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Auch in Spanien ist der Impfstoff knapp, weshalb es auch dort eine Reihenfolge gibt. - © Reuters/Susana Vera
Auch in Spanien ist der Impfstoff knapp, weshalb es auch dort eine Reihenfolge gibt. | © Reuters/Susana Vera

Corona-Schutz Impfvordrängler in Spanien und Kanada sorgen für Empörung

In Spanien wird die Liste derer länger, die sich in der Reihe für die Coronaschutz-Impfung vordrängeln. In Kanada hat sich ein Millionärs-Paar die Impfung erschlichen.

Jörg Michel
27.01.2021 | Stand 27.01.2021, 14:02 Uhr
Christina Horsten

Ralph Schulze

Toronto/Madrid. In Spanien und in Kanada sorgen derzeit mehrere Impfvordrängler für Empörung. So soll sich ein kanadisches Paar in einer abgelegenen Ureinwohner-Siedlung im Norden Torontos Impfungen gegen das Coronavirus erschlichen haben.

Der 55 Jahre alte frühere Chef einer Casino-Firma und Multimillionär sowie seine Frau, eine 32 Jahre alte Schauspielerin, hätten ein kleines Flugzeug gemietet und sich damit in den Ort Beaver Creek in der nordwestkanadischen Region Yukon bringen lassen, berichteten kanadische Medien am Dienstag. Die rund 100 Menschen in Beaver Creek gehören zu denjenigen, die bei den Impfungen in Kanada Priorität bekommen haben, unter anderem weil ihre Siedlung fernab jeglicher gut ausgerüsteter medizinischer Versorgung liegt.

Das Paar gab an, bei einer lokalen Übernachtungseinrichtung zu arbeiten und erschlich sich so die Impfungen. Als sie danach darum baten, zum Flughafen gebracht zu werden, flog ihr Plan jedoch auf. Weil das Paar mit seinem Kurzaufenthalt auch gegen die Quarantäne-Regeln der Region Yukon verstieß, droht ihm nun eine Geld- oder Gefängnisstrafe.

"Fühlen uns da alle sehr beleidigt"

„Wir sind zutiefst beunruhigt vom Handeln von Einzelnen, die unsere Ältesten und Verwundbaren Risiken aussetzen, um sich selbst aus egoistischen Gründen vorzudrängeln", sagte Angela Demit, die Chefin des Ureinwohner-Verbands der Gegend, White River First Nation. Der zuständige Minister der Region, John Streicker, verteidigte sich gegenüber dem kanadischen Rundfunksender CBC. „Wir hatten einfach nicht erwartet, dass jemand so viel auf sich nehmen würde, um sich zur Impfung zu tricksen, und ich glaube wir fühlen uns da alle sehr beleidigt." Es würden zusätzliche Maßnahmen eingeführt, die ähnliche Vorfälle künftig vermeiden sollten.

Auf die nötige zweite Dosis des Impfstoffs wird der Millionär nun allerdings warten müssen. Laut dem Gesundheitsministerium der Provinz British Columbia muss sich Baker jetzt anstellen, wie jeder andere Kanadier auch. Gemäß offiziellem Impfplan ist die Altersgruppe der Eheleute erst zwischen Juli und September dran – viele Monate nach dem vom Hersteller empfohlenen Zeitpunkt für die zweite Spritze.

Minister und Bürgermeister drängeln sich in Spanien vor

In Spanien sind es gleich mehrere regionale Minister, Generäle, Bürgermeister, Stadträte und Ehefrauen von Politikern, die sich in der Impfreihenfolge vorgedrängelt haben sollen. Die öffentliche Empörung wächst. Denn eigentlich dürfen in Spanien angesichts des knappen Impfstoffes bisher nur Altenheimbewohner, Krankenschwestern und Pfleger sowie Ärzte geimpft werden. Etliche Impfsünder mussten deswegen bereits ihren Hut nehmen.

Der prominenteste Amtsträger, der über diesen Impfskandal stolperte, war bisher der spanische Generalstabschef Miguel Ángel Villarroya. Der 63-jährige Armeekommandeur hatte nicht nur für sich eine Impfdosis abgezweigt, sondern auch für etliche Offiziere seines Generalstabs, die mit ihm im Armeehauptquartier Bürodienst schieben. Im Madrider Militärkrankenhauses Gómez Ulla gingen derweil etliche Ärzte und Pfleger, die an der Corona-Front einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, zunächst leer aus.

Die Zahl jener, die sich unberechtigt impfen ließen, geht in Spanien inzwischen in die Hunderte. Allein in der Mittelmeerregion Valencia könnte es bisher annähernd 200 Fälle von Impfdränglern gegeben haben, schätzte der dortige Ministerpräsident Ximo Puig. Dieses unsolidarische Verhalten könne man nicht durchgehen lassen, wetterte Puig. Damit würde jenen Risikopersonen, welche die Dosis dringend bräuchten, der Impfstoff weggenommen. „Das ist eine ethische Frage."

Zur Strafe keine Zweitimpfung

Puig schlug eine „exemplarische Strafe" für die schwarzen Schafe vor: Sie sollen vorerst nicht die notwendige zweite Dosis bekommen, die für eine volle Schutzwirkung eigentlich notwendig ist. So will er mutmaßliche Nachahmer abschrecken. Auch in Spaniens Gesundheitsministerium ist man entsetzt. Der staatliche Chefvirologe und Ministeriumssprecher Fernando Simón hält aber die Idee, den Dränglern die zweite Dosis vorzuenthalten, unter medizinischen Gesichtspunkten für fragwürdig.

Einige der Missetäter entschuldigten sich inzwischen öffentlich, wie Mallorcas Bischof Sebastià Taltavull. Andere versuchten, sich damit herauszureden, dass sie als „Impfbeispiel" dazu beitragen wollten, dass die Bevölkerung mehr Vertrauen zum Impfstoff habe. Beliebt war auch die Ausrede etlicher Amtsträger, dass „eine Dosis übrig gewesen sei, die sonst wegen der begrenzten Haltbarkeit verfallen wäre".

Generalstabschef Villarroya führte derweil staatstragende Gründe für die heimliche Impfaktion in der militärischen Kommandozentrale an: Er habe schlicht die Einsatzfähigkeit der militärischen Führung sicherstellen wollen. Spaniens Regierung sah dies anders. Kein Amtsträger dürfe seine Machtposition ausnutzen, um sich in diesem Corona-Drama Privilegien zu verschaffen, hieß es. In einigen Fällen ermittelt inzwischen sogar der Staatsanwalt.

Unterdessen wächst in der Bevölkerung die Unruhe, weil die Pandemie in Spanien, wie schon im Frühjahr 2020, erneut völlig außer Kontrolle geraten ist. Die Infektionskurve schießt steil nach oben: Das Land verzeichnet derzeit zusammen mit Portugal die höchste Zahl von Neuansteckungen in ganz Europa. Die wöchentliche Fallhäufigkeit kletterte auf über 550 Fälle pro 100.000 Einwohner – das ist ein Vielfaches höher als in Deutschland, Österreich, Luxemburg oder der Schweiz. Deswegen stuften die europäischen Gesundheitsbehörden Spanien inzwischen als extremes Hochrisikogebiet ein.

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