Levina konnte mit ihrem Song "Perfect Life" nicht überzeugen. - © dpa
Levina konnte mit ihrem Song "Perfect Life" nicht überzeugen. | © dpa

Kommentar ESC 2017: Wir können alles, außer Hits

Schon wieder steht Deutschland beim ESC am Ende der Tabelle. Doch woran liegt's? Unser Autor meint: Wir können vieles, aber keine Hits.

Matthias Schwarzer

Dieser Kommentar ist im Februar 2017 bereits in ähnlicher Form erschienen. Kiew. Na, kleines Déjà-vu gehabt? Der Eurovision-Song-Contest ist rum, und Deutschland diskutiert, warum es schon wieder nicht geklappt hat. Levina konnte in Kiew nicht mehr als sechs Punkte holen und landete auf dem vorletzten Platz - der 27-jährige Jazzsänger Salvador Sobral aus Portugal gewann das Finale. Doch woran liegt's? Schon im Februar haben wir analysiert: Schuld ist nicht die Kandidatin, sondern der vom TV-Publikum gewählte Siegersong. Denn Deutschland steht sich mit seinem Musikgeschmack konsequent selbst im Weg. Rückblick: Am 9. Februar wählen die deutschen TV-Zuschauer voller Optimismus die Kandidatin für das ESC-Finale in Kiew. Nach den Pleiten der vergangenen Jahre ändert der NDR dafür zum ersten Mal seit Jahren sogar das Voting-System: Wirkten die Vorentscheide zuletzt eher so, als böten deutschen Plattenfirmen wahllos irgendwelche Newcomer an, kehrte man 2017 zu einem altbewährten Konzept zurück. Völlig unbekannte Kandidaten sangen um die Wette, und die Sendung wurde wieder von Stefan Raabs Produktionsfirma "Raab TV" produziert - wie damals beim ESC-Sieg von Lena. TV-Publikum wählt falschen Song Und wohl in weiser Voraussicht ließ man in diesem Jahr auch die Songs der Kandidaten nicht von deutschen Textern, sondern lieber von erfolgreichen Songwritern aus dem Ausland schreiben. Was hätte da noch schiefgehen können? Nun, am Ende des ESC-Vorentscheids gab es im Februar trotzdem eine Überraschung. Das Publikum entscheidet: Levina singt in Kiew nicht den Song "Wildfire" der Norwegerin Margit Larsen, sondern "Perfect Life" von Lindy Robbins. Schon die Gäste beim Vorentscheid wirkten über diese Entscheidung irritiert. Moderatorin Barbara Schöneberger musste zugeben: Damit habe hier keiner gerechnet. Und mit einem Mal wurde auch wieder das Problem der vergangenen Jahre deutlich: Das deutsche Fernsehpublikum entscheidet über internationale Musikerfolge. Ein Land, das am liebsten Helene Fischer oder "Die immer lacht" hört, bestimmt einen Song für einen internationalen Musikwettbewerb. Das ist einfach keine besonders gute Idee. Der deutsche Musikgeschmack hat im Ausland keine Chance Blickt man in die deutschen Musikcharts, dann reihen sich neben internationale Songs vor allem die unzähligen Mark-Forster- und Max-Giesinger-Kuschelhits und platte House-Nummern ein. Auch die ESC-Party-Show auf der Reeperbahn in Hamburg zeigte das erfolgreichste, was die deutsche Musikszene derzeit zu bieten hat: Helene Fischer - und Wincent Weiß. Wer saß in der deutschen ESC-Jury? Adel Tawil, Nicole und - genau: Wincent Weiß. Seid ihr auch überrascht, dass Adel Tawil, Nicole, Vincent Weiss und das Double von Uwe Ochsenknecht keine Ahnung von Musik haben?#esc2017 — Christian Huber (@Pokerbeats) 13. Mai 2017 Ist ja auch okay. Der deutsche Radiohörer findet diese Art von Musik gut, und das sei ihm gegönnt. Allerdings interessiert der deutsche Musikgeschmack niemanden im europäischen Ausland - und das ist seit Jahren ein großes Problem. Fun Fact: Deutschlands international erfolgreichste Musiker sind diejenigen, die man in Deutschland selbst überhaupt nicht kennt. Beispiel: Anton Zaslavski aka. Zedd aus Kaiserslautern - in den USA ein gefragter Produzent (hat u.a. auch Justin Bieber produziert und arbeitet mit den großen Stars der Popwelt zusammen), in Deutschland aber bislang kaum bekannt. Im Ausland füllt Zedd ganze Stadien und Festivals, in Deutschland spielt der DJ allenfalls in kleinen Clubs. Das beschreibt die ganze Misere des deutschen Musikgeschmacks eigentlich ganz gut. Und jetzt? Der Song "Perfect Life" war schlichtweg nicht eingängig genug, um ein Hit in Europa zu werden - und wirkt wie ein Störfaktor, wenn Levina Lueen ihn singt. Der Song "Wildfire" von Margit Larsen aus Norwegen wäre seinerzeit die bessere Wahl gewesen. Nicht zuletzt, weil skandinavische Produktionen generell beim ESC gute Karten haben: Songs aus norwegischer, dänischer und schwedischer Feder landeten in den vergangenen Jahren immer wieder in den Top 10, jedes Land gewann in den vergangenen zehn Jahren mindestens einmal den Musikwettbewerb. Skandinavien trifft den europäischen Ton, und Levina passte zum Stück von Margit Larsen wie die Nadel auf die Schallplatte. Und jetzt? Wenn Deutschland beim ESC irgendwann mal wieder vorne mitspielen will, muss sich nicht nur das Voting-System ändern. Wir brauchen viel mehr internationale Unterstützung - nicht nur beim Song, sondern vielleicht auch beim Voting. Eine Jury aus internationalen Musikexperten könnte sich als hilfreich erweisen. Denn eins steht fest: Wir können vieles, aber keine Hits.

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