Levina fährt für Deutschland zum ESC nach Kiew. - © picture alliance/Geisler-Fotopress
Levina fährt für Deutschland zum ESC nach Kiew. | © picture alliance/Geisler-Fotopress

Kommentar ESC-Vorentscheid: Die richtige Kandidatin mit dem falschen Song

Beim Songwriting hat sich Deutschland in diesem Jahr internationale Unterstützung geholt. Das Problem: Über den Erfolg des Songs entscheidet weiterhin das deutsche TV-Publikum.

Matthias Schwarzer

Köln. Die gute Nachricht zuerst: Letzter werden "wir" in diesem Jahr wohl nicht. Die schlechte: Ein Sieg beim "Eurovision Song Contest" ist trotzdem in weiter Ferne. Schuld ist in diesem Fall nicht die Kandidatin, sondern der vom TV-Publikum gewählte Siegersong. Denn Deutschland steht sich mit seinem Musikgeschmack konsequent selbst im Weg. Aber von vorn: Es ist kurz vor 23 Uhr, als am Donnerstag endlich die Entscheidung fällt. Isabella Levina Lueen fährt zum ESC nach Kiew. Zuvor hatte sich die 25-Jährige gegen vier weitere Kandidaten durchgesetzt. Studiopublikum, Fernsehzuschauer und Jury hatten sich schon früh auf eine Kandidatin festgelegt: Levina bekommt gleich zu Beginn Standing Ovations, die Zuschauer sind außer sich - die Sängerin strahlt und: gewinnt. Und tatsächlich hat das Publikum eine gute Wahl getroffen: Levina überzeugt mit Stimme, ihrer Ausstrahlung und ihrer Bodenständigkeit. Auf der Bühne zeigt sie sich routiniert und gelassen. Kein Wunder: Schon seit Kindertagen tritt die gebürtige Bonnerin vor Publikum auf, schließt später ein Gesangsstudium ab und studiert Musik in London. Levina ist am Abend des ESC-Vorentscheids die mit Abstand beste Kandidatin - und doch kein Garant für einen guten Platz in Kiew. Falscher Song: Jury wirkt irritiert Man kann dem NDR wirklich nicht vorwerfen, er habe aus den Fehlern der vergangenen Jahre nicht gelernt: Wirkten die Vorentscheide vergangener Jahre eher so, als böten deutschen Plattenfirmen wahllos irgendwelche Newcomer an, kehrte man in diesem Jahr zu einem altbewährten Konzept zurück. Völlig unbekannte Kandidaten sangen um die Wette, und die Sendung wurde wieder von Stefan Raabs Produktionsfirma "Raab TV" produziert - wie damals beim ESC-Sieg von Lena. Und in weiser Voraussicht ließ man auch die Songs der Kandidaten nicht von deutschen Textern, sondern lieber von erfolgreichen Songwritern aus dem Ausland schreiben. Den Siegersong durften am Ende allerdings trotzdem die TV-Zuschauer auswählen. Und genau das ist der Knackpunkt. Jury und Studiopublikum wirkten irritiert, als am späten Abend die Entscheidung fällt: Levina singt nicht den Song "Wildfire" der Norwegerin Margit Larsen, sondern "Perfect Life" von Lindy Robbins. Eine gewisse Ernüchterung ist zu spüren, Moderatorin Barbara Schöneberger muss zugeben: Damit habe hier keiner gerechnet. Zuvor waren sich noch alle einig gewesen, dass am Song "Wildfire" eigentlich nicht zu rütteln ist. TV-Zuschauer entscheiden eindeutig - und eindeutig falsch Das Publikum jedoch entscheidet anders - und wählt mit 69 Prozent "Perfect Life" zum Siegersong. Und mit einem Mal wird auch wieder das Problem der vergangenen Jahre deutlich: Das deutsche Fernsehpublikum entscheidet über internationale Musikerfolge. Und das ist, vorsichtig formuliert, keine besonders gute Idee. Blickt man in die deutschen Musikcharts, dann reihen sich neben internationale Songs vor allem die unzähligen Mark-Forster- und Max-Giesinger-Kuschelhits und platte House-Nummern ein. Auch das Begleitprogramm des ESC-Vorentscheids schien perfekt auf den deutschen Musikgeschmack zugeschnitten: Tim Bentzko und Matthias Schweighöfer trällerten ihre neuen Deutschpop-Songs. "Junge Männer mit Weltschmerz entdecken die Liebe und finden vieles traurig." (@ImreGrimm) Der deutsche Radiohörer findet das gut, und das sei ihm gegönnt. Allerdings interessiert der deutsche Musikgeschmack niemanden im europäischen Ausland - und das ist seit Jahren ein Problem. Auch wenn Songwriterin Lindy Robbins bereits für die Backstreet Boys und David Guetta schrieb: "Perfect Life" ist nicht eingängig genug, um ein Hit in Europa zu werden - und wirkt wie ein Störfaktor, wenn Levina Lueen ihn singt. Songs aus Skandinavien haben gute Karten beim ESC Der Song "Wildfire" von Margit Larsen aus Norwegen wäre die bessere Wahl gewesen. Nicht zuletzt, weil skandinavische Produktionen generell beim ESC gute Karten haben: Songs aus norwegischer, dänischer und schwedischer Feder landeten in den vergangenen Jahren immer wieder in den Top 10, jedes Land gewann in den vergangenen zehn Jahren mindestens einmal den Musikwettbewerb. Skandinavien trifft den europäischen Ton, und Levina passte zum Stück von Margit Larsen wie die Nadel auf die Schallplatte. Bleibt zu hoffen, dass Windmaschinen und Videoleinwände am 13. Mai ihr Nötiges tun, um Levina und "Perfect Life" zumindest einen Platz im Mittelfeld zu sichern. Wenn nicht, dann sollte die Ansage fürs kommende Jahr klar sein: Nicht nur beim Song braucht Deutschland europäische Unterstützung - auch beim Voting. Eine Jury aus internationalen Musikexperten könnte sich als hilfreich erweisen.

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