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Viele Schwule haben Ausgrenzung erfahren. Doch auch innerhalb der Community ist Diskriminierung ein Thema. - © dpa (Symbolbild)
Viele Schwule haben Ausgrenzung erfahren. Doch auch innerhalb der Community ist Diskriminierung ein Thema. | © dpa (Symbolbild)

CSD Bielefeld "Keine Schwarzen, keine Asiaten": Wie rassistisch ist die schwule Community?

Für viele Schwule und Lesben gehören Ausgrenzung und gesellschaftliche Benachteiligung zum traurigen Alltag. Doch ein Problem mit Diskriminierung gibt es auch innerhalb der Community.

Matthias Schwarzer
08.06.2017 | Stand 10.06.2017, 11:25 Uhr

Diskriminierung gehört für homosexuelle Menschen auch im Jahr 2017 noch zum Alltag. Viele Schwule und Lesben haben durch ihr Umfeld Erfahrungen mit Ausgrenzung gemacht. Andere werden in der Gesellschaft benachteiligt - zum Beispiel, weil sie nicht heiraten dürfen. Vor diesem Hintergrund wirkt es geradezu absurd, dass die LGBT-Community noch ein ganz anderes Problem hat: Sie diskriminiert sich selbst. Im Alltag, beim Online-Dating - oder bei Wahlen. Rassismus auf Dating-Plattformen "Keine Asiaten, keine Schwarzen, keine Fetten, keine Opas". So steht es im Profiltext eines jungen Mannes, der sich in der Dating-App "Grindr" präsentiert. Ein anderer macht unmissverständlich klar: Wer zu "hässlich" ist oder sich zu "feminin" verhält, solle es gar nicht erst wagen, ihn anzuschreiben. Sätze wie diese finden sich in ähnlichem Wortlaut in unzähligen weiteren Profilbeschreibungen. Auf Dating-Plattformen wie "Grindr" und "Planet Romeo" hat sich ein ganz eigener, schonungsloser Jargon entwickelt - und er wird von immer mehr Nutzern übernommen. Diskriminierung, Body-Shaming und Rassismus sind hier an der Tagesordnung - in einer Szene, die es doch eigentlich besser wissen müsste. Nicht böse gemeint Der Hintergrund ist jedoch meist ein anderer: In Dating-Apps geht es um schnelle Dates - je weniger Quatschen, desto besser. Um möglichst schnell den Richtigen zu finden, schließen manche Nutzer in ihren Profiltexten bestimmte Personengruppen von vornherein aus. Das ist zwar ziemlich unreflektiert - oftmals aber gar nicht böse gemeint. Viele Nutzer sehen in ihren Profiltexten nur die Beschreibung ihrer Vorlieben. Anders sehen das jedoch Betroffene: Die "Gay Men’s Sexual Health Charity" hat 850 schwule Männer in Großbritannien befragt. 75 Prozent der schwarzen Männer sagten, dass sie Erfahrungen mit Rassismus in der schwulen Szene gemacht hätten. 81 Prozent der Männer mit Vorfahren aus Südostasien bestätigen das ebenfalls. Auch 30 Prozent der Latinos und 78 Prozent der Männer mit Elternteilen aus zwei unterschiedlichen Ethnien gaben an, schon Rassismus erfahren zu haben. Zudem sei jeder schwule Mann mit arabischer und/oder türkischer Abstammung bereits Opfer rassistischer Angriffe in der Szene geworden. Nur 49 Prozent der befragten weißen schwulen Männer halten Rassismus für ein Problem in der Szene. Warum wählen Schwule die AfD? In der Tat galt es bislang allenfalls als Randthema, dass es in der LGBT-Community rassistische Tendenzen gibt. Doch während diskriminierende Texte in Dating-Apps noch als "Dummheit" erklärt werden können, macht sich das Phänomen inzwischen auch in der Politik bemerkbar: Viele Schwule und Lesben wählen Parteien weit rechts von der Mitte. Und seit April haben sie sogar ein prominentes Aushängeschild: Alice Weidel, die Spitzenkandidatin der AfD - eine Lesbe. Das schwule Szene-Heft Männer-Magazin fand in einer nicht repräsentativen Umfrage heraus: Bei Lesern des Heftes ist die AfD die drittstärkste Kraft - hinter den Grünen und der Linken. 16,6 Prozent der Befragten machten bei der "Alternative für Deutschland" ihr Kreuzchen. Auch der Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg hatte 2016 in einer Umfrage herausgefunden, dass die AfD bei Homosexuellen außerordentlich erfolgreich ist. Viele geben lieber den Rechtspopulisten ihre Stimme als der konservativen CDU. Feindbild: Der "homophobe Migrant" Doch was zieht Homosexuelle zu einer Partei, die lautstark vor dem "Gender-Wahn" warnt, die "Drei-Kinder-Familie" als Lebensziel definiert und deren Politiker sogar Gefängnisstrafen für Homosexuelle fordern? Die Antwort gibt die Partei selbst - auf einem Wahlplakat, das vor der Wahl des Abgeordnetenhauses mit einem Laster durch Berlin rollte: "Mein Partner und ich legen keinen Wert auf die Bekanntschaft mit muslimischen Einwanderern, für die unsere Liebe eine Todsünde ist", stand auf der Werbetafel (Foto). Der Islam ist der entscheidende Knackpunkt, mit dem die AfD Stimmen aus der Homo-Community holen will. Dabei spielt sie mit der Angst vor "homophoben Migranten", ganz nach dem Vorbild des französischen Front National: Auch der hatte gezielt im Wahlkampf um Homosexuelle geworben. Das Recherchezentrum Cevipof der Universität Sciences Po hat errechnet, dass bei den Regionalwahlen 2015 rund 32 Prozent der homosexuellen Paare in Frankreich den Front National gewählt haben. Der Anteil lesbischer FN-Wählerinnen hat sich in fünf Jahren verdreifacht. Die gespaltene Community Die Diskriminierung von Homosexuellen durch Menschen mit Migrationshintergrund ist aber tatsächlich ein Thema - das jedoch zu wenig diskutiert wird. Auf einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung zum Thema Rechtspopulismus und LGBT in Berlin sagte der Grünen-Politiker Volker Beck: "Wir dürfen nicht den Eindruck erwecken, Probleme wegzudiskutieren. Homophobie von rechts und aus der Mitte der Gesellschaft muss angegangen werden, aber genauso auch bei Migrationshintergrund oder bei Muslimen, und zwar ohne die antimuslimischen Ressentiments der Rechtspopulisten zu bedienen." Laut dem Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg, der die LGBT-Wahlstudie durchgeführt hatte, machen viele Schwule und Lesben den Islam für Hass und Gewalt gegen Homosexuelle verantwortlich - während andere den Schutz von Flüchtlingen fordern. Es liegt nahe, dass Rassismus nicht unbedingt ein Problem der schwul-lesbischen Szene ist. Offenbar, so der Verband, sei die LGBT-Community in der Flüchtlingsdebatte so gespalten wie die Gesellschaft selbst.

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