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Ruth Ouannou reiste mit ihrem Mann Shlomo nach Atteln, um das Haus zu sehen, in dem ihre Mutter Grete (Foto auf dem Smartphone) 1905 zur Welt kam. - © Jens Reddeker
Ruth Ouannou reiste mit ihrem Mann Shlomo nach Atteln, um das Haus zu sehen, in dem ihre Mutter Grete (Foto auf dem Smartphone) 1905 zur Welt kam. | © Jens Reddeker

Lichtenau So erkundet eine Israelin ihre Wurzeln im Kreis Paderborn

Dank der Arbeit und der Hilfe von Paderborner Heimatforschern kann eine Frau aus dem Nahen Osten etwas zu Ende bringen, das im Vorjahr noch knapp gescheitert war

Jens Reddeker
06.10.2019 | Stand 06.10.2019, 17:44 Uhr

Lichtenau-Atteln. Treffen im Ortskern, dann ein kleiner Fußmarsch zur Straße Unterm Tigge. Und plötzlich steht Ruth Ouannou vor dem weißen Haus mit den dunklen Fachwerk-Balken. 3.000 Kilometer entfernt von zu Hause. Aus Jehud in Israel ist sie mit ihrem Mann nach Atteln gereist, um zu den Wurzeln ihrer Familie zurückzukehren. Zum Geburtshaus ihrer Mutter, die als Jüdin in Deutschland noch rechtzeitig den Nazis entkommen ist. 1905 erblickte Grete Rosenberg in Atteln das Licht der Welt, ging später nach Düsseldorf und zog 1937, vier Jahre nach Hitlers Griff zur Macht, nach Israel. Grete Rosenberg lebte bis zum Tod 1989 ein erfülltes Leben, war eine herzliche Frau, die gerne lachte, wie Bilder belegen, die ihre Tochter auf dem Smartphone zeigt. Vor Mamas Geburtshaus holt sie es aus der Tasche, ruft ihren Bruder an, macht Fotos und steht einfach da. „Ich mag das Haus", sagt die 78-Jährige auf Englisch. Was ihr durch den Kopf geht beim Anblick des Gebäudes? „So viel, mir schwirren so viele Gedanken durch den Kopf", sagt sie und ist ergriffen. Im Haus wohnt heute eine Familie, dazu gehört eine Podologie-Praxis. Leiter der Schloß Neuhäuser Mastbruchschule Kurios: Schon im Vorjahr hatte Ruth Ouannou mit ihrem Mann Shlomo (79) Atteln besucht – das Haus der Mutter fand das Paar jedoch nicht. Dass es nun soweit kam, hat die Familie dem Einsatz von Jost Wedekin und Gerda Mörchen zu verdanken. Der Pensionär Wedekin war von 1972 bis 1997 Leiter der Schloß Neuhäuser Mastbruchschule und hat sich im Ruhestand wiederholt der Geschichte der Juden im südlichen Paderborner Land gewidmet. Nach einem 250 Seiten umfassenden Werk über die Haarener Landjuden, das 2008 herauskam, hat er mit seiner früheren Lehrerkollegin Mörchen die Geschichte der Landjuden in Atteln erforscht. Er kennt die Gegend dort gut, von 1968 bis 1972 war er Rektor der damaligen Hauptschule Atteln-Haaren. Schon im 17. Jahrhundert sind in Lichtenau jüdische Einwohner bezeugt. Im 18. Jahrhundert gehörten eine Synagoge und ein jüdischer Friedhof zur Stadt. Spontaner Plan führt ins Paderborner Land Vor einem Jahr war im Attelner Spieker und im später im Paderborner Kreishaus eine Ausstellung über die Attelner Landjuden zu sehen – und Wedekin/Mörchen verfassten eine 64-seitige Broschüre. Die fand über Cousine Helene Rosenberg aus Magdeburg den Weg zu Ruth Ouannou nach Jehud. „Wir haben vor einem Monat das Heft bekommen und dann unsere Deutschland-Reise umgeplant", sagt die freundliche Frau mit der großen Sonnenbrille. Sie wollte die Chance, beim zweiten Besuch in Atteln, endlich ihren Herzensort zu finden, beim Schopfe packen. Gemeinsam mit ihrem Mann verbringt sie eine Woche in Deutschland. Von Rüsselsheim aus fuhr das Paar ins Paderborner Land. In Lichtenau stieß mit der Israelin Ruth Shoshani eine dritte Cousine zur Rosenberg-Sippe dazu, ihre Vorfahren stammen aus Haaren. Beim Treffen auf dem neuen jüdischen Friedhof besuchten sie auch Gräber von Vorfahren der Rosenbergs. In Atteln wird der Besuch aus Israel dann ortskundig geführt. Jürgen Vahle vom Heimatverein und Ortsheimatpfleger Heiner Voss kennen den Weg, beantworten Fragen – und lassen der Familie Zeit. Zeit zum Schauen und zum Aufsaugen der Eindrücke im Dorf, das heute nur noch wenig mit der Epoche zu tun hat, als Grete Rosenberg hier auf den Straßen spielte. Ihr Geburtshaus vom Ende des 18. Jahrhunderts verkaufte die letzte jüdische Besitzerin 1936 laut Unterlagen an eine Freundin. Später wohnte dort Familie Menne, die unter anderem Bekleidung und Kurzwaren verkaufte und einen Malerbetrieb führte. Grete Rosenberg hat ihre deutschen Wurzeln auch mit nach Israel genommen. „Zu Hause wurde viel Deutsch gesprochen", sagt Ruth Ouannou, deren deutschstämmiger Vater sich weigerte, hebräisch zu lernen. Wo die Mutter ihre Muttersprache lernte, hat die Tochter nun endlich mit eigenen Augen gesehen.

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