Vereinsvorsitzende Rena Tangens bei der Preisverleihung 2018 - © Jörg Dieckmann
Vereinsvorsitzende Rena Tangens bei der Preisverleihung 2018 | © Jörg Dieckmann

Big Brother Award Zeit Online erhält Negativ-Preis für Datenmissbrauch von Digitalcourage

Der Preis wird am Samstag in Bielefeld verliehen. Die Onlineredaktion der Zeit nahm bereits im Vorfeld Stellung zu der Auszeichnung.

Holger Spierig
06.06.2019 | Stand 07.06.2019, 22:07 Uhr
Leandra Kubiak

Bielefeld. Der Big Brother Award ist eine Auszeichnung, die niemand gerne haben möchte: Der Online-Auftritt der Zeit ist in diesem Jahr einer der Preisträger des Negativpreises, der von dem Bielefelder Verein Digitalcourage vergeben wird. Die Chefredaktion von Zeit Online machte die Auszeichnung schon im Vorfeld selbst im Transparenzblog „Glashaus" öffentlich und brach damit die Sperrfrist, die der Veranstalter auf die Nennung der Preisträger gelegt hat. Die Verleihung der Preise für Datensünder findet am Samstag im Bielefelder Stadttheater statt. Die Jury kritisiert zum einen die Tatsache, dass Zeit Online Werbetracker und sogenannte Facebook-Pixel einsetzt. Damit können die Seitenaufrufe der Besucher registriert werden, und den Nutzern kann speziell auf sie zugeschnittene Werbung präsentiert werden. Zum anderen geht es um das Projekt "Deutschland spricht", das Menschen mit unterschiedlichen Haltungen zusammenbringen soll. Die Jury kritisiert, dass zeit.de für die Erhebung der Daten der Umfrage Google-Dienste genutzt habe. Auf diesem Weg seien politische Ansichten von Lesern auf Servern in den USA gespeichert worden. Zeit.de habe sich das Nachfolgeprojekt von "Deutschland spricht" zudem von Google finanzieren lassen. Ließen sich Medien von Datenkraken wie Google unterstützen, gehe der kritische Blick von Journalisten verloren, bemängeln die Juroren. Der Preis an zeit.de sei letztlich auch als allgemeine Medienschelte zu verstehen. Zeit Online verweist auf ein aufwendiges Sicherheits- und Datenschutzkonzept Die Chefredaktion von Zeit Online wies die Vorwürfe zum Teil zurück. Das Projekt „Deutschland spricht" sei eine Eigenentwicklung mit einem aufwendigen Sicherheits- und Datenschutzkonzept, schreibt sie in ihrem Transparenzblog "Glashaus". Google-Dienste würden dafür nicht genutzt. Lediglich der erste Testlauf im Jahr 2017 habe unter anderen einen Dienst von Google-Apps verwendet, um Daten zu speichern. Eine Nutzung dieser Daten durch Google sei vertraglich aber ausgeschlossen worden. Zeit Online räumte jedoch ein, eine Reihe von Werbetrackern zu nutzen. Diese mache das Portal jedoch über einen Link sichtbar. Die individualisierte Werbung lasse sich zudem abschalten. Digitalcourage hingegen bekräftigte die Kritik. „Deutschland spricht" sei ein tolles Projekt, sagte die Vereinsvorsitzende Rena Tangens. Es sei jedoch „blauäugig", wenn man sich auf eine Zusicherung von Google verlasse, dass keine Daten genutzt würden. So seien Dienste amerikanischer Firmen durch das US-Gesetz zur Überwachung in der Auslandsaufklärung verpflichtet, alle Daten über Nicht-US-Bürger an ihre Geheimdienste weiterzugeben. Das gelte auch dann, wenn der Server in Deutschland stehe. Den Verweis der Redaktion, dass alle Medien mit Reichweite Werbetracker nutzten, kritisierte Tangens als „schwaches Argument". Der deutsche Big-Brother-Award wird seit dem Jahr 2000 jährlich vom Verein Digitalcourage gemeinsam mit weiteren Bürgerinitiativen ausgeschrieben. Eine Jury aus Menschenrechtlern, Computerexperten sowie Daten- und Verbraucherschützern wählt die Preisträger aus. Die weiteren Preisträger werden am Samstag bekanntgegeben.

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