einer Podiumsdiskussion auf kulturhistorische Hintergründe sowie auch auf Bezüge zwischen der Droste und Kata Legrady eingehen. Was beide Frauen verbinde, sei die Kraft der Konzentration auf ihre künstlerische Fähigkeiten, die es ihnen ermögliche, sich Autonomie zu verschaffen und männlichem Begehren zu widersetzen.

Wer ist Kata Legrady? "Ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der so völlig auf seine Sache konzentriert ist und alles völlig abschottet, was nicht mit dem Werk zu tun hat", sagt Bazon Brock. Alles Persönliche stelle sie vollkommen zurück. Es gebe keine Fotos, keine Interviews. "Sie sagt, sehen Sie sich meine Arbeiten an, das reicht." Dabei fehle es ihr nicht an Selbstbewusstsein. Sie sei eine "bildschöne Frau" und sehe aus "wie ein Model".
In ihr Schaffen fließen eigene Erfahrungen ein. 1974 in Barcs (Ungarn) geboren, wurde sie nach Brocks Informationen als Soldatin ausgebildet und war als Schützin im ungarischen Olympiateam.

Sie arbeitete für das Goethe-Institut in Leipzig, unterrichtete Klavier und Gesang und war Dirigentin einer Chorgemeinschaft in Hannover, bevor sie 1999 den Herforder Unternehmer Jan A. Ahlers heiratete. Es folgten Sprachstudien und Atelierbesuche in England, Frankreich und Amerika. Sie begegnete Daniel Spoerri, der Freund und Mentor für ihre künstlerische Arbeit wurde.
Rigoros schirmt Kata Legrady ihr Privatleben ab. Sie will sich nicht ausliefern, nicht präsentiert werden. In Deutschland tritt sie nicht in Erscheinung. Im Ausland scheint sie weniger Zurückhaltung zu üben. Für ein Foto in einer Galerie in London posierte sie mit einer ihrer Arbeiten. Modebloggerin Sandra Bauknecht traf sie dort und beschreibt sie als eine "sehr interessante" Gesprächspartnerin.

Inspiration für die Ausstellung kam aus dem Kloster

Vor einem halben Jahr war sie zum ersten Mal in Marienmünster und besichtigte die von der Kulturstiftung ausgebauten ehemaligen Wirtschaftsgebäude des Klosters. Den frisch renovierten Schafstall wählte sie als Rahmen für ihre Skulpturen und Bilder. Zur Eröffnung der Ausstellung, die realisiert werden konnte mit Unterstützung der Stiftung Ahlers "pro arte", wird ihr Kommen erwartet.

Die Doppelausstellung fügt sich ein in das Jahresprogramm der Kulturstiftung, das unter dem Thema "Gut und Böse" steht. Im Beiprogramm ist eine spektakuläre Aktion geplant. Während der "Bach-Nacht" am 27. Juli, die um 20 Uhr mit einem Orgelkonzert von Bob van Asperen in der Abteikirche beginnt, soll eine aus Stroh geformte, überdimensionale Kalaschnikow auf dem Feld vor dem Kloster angezündet werden und zum Nachdenken anregen darüber, was "unser täglich Brot" mit Gewaltverherrlichung, Oberflächlichkeit und Verharmlosung zu tun hat. Bazon Brock sieht darin eine Inszenierung "wie für die Jesuitenbühne".

Aus Sicht von Hans Hermann Jansen entsprechen beide Ausstellungsprojekte in besonderer Weise der in Marienmünster bemerkbaren Kraft zur Entfaltung: "Sie sprechen Frauen an und sprechen aus, sie gestalten Gedanken durch ihre Werke auf ihre Weise neu, schaffen und erschaffen."

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