Michael Schulte tritt beim ESC in Lissabon an. Einer muss es ja machen. - © dpa
Michael Schulte tritt beim ESC in Lissabon an. Einer muss es ja machen. | © dpa

Musik Deutscher ESC-Beitrag: 50 Shades of Lame

Michael Schulte fährt zum ESC nach Lissabon. Mit einem Song, bei dem selbst Ed Sheeran einschlafen würde. Immerhin konnte uns der Sänger vor noch viel Schlimmerem bewahren.

Matthias Schwarzer

Berlin. Wer auch immer für diesen ESC-Vorentscheid zuständig ist: Man möchte ihn schütteln und anschreien und fragen, ob er eigentlich keinen Bock auf seinen Job hat. 2015 war Deutschland beim "Eurovision Songcontest" Letzter. 2016 auch. 2017 Vorletzter. Man tippt sich die Finger wund für Texte, in denen man erklärt, warum es nicht klappt und was man alles dagegen machen könnte - und am Ende bleibt trotzdem alles wie immer. Auch am Donnerstag feierte die deutsche Musikszene wieder ein Fest der Langeweile. Auf einer Bühne, die aussieht wie ein Penis. Nur um am Ende ein Lied auszuwählen, mit dem man sich mal wieder vor ganz Europa blamieren kann. Ich gucke heute die Sendung mit der Bühne, die aussieht wie eine Scheide. In der Werbung zappe ich dann aber zur Pimmelbühne. #GNTM#ULfLpic.twitter.com/ZlQsfjhQQp — anredo (@anredo) 22. Februar 2018 Diesmal traf es den eigentlich ganz sympathischen Singer-Songwriter Michael Schulte. Fast schon schade, dass dieser Abend das Ende seiner Karriere bedeuten wird. Was stand sonst zur Auswahl? Natia Todua (eine Sängerin, die von sich selbst behauptet, gerne farbenfrohe Kleidung zu tragen), schmettert in einem Kleid ohne Farbe ihren Hit "My own way". Dieser klingt nebenbei wie die letzten drei deutschen ESC-Beiträge, nur noch schlechter gesungen. Gute Idee, Leute. Ein bisschen Innovation (zumindest für deutsche Verhältnisse) bringt später Musiker Ryk. Der trägt am Piano sitzend eine ruhige Ballade vor. Mit Harmonien, die der deutsche Radiohörer wahrscheinlich nur dann hört, wenn er in einen Tunnel fährt und im Funkloch unfreiwillig WDR 3 ins Autoradio rauscht. Auf dem Piano tanzt eine Frau. Der perfide Plan ist klar: Mit dem Stück soll der Balladen-Hype vom vergangenen Jahr mitgenommen werden. 2017 gewann völlig überraschend das ruhige Klassik-Stück von Salvador Sobrai. Aus der ESC-Historie wissen wir: Nachahmer-Nummern haben es noch nie, nie, nie geschafft. I mog di ned Den unsympathischsten Auftritt legt dann Xavier Darcy hin, der passenderweise von Peter Urban als "sympathischer Typ" anmoderiert wird. Das Lied ist so egal, dass es dazu nichts zu sagen gibt. Dann wird es richtig strange: Die Schlager-Boyband Voxxclub präsentiert die volle Dröhnung deutsche Leitkultur mit ihrem Hit "I mog Di so". Man hofft inständig, dass das beschissenste Lied der Welt bitte nieeeeemals auf ganz Europa losgelassen werde, weiß aber gleichzeitig, dass sehr viele Deutsche auch Telefone benutzen können. Ein minutenlanges Hoffen und Bangen beginnt, bis am Ende feststeht: Ganz so schlimm wird es zum Glück nicht. Auch Ivy Quainoo schafft es nicht. Dabei hatte man sich bei dem Auftritt der Sängerin so viel Mühe in Sachen Bühnendeko gegeben: Beim Song "House of fire" brennt im Hintergrund ein Haus. Ich liebe Künstler, die in ihren Werken subtile Botschaften transportieren. Der deutsche ESC-Teilnehmer heißt am Ende weder Voxxclub noch Quainoo, sondern Michael Schulte. Der kann gut singen und wird sich deshalb auch nicht total blamieren. Und doch hat er ein großes Problem: Sein Song ist so lame, dass selbst Ed Sheeran dabei einschlafen würde. Belanglose Musik aus Egalistan Die beste Performance legt an dem Abend kurioserweise ein Sänger hin, der überhaupt gar nicht zur Wahl steht: Der 18-jährige Mike Singer macht Musik, die man als Erwachsener vielleicht nicht verstehen muss - der Song geht trotzdem mehr ins Ohr als alle deutschen ESC-Beiträge zusammen. Und noch schlimmer: Während man sämtliche Songs aus Egalistan schon nach der Sendung wieder vergessen hat, reichen maximal zehn Sekunden, um vom tschechischen Beitrag einen wochenlangen Ohrwurm davon zu tragen. Der wurde nur ganz am Rande und ganz kurz in einem Beitrag über andere ESC-Teilnehmer gezeigt. Prognose: Germany - zero points. Und Mikolas Josef tanzt sich mit seinem Rucksack weit nach oben:

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