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Ein neuer Arbeitsalltag in Zeiten von Corona „Bürgermeister“ von Innovation City Bielefeld

Er ist kein Berliner, aber dennoch sowas wie ein Hauptstadt-Bürgermeister: Denn Bielefeld ist Deutschlands erste Open Innovation City – und Henning Duderstadt ihr neues „Gesicht“.

Monika Dütmeyer
01.07.2020 | Stand 24.08.2020, 12:18 Uhr
„Jeder ist willkommen": Henning Duderstadt und sein Team fördern wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen in Bielefeld und der Region.  - © Benjamin Janzen
„Jeder ist willkommen": Henning Duderstadt und sein Team fördern wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen in Bielefeld und der Region.  | © Benjamin Janzen

Ein Jobwechsel ist in aller Regel mit einer Menge Puls und ebenso vielen offenen praktischen Fragen verbunden. Ein Großteil dieser praktischen Fragen fiel bei Henning Duderstadt jedoch weg, denn er hat inmitten der Corona-Zeit den Job vom heimischen Schreibtisch aus gewechselt.

Mitarbeiter im Videochat

„Ich habe abends meinen alten Laptop zugeklappt und am nächsten Morgen den neuen aufgeklappt", erzählt er. „Aber immerhin war der alte Rechner schwarz und der neue ist silbern." Mittlerweile arbeitet er aber nicht mehr ausschließlich von zu Hause aus, sondern hat für das Gespräch in einem Vorlesungssaal der Fachhochschule des Mittelstands in Bielefeld auf einem Stuhl in der ersten Bank Platz genommen. Doch auch hier ist er noch nicht an seinem eigentlich neuen Arbeitsplatz angekommen, der aktuell noch eine Zeichnung auf dem Reißbrett ist. Noch ist er ein „Head of Innovation Office" ohne Office.

Gewöhnen darf er sich aber schon mal an die neuen Leute, die er seit Anfang April regelmäßig im Videochat sieht – und Dank zunehmender Corona-Lockerungen auch wieder öfter analog. Denn das sind die Menschen, mit denen er seine berufliche Zukunft und die einer ganzen Stadt gestalten möchte: Seit Juli 2019 ist Bielefeld Deutschlands erste Open Innovation City – oder ein bisschen freier übersetzt: Deutschlands erste Hauptstadt der Ideen. Und Henning Duderstadt sowas wie ihr „Bürgermeister". Jedenfalls auf dem Fachgebiet des Einfallsreichtums.

Stadt der Innovationen: Bielefeld

Um die Ideen aus den Bürgern herauszukitzeln, wenden sich der 38-Jährige und sein Team ausdrücklich an „alle Menschen" – übrigens in der gesamten Region rund um die Innovation City. Dazu gehören natürlich auch Menschen aus den Bereichen Forschung und Bildung, Wirtschaft und Verbände sowie Politik und Verwaltung, die sich von Berufswegen her sowieso häufiger etwas einfallen lassen müssen.

Das besondere an der Open Innovation City ist aber, dass auch alle Bürger und damit die gesamte Zivilgesellschaft gefragt ist, ohne auch nur ein einziges Auswahlkriterium erfüllen zu müssen. „Jeder ist willkommen." Das mit dem „Open" im Begriff „Open Innovation City" sei absolut ernst gemeint. Um möglichst viele Menschen an Bord zu bekommen, gestaltet die Initiative beispielsweise Events wie den „BIE-City-Hackathon" mit. Kein exklusives Happening für Nerds. „Jeder kann mitmachen. Es sind auch immer Mentoren dabei, die die Teilnehmer bei allen Herausforderungen unterstützen."

Außerdem können Menschen ihre Ideen per Mail an info@openinnovationcity.de senden. Zukünftig soll auch eine digitale Plattform 24 Stunden zur Verfügung stehen sowie ein „Innovation-Office".

Mystery-Office im Herzen der Bielefelder Altstadt

Wo genau das – und damit sein richtiger neuer Arbeitsplatz – sein wird, behält der gebürtige Bielefelder aufgrund der aktuellen Mieterbelegung und anstehenden Umbauarbeiten noch für sich. Aber er gibt schon mal einen Insider-Tipp: „Der Ort hat einen historischen Bezug zur Idee der Open Innovation." Und das hat der neue Chef sogar mit dem neuen Büro gemeinsam.

Denn von der Idee der Open Innovation war der ausgebildete Bankkaufmann, BWLer und Absolvent eines MBA-Studiums schon zu Studienzeiten fasziniert: Das Konzept stammt aus der Wirtschaft vom US-Wissenschaftler Henry Chesbrough. Die Idee, die Zukunft bewusst und aktiv zu gestalten, wird nun erstmals auf eine Stadt und ihre Einwohner übertragen.

„Wir verstehen uns dabei als Steigbügelhalter", erklärt Duderstadt. Als Wegbereiter und Netzwerkknotenpunkt bringen sie Menschen ins Gespräch und unterstützen sie, damit sie ihre Ideen selbst umsetzen können. Was gerade in Bielefeld beginnt, soll nach der Pilotphase auf beliebig viele Städte übertragbar sein. Schon heute steht das Team im regen Austausch mit gleichgesinnten Kollegen. Zum Beispiel aus der „Smartcity" Tampere in Finnland. Weitere Kontakte in Partnerregionen aufzubauen, ist geplant.

Neue Impulse für Bielefeld

„Für mich ist dieser Job eine Herzensangelegenheit. Ich möchte der Region, in der ich aufgewachsen bin und lebe, etwas zurückgeben und ihre Entwicklung vorantreiben." Auf den Geschmack gekommen, zu gestalten, Verantwortung zu tragen und Teamspirit zu spüren, ist er schon bei seiner vorherigen Tätigkeit.

Mit dem schwarzen Laptop war er als Firmenberater beim Bankverein Werther unter anderem für den gesamten Bereich der Start-up-Betreuung verantwortlich – und hat diesen Bereich auch etabliert. Das ist auch das Ziel für die Open Innovation City. Denn wenn die Projektförderung über insgesamt 5,4 Millionen Euro 2023 ausläuft, hofft Duderstadt, dass die Idee der Open Innovation City bleibt.

Und was war bislang seine beste Idee? „Dass ich mich auf diesen Job beworben habe", sagt er und lacht.

Information
In einer Zeit des schnellen, technologischen Wandels und gesellschaftlicher Entwicklungen wird Innovation zur Maßgabe für die Zukunftsfähigkeit deutscher Städte und Regionen. Das noch junge wissenschaftliche Prinzip der Open Innovation steht dabei für Offenheit, für das Vernetzen der gesellschaftlichen Akteure und für die Verbindung zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. In einem einzigartigen Projekt wird das Prinzip der Open Innovation nun erstmals auf eine Stadt übertragen: Bielefeld ist die erste Open Innovation City Deutschlands. Das Projekt wird geführt von der Fachhochschule des Mittelstands (FHM), der Founders Foundation, dem Pioneers Club und OWL Maschinenbau und gefördert vom Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen. Gesteuert werden die Aktivitäten vom Innovation Office, das seinen Sitz im Herzen von Bielefeld bekommt. Zurzeit zählt das Team der Open Innovation City elf Köpfe.
Links zum Thema
Bielefeld ist Deutschlands erste "Open Innovation City"

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