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Ein Stück des Paderborner Theaters thematisiert Missbrauch in öffentlichen Institutionen. - © picture alliance / ZB
Ein Stück des Paderborner Theaters thematisiert Missbrauch in öffentlichen Institutionen. | © picture alliance / ZB

Paderborn Diskussionsteilnehmer zum Thema Missbrauchsfälle fordern Reformen

Im Anschluss an das Stück "Zu dir kommt alles Fleisch" sind Theatergäste zur Diskussion eingeladen. Dabei prallen die Ansichten aufeinander

Julia Stratmann
03.12.2019 | Stand 03.12.2019, 14:49 Uhr

Paderborn. An wen wendet man sich beim Thema Missbrauch? Welche Möglichkeiten der Prävention gibt es? Und wie geht die Kirche mit diesem Thema um? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion im Theater Paderborn zum Thema Missbrauch in öffentlichen Institutionen.

Paderborn. An wen wendet man sich beim Thema Missbrauch? Welche Möglichkeiten der Prävention gibt es? Und wie geht die Kirche mit diesem Thema um? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion im Theater Paderborn zum Thema Missbrauch in öffentlichen Institutionen. Das Stück "Zu dir kommt alles Fleisch" (unter der Regie von Fanny Brunner) beschäftigt sich unter anderem mit dem Missbrauchsskandal innerhalb der Kirche - und sorgt für Redebedarf. Deshalb waren im Anschluss an eine Vorstellung alle Gäste in den Theatertreff eingeladen, um sich mit aktuellen und ehemaligen kirchlichen Vertretern auszutauschen. Missbrauchsfälle in der Kirche im Fokus Geleitet wurde der Abend von Radiomoderatorin Stefani Josephs. Geladen waren Daniela Fricke, Kirchenrätin und Beauftragte für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung der evangelischen Kirche, Berthold Zeppenfeld, Vertreter der Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche" und David Berger, Publizist und römisch-katholischer Theologe, aber auch Kritiker der katholischen Kirche. Thematisiert wird in dem Stück unter anderem die Vergewaltigung einer Schülerin durch ihren Lehrer. Daniela Fricke berichtete von Ansprechpartnern und seriösen Hilfsangeboten, die allerdings noch bekannter werden müssten. Doch Prävention beginne schon früher: Ihrer Meinung nach sollten Frauen bereits in der Schule vermittelt bekommen, Nein zu sagen. Das Publikum äußerte sich verhalten dazu. Das sei zwar ein guter Ansatz, aber ein Nein sei nicht immer die Lösung. Und auch Gespräche würden sich schwierig gestalten: "Ich habe keine Worte dafür, um über meine Sexualität frei zu reden. Die Kirche tabuisiert solche Themen", kritisierte eine junge Frau. Das Zölibat und die Rolle der Frauen Die Missbrauchsstudie, die im vergangenen Jahr von der katholischen Bischofskonferenz veröffentlicht wurde, war ebenfalls ein großer Streitpunkt an diesem Abend. Während Berger behauptete, die Missbrauchsfälle würden dazu genutzt, Kirchenreformen durchzusetzen, berief sich Zeppenfeld auf einige Zahlen um Reformen anzumahnen. Im Durchschnitt seien die Opfer zwölf Jahre und die Täter ca. 40 Jahre alt gewesen. Seiner Meinung nach sei eine der Ursachen eine unreife Sexualität der Täter. Deshalb halte er es für wichtig, über das Zölibat und die Rolle der Frauen in der Kirche zu diskutieren. "Sexuelle Gewalt wird in solchen Studien nicht richtig abgebildet, und ich finde es lächerlich, sich darauf zu beziehen", äußerte sich daraufhin eine aufgebrachte Zuschauerin. Ein weiterer Gast fragte Dramaturgin Sophia Lungwitz, warum der Islam im Stück nicht thematisiert werde. Dies sei laut Brunner der Länge des Stückes, 150 Minuten mit Pause, geschuldet. Sie hätten sich auf das Christentum beschränken müssen, aber nicht, weil sie Missbrauch in anderen Religionen verheimlichen wollten. Daraufhin entbrannte eine Diskussion um legalisierte Formen der Gewalt in anderen Ländern. Berger kritisierte, dass Zwangsehen mit Minderjährigen, die innerhalb fremder Kulturen geschlossen wurden, in Deutschland anerkannt seien. Eine Dame aus dem Publikum empfand diese ihrer Meinung nach islamophobe Äußerung jedoch nur als Ablenkungsmanöver, um die eigenen Probleme nicht thematisieren zu müssen. Brunner lobte jedoch die Bereitschaft der Gäste zu disktutieren; diesen Austausch empfinde sie als entscheidend. Missbrauch in öffentlichen Institutionen müsse unbedingt mehr zum Thema gemacht werden. Sie selbst habe während der Arbeiten am Stück erkannt, wie wenig sie noch darüber wisse. Nach einer weiteren Aufführung am Donnerstag, 30. Januar, wird es nochmals eine Podiumsdiskussion und die Möglichkeit für einen Austausch geben.

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