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Englische Besatzungszeit Hauptquartier der Briten Königshof
Englische Besatzungszeit Hauptquartier der Briten Königshof
Bad Oeynhausen

Unterrock aus Fallschirm geschneidert

Zeitzeugen Gisela Heidemann (88) rettete ihre Puppe vor den englischen Besatzern

Nicole Sielermann
26.05.2015 | Stand 26.05.2015, 16:50 Uhr

Bad Oeynhausen. Acht Tage hatten Gisela Heidemann, geb. Splittstösser, und ihre Mutter im Mai 1945 Zeit, ihre Wohnung zu räumen. Mitnehmen durften sie Lebensmittel, Decken, Kleidung und kleine persönliche Gegenstände. Tröpfchenweise brachten sie die Habseligkeiten nach Vlotho-Uffeln. „Ich habe meine Puppe vor den Engländern gerettet“, sagt Gisela Heidemann. Die damals 18-Jährige wollte auf ihre Spielgefährtin aus der Kindheit nicht verzichten. Erst nach 14 Jahren kehrte sie in die Wohnung an der Dr.-Braun-Straße zurück.

In der Nummer neun wohnte Gisela Heidemann damals mit ihrer Mutter. „Mein Vater war im Krieg“, sagt die heute 88-Jährige. Als Einquartierung hatten Mutter und Tochter einen Oberstabsapotheker in der Wohnung. „Während andere zum Arbeitsdienst in die Weserhütte mussten, habe ich meinen im Lazarett geleistet.“

Die 88-jährige Gisela Heidemann rettete ihre Puppe vor den Besatzern. Hier zeigt sie den sogenannten Persilschein - die Entnazifizierungsbescheinigung.
Die 88-jährige Gisela Heidemann rettete ihre Puppe vor den Besatzern. Hier zeigt sie den sogenannten Persilschein - die Entnazifizierungsbescheinigung.

Als 1945 der Räumungsbefehl kam, weil die Engländer die Innenstadt als Hauptquartier nutzen wollten, hatten Gisela Heidemann und ihre Mutter keine Ahnung, wo sie hinsollten. „Der Apotheker hat uns mit zu seinen Eltern nach Uffeln genommen“, erzählt sie. Über die Weser hätten sie dafür müssen. „Neben dem Haus gab es eine kleine Kate, in der wir mit einer Ziege und einem Schwein gelebt haben.“ Teilweise mit dem Fahrrad und einem kleinen Bollerwagen hat Gisela Heidemann die Sachen transportiert. „Über die zerschossene Weserbrücke führte der Weg – unter Lebensgefahr.“ Den Rest lieferte ein Bekannter mit einem kleinen Auto nach. „Nur die Sachen von meinem Vater – die konnten wir nicht retten“, erinnert sich Gisela Heidemann. Das habe ihn später, als er aus dem Krieg zurückgekehrt sei, schwer getroffen.

„Auf dem Weg nach Uffeln wurde ich einmal von zwei ehemaligen russischen Kriegsgefangenen angehalten“, erzählt die 88-Jährige. „Ich hatte solche Angst, mir kamen die Tränen.“ Schluchzend erzählte die junge Gisela, dass ihr Vater auch im Krieg sei. „Sie ließen mich weiterfahren.“

Es sei eine bewegte Zeit gewesen, sagt die 88-Jährige. „Die Enge war schrecklich, zudem gab es kaum etwas zu essen.“ Aber die Menschen hätten auf eine ganz besondere Weise zusammengehalten und so vieles überstanden.

Schon vorher, in den letzten Kriegstagen, hatte Gisela Heidemann ein Flugblatt gefunden. „Bielefeld und Minden werden wir schon finden. Bad Oeynhausen wollen wir schonen, da wollen wir selber wohnen“, habe dort gestanden. Von diesen englischen Flugblättern haben gerade in den Nachkriegsjahren viele Bürger berichtet. Doch laut der städtischen Chronik hat nach dem Krieg niemand eines gesehen. „Ich hatte mir extra eins aufgehoben“, sagt Gisela Heidemann. Aber leider sei es irgendwann in ihrem Leben verloren gegangen.

Gefunden hat die damals 18-Jährige auch einen Fallschirm. „Den mussten wir ja eigentlich sofort abgeben.“ Doch Gisela Heidemann nahm ihn mit und schnitt sich ein wunderschönes großes Stück heraus. „Da habe ich mir einen schönen Unterrock draus genäht“, sagt sie schmunzelnd.

Später, als der Engländer sein Hauptquartier in der Kurstadt eingerichtet hatte, wurden die jungen Frauen per Lastwagen zum Dienst ins Amtsgericht gefahren. „Wir sollten dort putzen.“ Ordnung schaffen, nachdem die Amerikaner das Gebäude verlassen hatten. „Die Soldaten hatten die Räumen teilweise als Toilette genutzt. Ich habe mich geweigert, das zu putzen“, erinnert sich Heidemann. Sie durfte gehen.

Vier Jahre lebte Gisela Heidemann in Uffeln, dann zog sie mit der Mutter nach Herford. Sie machte ihr Notabitur und arbeitete als Supervisor beim Engländer in der Transportlogistik. „Dort in Herford habe ich auch meinen Mann kennengelernt.“

In der Zwischenzeit war zudem der Vater aus dem Krieg zurückgekehrt und die Eltern zogen 1959 zurück in die alte Wohnung an der Dr.-Braun-Straße. „Meine Eltern haben später sogar eine kleine Entschädigung bekommen.“

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