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Kolumne Was für ein Hermann!

Jürgen Rittershaus
25.04.2015 | Stand 26.04.2015, 09:57 Uhr

So langsam hält der Frühling Einzug, nicht nur in unsere Herzen, auch in unsere Nasen. "Süße wohlbekannte Düfte" werden immer intensiver und erreichen am letzten Aprilwochenende ihren olfaktorischen Höhepunkt: Ein Geruchs-Gemisch aus Bärlauch, Knorpelabrieb, Gelenkschmiere, Kirschblüten und heißem Fußsohlen-Transpirant erfüllt die ganze Gegend.

Der ostwestfälische April beginnt mit einem Scherz und endet mit einer Völkerwanderung: dem Hermannslauf. 7000 in der lippischen Wildnis ausgesetzte Menschen versuchen verzweifelt, sich zu Fuß in bewohntere Gefilde durchzuschlagen. Die meisten enden in Bielefeld und machen so unser schönes Wahrzeichen für ein paar Stunden zur Spa-Renn-Burg.

Gerüchten, dass der "Hermann" ein von Orthopäden, Chiropraktikern und Sanitätshäusern gefördertes Event zur Geschäftsbelebung sei, widersprechen vor allem Sanitätshäuser, Chiropraktiker und Orthopäden. Viele Läufer begeben sich nach dem Lauf aber erst gar nicht nach Hause sondern direkt in die teilweise geöffneten Wartezimmer. Der Arzt kommt zwar erst Montag früh, aber man weiß ja, dass die Wartezeiten bei Orthopäden mittlerweile vergleichbar sind mit denen für Trabbi-Neubestellungen in der ehemaligen DDR.

Mittlerweile fühlt man sich zwar fast schon ein bisschen als Versager, wenn man nicht mitläuft, doch für mich ist dieser Lauf schon allein aus betriebswirtschaftlichen Gründen nicht lohnend: Ich bin ja schon da, wo alle hinwollen, müsste also erst umständlich vom Ziel zum Start gebracht werden, um mich dann mühsam wieder dorthin zu quälen, wo ich sowieso schon war.

Das absolute Highlight des Laufes soll ja das Glücksgefühl beim Überschreiten der Ziellinie sein, wirkt doch extremes Laufen wie eine Droge. Ich habe aber eine sehr interessante Erfahrung gemacht: Schafft man es, auf das extreme Laufen zu verzichten, braucht man auch die Drogenerfahrung nicht, denn es gibt keine schmerzende Realität, der man entfliehen muss.

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