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Der Überfall Russlands auf die Ukraine wirft viele Fragen auf. Mögliche Antworten diskutierten Nike Alkema (v. l.), Jens Teutrine, Tobias Jaehn, Tanja Schuh, Moderator Thorsten Engelhardt und Bjarne Wohlfahrt. - © Knut Dinter
Der Überfall Russlands auf die Ukraine wirft viele Fragen auf. Mögliche Antworten diskutierten Nike Alkema (v. l.), Jens Teutrine, Tobias Jaehn, Tanja Schuh, Moderator Thorsten Engelhardt und Bjarne Wohlfahrt. | © Knut Dinter

Oerlinghausen/Leopoldshöhe Wie Jugendliche mit dem Krieg in der Ukraine umgehen

Der FDP-Stadtverband diskutiert mit jungen Menschen, wie Angst und Ohnmachtsgefühle angesichts des Krieges in der Ukraine überwunden werden können.

Knut Dinter
03.05.2022 , 08:17 Uhr

Oerlinghausen/Leopoldshöhe. Der Krieg in der Ukraine treibt auch Jugendliche in Westlippe um. Gefühle von Angst und Unsicherheit herrschen vor. Bei der Diskussionsrunde der FDP „Wie sieht unsere Zukunft in Europa aus?“ kamen in der Oerlinghauser Heinz-Sielmann-Schule diese Sorgen zur Sprache.

„Seit dem 24. Februar ist Realität, was vielen schon unmöglich schien: In Europa fordert ein Krieg wieder unzählige Opfer“, sagte der FDP-Stadtverbandsvorsitzend Oerlinghausen/Leopoldshöhe, Tobias Jaehn. Um über die Folgen zu sprechen, hatte er Tanja Schuh von der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft in Bielefeld, Nike Alkema, Leiterin des St. Hedwighauses, Schüler Bjarne Wohlfahrt und den Bundestagsabgeordneten Jens Teutrine als Gesprächspartner eingeladen.

Starke Betroffenheit löste Tanja Schuh aus, als sie schilderte, wie es ist „plötzlich keinen Strom, keine Heizung und keine Nahrung mehr zu haben“. In der Ukraine geboren, lebt sie seit 29 Jahren in Deutschland. „Ich werde immer ergriffener, je mehr ich darüber berichte“, sagte sie. „Ganz stark hat mich die Trennung der Familien, der Väter von ihren Kindern bewegt.“ Die aktuelle Situation sei undurchschaubar. „Man fühlt sich machtlos, auch wenn man so wie unsere kleine Organisation versucht zu helfen.“ Die Deutsch-Ukrainische Gesellschaft hat bereits 15 Hilfstransporte auf den Weg geschickt.

„Die Angreifer vertreibt man nicht mit Fäusten“

Über die Ukraine sprechen ausnahmslos alle Jugendlichen untereinander, berichtete Bjarne Wohlfahrt. „Jeder hat den Begriff Krieg schon mal gehört, aber jetzt ist es nur 1.600 Kilometer entfernt. Das ist ein ganz anderes Gefühl“, sagte der 16-jährige Schüler. Er selbst habe seine Einstellung zum Waffeneinsatz geändert. Die russischen Angreifer „vertreibt man nicht mit Fäusten“, meinte er. Aber wie weit kann man gehen? „Klar, wir müssen Stärke zeigen.

Aber was passiert, wenn man damit den dritten Weltkrieg auslöst?“ „Ob wir es wollen oder nicht, wir befinden uns schon im dritten Weltkrieg“, lautete die These von Tanja Schuh. „Gegen die Ukraine wird schon seit langer Zeit mit Worten geschossen. Putins Sprache ist eine Gangstersprache.“ Man könne nicht sicher sein, ob er nicht weitere Länder angreifen werde. Aber wie geht man mit einem Land um, dessen Präsident jede Regel missachtet? Nike Alkema sah wenig Chancen für Gespräche. „Im Moment kann ich mir Putin nicht am Verhandlungstisch vorstellen“, sagte sie.

"Es ist nicht so, dass jemand einfach auf einen roten Knopf drückt"

Mehrfach fragten die anwesenden Jugendlichen, ob ein Atomkrieg wahrscheinlich sei. Allerdings gebe es dafür keine Anzeichen, meinten die Diskutanten auf dem Podium. „Selbst nach der inneren Logik Putins ist dies keine Option“, sagte Teutrine. Und Schuh ergänzte: „Die Menschen in der Ukraine fühlen sich relativ sicher. Es ist nicht so, dass jemand einfach auf einen roten Knopf drückt.“

Viel Kritik traf die Medien, die in der Vergangenheit nicht genügend recherchiert hätten. Schuh kritisierte, dass allzu gern die russische Sicht übernommen wurde. Teutrine sprach von einem „Informationskrieg“, ausgelöst durch den Zwang, möglichst schnell und damit oberflächlich zu berichten. Die Medien, aber auch die Politiker hätten „Scheuklappen“ getragen, meinte Alkema, sie hätten den Wissenschaftlern zu wenig Gehör geschenkt.

Was tun, wenn Jugendliche der russischen Propaganda verfallen? Dann komme es auf persönliche Gespräche an, meinte Teutrine. „Man kann sich weiterhin mit Freunden treffen, die eine abweichende Meinung haben, auch wenn es schwer ist“, schlug er vor. Alkema ergänzte, dass es nicht auf Stimmungen, sondern auf rationale Argumente ankomme.

Generell müsse mehr für die Völkerverständigung getan werden, darin waren sich alle Anwesenden einig. Ein intensiver Jugendaustausch könne Vorurteile entkräften und zur Versöhnung beitragen. Beispielhaft wies eine Schülerin des Niklas-Luhmann-Gymnasiums auf die neue Partnerschaft mit der Schule im polnischen Chelm hin. Das Ohnmachtsgefühl, persönlich keinen Einfluss zu haben, könne man nur durch Handeln zurückdrängen, sagte Teutrine überzeugt. Vor allem aber dürften Freiheit und Demokratie nicht als selbstverständlich angesehen werden. „Wir sollten einen ‚Gesundheitscheck‘ für unsere Demokratie machen“, regte er an. „Der Krieg in der Ukraine ist auch ein Angriff auf unsere Wertordnung.“

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